Film

Eine Auseinandersetzung mit dem Antirassismusdrama «Antebellum» ohne Spoiler

In der modernen Welt eine viel beachtete Buchautorin kämpft Veronica (Janelle Monáe) als Sklavin Eden für ihre Freiheit.

In der modernen Welt eine viel beachtete Buchautorin kämpft Veronica (Janelle Monáe) als Sklavin Eden für ihre Freiheit.

Der kühn konzipierte US-amerikanische Spielfilm «Antebellum» hat’s in sich. Und mit der politisch engagierten Sängerin und Schauspielerin Janelle Monáe die Idealbesetzung gefunden.

Nein, «Antebellum» ist kein Horrorfilm, auch wenn er als solcher angekündigt wird. Ausgenommen, man verwendet das Wort wie im Volksmund und meint damit, eine Situation sei Horror. Dann schon. Denn was Veronica im US-amerikanischen Spielfilm passiert, ist tatsächlich der Horror. Die Soziologin und Buchautorin Dr. Veronica Henley (Janelle Monáe) erwacht nach 40 Filmminuten aus dem schlimmsten Albtraum.

Die Regisseure Gerard Bush und Christopher Renz spielen nicht mit Horrorversatzstücken. Der Traum – oder die Realität? – ist schlimm genug. Der Film beginnt wie ein Sklavendrama. Und er beginnt stark: So eine Eröffnungssequenz hat man schon lange nicht mehr gesehen. Die mehrere Minuten andauernde Plansequenz wirft den Zuschauer mitten ins grausame Geschehen auf einer Südstaatenplantage während des Sezessionskriegs. Die von Eden alias Veronica angeführte Flucht ist gescheitert, der Sadismus der Peiniger, aus unerträglicher Untersicht gefilmt, grenzenlos.

Janelle Monáe spricht ­Missstände direkt an

Die afroamerikanische Sängerin und Schauspielerin Janelle Monáe gehört zu den tiefsinnigsten und politisch engagiertesten Künstlerinnen ihrer Generation. In «Dirty Computer», einem der wichtigsten Alben von 2018, plädiert Monáe für Inklusion und prangert den Rassismus direkt an. Das macht sie zur Idealbesetzung in diesem kühn konzeptionierten Film, über dessen Handlung man vor dem Kinobesuch nicht zu viel wissen sollte.

Als Schauspielerin hat die 34-Jährige aus Kansas City in «Moonlight», «Hidden Figures» und «Harriet» ihr Talent unter Beweis gestellt und nun mit ihrer ersten Hauptrolle bekräftigt. Es sind Rollen in Filmen, die sich mit afroamerikanischen Erfahrungen beschäftigen, im Jetzt und in der Vergangenheit. Es sind weibliche Heldinnen, die menschliche Wärme, Klugheit, Mut und Beharrlichkeit auszeichnen und deshalb als Vorbilder taugen: stolze und selbstbewusste afroamerikanische Frauen.

Wie im Film so im wirklichen Leben und umgekehrt. Ihre Dr. Henley in «Antebellum» ist eine Art wissenschaftlich gefestigte Michelle Obama, deren Vorträgen ein vorwiegend weibliches Publikum in Scharen lauscht und applaudiert. Henley ist eine schwarze Intellektuelle, die am Fernsehen mit weissen Politikern über mangelnde Integration und Intersektionalität, die doppelte Diskriminierung der schwarzen Frau, diskutiert. Es gelte, die Schranken von Rasse, Religion und Geschlecht zu überwinden.

Der Tod von George Floyd im Mai hat die Black-Lives-Matter-Bewegung zu einer breiten Initiative gemacht. «Man kann nicht über Rechtsextremismus, systemischen Rassismus und Polizeibrutalität reden, ohne über Amerikas Ursünde, die Sklaverei, zu sprechen», sagte Janelle Monáe gegenüber dem «Guardian».

Über diesen Film wird man reden, auch bei uns

«Get Out» über den alltäglichen Rassismus gab vor zwei Jahren, viel zu diskutieren. Ein afroamerikanischer Albtraum auch «Antebellum», zwar weniger subtil, aber in vielerlei Hinsicht genial. Die Meinungen werden sich spalten, darüber reden wird man auf jeden Fall. Aus einem Land, dessen Präsident Rechtsextremismus nicht klar verurteilt, sondern sogar noch befeuert, erscheint einem dieser Zukunftspessimismus weniger verwegen.

«Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen.» Das William-Faulkner-Zitat ist dem Film vorangestellt. «‹Antebellum› stellt einen Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft her», sagt Monáe. «Und er zeigt, wie die Zukunft aussehen könnte, wenn wir nicht aufpassen.»

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