Künstlerhaus Boswil

Eine 300-jährige Scheune für neue Klänge

Das Künstlerhaus Boswil baut das Sigristenhaus aus. Kanton und Denkmalpflege sind glücklich

Wer Künstlerhaus Boswil sagt, meint eigentlich ein ganzes Ensemble. Im Zentrum die Alte Kirche als Konzertsaal mit ihrem neuen Foyer, daneben das ehemalige Pfarrhaus mit Küche, Begegnungsräumen und Gästezimmern, lauschig unter Bäumen die kleine Odilo-Kapelle. Hinter dem Ensemble liegt versteckt das Sigristenhaus. Der denkmalgeschützte Holzbau mit dem imposanten Dach soll nun aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und zum Haus der Musik werden. Zwei Probesäle, sieben Gästezimmer mit Nasszellen, Büros, Archive, Werkstatt, Sitzungszimmer, ein Lift für Instrumente und Menschen sind geplant.

Alte Hülle, neues Innenleben

Moderne Nutzung und Denkmalschutz: Für einmal ist dies keine Konfrontation, sondern ein fruchtbares Miteinander. Diesen Eindruck bekommt, wer die Pläne anschaut und vor allem, wer mit Architekt Gian Salis und Stiftungsrat Stefan Hegi redet. Von aussen präsentiert sich das Holzhaus alt: Stirnfassade geschindelt mit kleinteiligen Fensterreihen, die Aussenwände mit Holzplanken und Balken verkleidet. «Das Äussere wird praktisch unverändert bleiben», betont Salis. Im Innern jedoch, das zeigte ein Rundgang gestern Montag, haben er und die Denkmalpflege bereits tüchtig geräumt. Denn vieles hat erst der letzte Besitzer, der Glasmaler Albert Rajsek ein- und umgebaut. Doch der Kern ist alt. Ein Hochstudbau, eine dieser typischen aargauischen zeltartigen Konstruktionen mit tragenden Pfosten in der Mitte, welche die Firstpfette und damit das Dach tragen. Neckisches Detail: Anhand einer Probebohrung konnte die Denkmalpflege, den Bau genau datieren. Das Holz wurde im Winter 1699 geschlagen, das Haus ursprünglich nur eine Scheune, wohl 1700 gebaut.

2020 ist Eröffnung

«Vom alten Kern wird mehr als die Hälfte erhalten», beton Architekt Salis. «Die Aussenfassade ist zum Beispiel in gutem Zustand. Aber die Konstruktion ist zu schwach.» Eine zweite Konstruktionsschicht aus Holz soll eingebaut werden, die Überdach, gedämmte Böden etc. tragen kann. Auch die Zwischenwände bestehen heute nur aus Holzplanken mit Zwischenräumen, untragbar für neue Gästezimmer. Die Aussenfassade und die alten Fenster werden von innen gedämmt, bzw. aufgedoppelt. Grössere Fenster im Giebel bei den Proberäumen oder im Sitzungszimmer-Anbau werden durch Holzlamellen verkleidet. Kernstück wird das bis zum Dach offene Treppenhaus im ehemaligen Tenn in der Hausmitte. «Hier wird man die Konstruktion erleben können», ist Salis überzeugt.

«Die Pläne sind nach intensiven Diskussionen, nach einem Wettbewerb 2014 gemacht worden, das Baugesuch ist eingereicht, Einsprachen gab es keine und die kantonalen Stellen haben ihre Zustimmung zum Umbau gegeben», umreisst Stiftungsrat Hegi den Stand. 2018/19 sei Baubeginn, 2020 Eröffnung.

Haus der Musik

Seit 2006 positioniert sich das Künstlerhaus – nach Phasen als Künstleraltersheim und Kulturzentrum – als Haus der Musik. «Wir haben seither die Anzahl Veranstaltungen, Bildungsprogramme, das Team und das Budget verdoppelt», sagt Geschäftsführer Michael Schneider. 2018 hätten beispielsweise 29 Kurswochen und Probeweekends stattgefunden. Support erhält er vom Chef der kantonalen Abteilung Kultur. Thomas Pauli schreibt auf Anfrage: «Seit der Neuausrichtung als ‹Ort der Musik› hat sich das Künstlerhaus Boswil sehr erfolgreich als einer der wichtigsten Anbieter für klassische Musik im Aargau positioniert und geniesst auch in der Fachwelt einen ausgezeichneten Ruf.» Kein Wunder also, ist Boswil seit 2011 einer der kantonalen Leuchttürme, der Vertrag wurde von der Regierung 2016 verlängert.

Das Publikum kennt Boswil vor allem wegen seiner Meisterkonzerte, seines Festivals Boswiler Sommer. Es ist aber auch Homebase des Jugendorchesters Freiamt, des Aargauer Jugendsinfonieorchesters, des Ensembles Boswil für Neue Musik. Das Konzept mit Veranstaltung, Produktion, Jugendförderung und Vermittlung passt zum kulturpolitischen Kurs des Kantons. Pauli: «Gemäss Kulturkonzept des Kantons Aargau 2017–2022 sollen Kulturleuchttürme zukünftig verstärkt die Rolle als Kooperationsmotoren übernehmen.»

Dafür brauche es zusätzliche Gästezimmer, grössere Proberäume und für das Organisationsteam mehr als ein Büro, betont Schneider. Knacknuss sind wie immer die Finanzen. Aus drei Säulen sollen die insgesamt 5,4 Millionen Franken für die Sanierung des Sigristenhauses stammen, so Hegi: Kanton, Stiftungen und private Spender sowie ein Überbrückungskredit. Dazu kommt Geld aus dem Verkauf des Atelierhauses beim Parkplatz an die Ortsbürger Boswil.

Mit dem Ausbau des Sigristenhauses komplettiert und konzentriert das Künstlerhaus Boswil sein Ensemble auf dem Moränenhügel sowie die Betriebs- und Proberäume unter einem einzigen, riesigen Dach. Ein schönes Bild.

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