Auch Puppen können slammen

Wenn Puppen zum Poetry Slam einladen, bleiben die Texte nicht einfach Worte. Gina Walter, Richi Küttel, Joël Perrin und Jan Rutishauser waren am Wochenende zweimal zu Gast bei den Puppen Gertrud und Horst im St. Galler Figurentheater.

Mirjam Bächtold
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«Für Note 10 braucht es mindestens einen kollektiven Orgasmus im Publikum», erklärt Puppe Horst den sechs Juroren im Pu­blikum, wie sie die Texte bewerten können. Worauf seine prüde Puppenkollegin Gertrud entsetzt aufschreit und einen Schluck aus ihrer Schnapsflasche trinkt.

Vier Slampoeten stehen an diesem Dichterwettkampf am Freitagabend im Figurentheater auf der Bühne. Das Besondere daran: Er wurde von den Klappmaulpuppen Gertrud Müller und Horst Hablützel moderiert, und die Schauspieler des Figurentheaters erweckten die Texte zum Leben, indem sie das gesprochene Wort auf einfache Weise darstellten.

Poetry Slam rückt alltägliche Dinge ins Rampenlicht. Wie etwa Salatbesteck und Din-A4-Papier, Dinge, die wir für selbstverständlich nehmen. Doch Jan Rutishauser und Gina Walter geben ihnen eine Bühne. Widmen ihnen Zeit, in der sie die treffendsten, witzigsten, provokantesten Worte suchen und präsentieren.

Alltagsgegenstände werden lebendig

Rutishauser, der die Scuola Teatro Dimitri absolviert und bereits zwei Comedyprogramme geschrieben hat, macht den Anfang. Fünf Minuten widmet er einem banalen Alltagsgegenstand und erzählt, wie er gebrauchtes Salatbesteck im Internet gesucht hat. Eliane Blumer tanzt mit Salatbesteck, auf welches Bilder von Gesichtern geklebt sind, auf einem Tisch herum.

Ebenfalls einem Alltagsgegenstand schenkt Gina Walter sechs Minuten auf der Bühne. Die 21-Jährige hat 2015 mit dem Slammen begonnen und vor zwei Jahren die U20-Schweizer-Meisterschaften gewonnen. Sie erzählt die Geschichte von Andreas 4, kurz A4, einem weissen, formschönen Papier, das in der Mitte seiner Verpackung lebte und sich unbefüllt und unbenutzt fühlte.

Papierflieger ins Publikum

Bis es endlich in den Drucker gelegt wird. Mit einfühlsamen Worten schildert die Baslerin die Lebensreise eines Papiers. «Andreas wird mit Schwarz, Gelb, Cyan und Magenta geduscht, es kribbelt, es fühlt sich an wie ein Tanz – ein Ausdruckstanz.» Schauspielerin Barbara Ochsner schmeisst auf der Bühne mit Blättern um sich, zerknüllt sie, faltet Flieger und wirft sie ins Publikum.

Während Gina Walters Worte die Handlung vorgeben, gehen Joël Perrins Worte unter. Es ist ein grosses Thema, das der Medizinstudent aus Männedorf gewählt hat: Masken, die nicht nur auf der Bühne getragen werden, sondern im Alltag die Schrammen auf der Seele verdecken sollen. Rahel Werner tanzt mit Masken auf dem Kopf, auf den Brüsten an den Knien und zieht die Aufmerksamkeit weg von Perrins rasant gesprochenem Text.

Auch sein zweiter Text, mit demselben Titel wie Ernest Hemingways Roman, «Der alte Mann und das Meer» tritt neben dem Spiel in den Hintergrund. Rahel Werner hat ein bärtiges Gesicht mit Pfeife auf ihr Schienbein gemalt. Ihr anderes Bein wird mit grüner Flosse am Fuss zur Meerjungfrau, die den alten Mann in den Tod im Meer – einer Plastikkiste mit Seifenwasser – treibt. Eine tolle Darstellung, die leider zu sehr von den Worten ablenkt.

Der in der Ostschweiz bekannte Slampoet Richi Küttel nimmt selbst eine Puppe in die Hand. Gemeinsam mit Lukas Bollhalder und dessen Puppe Horst spielt er eher einen Sketch, als dass er slammt. Zwei Appenzeller mit «Ohreschuefle» schauen in den Himmel und seufzen. Mit nicht ganz astreinem Innerrhoder Dialekt zeigt Küttels Appenzeller die Innerrhoder Sternbilder: Den grossen Bläss, den Kuhfladen oder die Südwooscht.

Boxkampf zwischen Auto- und Velofahrern

Gertrud und Horst führen mit witzigen Sprüchen durch die Show. Die zwei Klappmaulpuppen werfen sich mit fortschreitendem Abend immer mehr Beleidigungen an den Kopf wie etwa «Sie haben nur Schaumstoff im Kopf!» oder «Sie hat ja schon jemand auf dem Arm». An die Beleidigungen aus Gina Walters zweitem Text kommen sie jedoch nicht heran.

Wie einen Boxkampf moderiert die Baselbieterin den täglichen Kampf zwischen Autofahrer und Fahrradfahrer. Mit Bildern, die auf eine Wand projiziert werden, untermalt Barbara Ochsner den Text und übernimmt die fluchende Rolle des Autofahrers.

Denn Auto- und Fahrradfahrer sind Erzfeinde, sind «wie Basler und Zürcher, wie Tom und Jerry, wie Zahnpasta und Orangensaft». Wie in einem Rollenspiel fluchen sich die beiden gegenseitig an, bis ein noch schlimmeres Übel auftaucht: Der E-Bike-Fahrer. Mit treffenden und bissigen Worten schildert Gina Walter den morgendlichen Wahnsinn des Pendlerverkehrs. Der Sieg, den das Publikum an diesem Abend Gina Walter zuspricht, ist verdient.