Kultur

Ein Zürcher Intendant triumphiert in Genf: Das Grand Théâtre ist «Opernhaus des Jahres»

Aviel Cahn - Opernintendant mit Visionen.

Aviel Cahn - Opernintendant mit Visionen.

Kaum ist Aviel Cahn in Genf angetreten, ist sein Opernhaus bereits zum «Opernhaus des Jahres» gekürt worden. Ein Triumph - auch über das Opernhaus Zürich.

Erstaunlich: Kaum ist Aviel Cahn (*1974) in Genf richtig angekommen (und dann coronabedingt ausgebremst worden), ist sein Haus laut Magazin «Opernwelt» neben der Oper Frankfurt auch schon «Opernhaus des Jahres». Ein Triumph. Zürich wurde noch nie gewählt. Vor zehn Jahren gelang es einem Schweizer Haus, dem Theater Basel, das letzte Mal, die knapp 50 Kritikerinnen und Kritiker zu überzeugen. Und gewiss: Nicht immer stimmte diese Meinung mit dem Publikum überein.

Im Herbst 2019 war Cahn angetreten, die stolze, aber etwas in Vergessenheit geratene Genfer Oper wieder in den Fokus der europäischen Opernfreunde zu bringen. Der Zürcher denkt nämlich Oper neu, heckt sie fast immer aus für die Stadt oder das Land, wo er arbeitet. Er will mehr, als alte Operngeschichten einem modernen Publikum schmackhaft machen. Er sucht gesellschaftliche Relevanz. In Antwerpen hat er es in den zehn Jahren seiner Amtszeit vorgezeigt.

Finnland, Bern, Zürich, Antwerpen und dann Genf

2001 bis 2004 war er an der finnischen Nationaloper Direktor der künstlerischen Planung, dann wurde er Operndirektor in Bern, 2007/08 war er auch ein eher unglücklicher Direktor des Zürcher Kammerorchesters. 2009 wurde er Intendant der Flämischen Oper in Antwerpen/Gent. Regisseure wie Michael Thalheimer, Peter Konwitschny oder Calixto Bieito brachte er zum ersten Mal nach Belgien. 2013 inszenierte Oscarpreisträger Christoph Waltz zur Überraschung der staunenden Welt den «Rosenkavalier».

Mit einem Minimal-Music-Happening von Philip Glass, mit «Einstein on the Beach», startete er 2019 in Genf heiter poppig – und überraschend – in seine erste Saison. Die Produktion lockte auch ein neues Publikum an, bei 80 Prozent lag die Auslastung – 1500 Plätze zählt das Grand Théâtre. Aber der Opernfanatiker Cahn versteht sich auch auf Opernkulinarik, wie er mit «Aida» zeigte. Später stürzte er mit der «Entführung aus dem Serail» ab, obwohl auf dem Papier alles stimmte.

Für Mozarts «Entführung», in der zwei junge Frauen von einem türkischen Pascha gefangen gehalten werden, hatte Cahn Asli Erdogan gebeten, die gesprochenen Passagen neu zu schreiben: Eine türkische Autorin, die 2016 für 132 Tage im «Haus aus Stein» (das Foltergefängnis Sansaryan Han und Titel ihres gleichnamigen Buchs) gefangen gehalten wurde, jetzt im Exil lebt, deren Thema Frauen sind, die ihren Platz im Leben und in der Gesellschaft suchen.

Doch in der Zusammenarbeit mit Regisseur Luk Perceval kam die Schriftstellerin nicht weiter. Aber eben: Erst muss man auf diese Idee kommen. Scheitern ist in der Kunst erlaubt. Später wäre die Uraufführung von «Reise zur Hoffnung» angestanden – einer Oper von Christian Jost, die auf dem Film von Xavier Koller basierte. Messiaens «Saint François d’Assise» wäre gefolgt. «Ein Event», so Cahn im Winter, hätte doch der Künstler Adel Abdessemed Regie führen sollen. In Antwerpen war es einst Performerin Marina Abramovic. Mit solchen Aktionen ist Cahn am Puls der Zeit.

Auf Corona reagiert, der Härtetest folgt

Cahn gefragt, ob die Auszeichnung nicht zu früh komme, sagte gegenüber dieser Zeitung: «Es ist eine schöne Überraschung und grosse Ehre nach nur einer Saison Arbeit, diesen Preis und die damit verbundene Anerkennung zu erhalten. Das bestätigt die Wichtigkeit unserer Bemühungen, das Grand Théâtre zu erneuern mit einer originellen Programmation, die andere künstlerischen Disziplinen wie Film, Theater, Literatur und zeitgenössische Kunst in die Oper integrieren. Dieser Preis ist ausserdem eine Belohnung für alle unsere Mitarbeiter, die mit ausserordentlichem Engagement, viel Energie und Begeisterung die Neuausrichtung des Hauses mittragen.»

In die neue Saison 2020/2021 startete er mit einer netten Produktion von Rossinis «Cenerentola» – aber er hatte reagiert, Puccinis monumentale «Turandot» coronabedingt aus dem Programm gekippt. Ende Oktober spielt man Janáček «Die Sache Makropoulos», eine Aufführung, die 2016 in Antwerpen für Furore sorgte. Sie wird es auch in Genf tun. Vielleicht wird es auch die Deutschschweiz merken.

Autor

Christian Berzins

Christian Berzins

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