Mundart-Pop
Ein würdiger Abschied für Polo: Mundartszene organisiert denkwürdige Konzertreihe

Die Berner Mundartszene trifft sich in der Mühle in Rubigen zu einer denkwürdigen Tribute-Konzertreihe für Polo Hofer.

Stefan Künzli
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Einer der letzten öffentlichen Auftritte: Polo Hofer posiert während der Enthüllungszeremonie seines Denkmals am 16. Mai 2017 im Hafen in Oberhofen am Thunersee.
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Die Statue wurde vom Kuenstler Inigo Gheyselinck aus einer Weisstanne aus Polo Hofers Heimatort Interlaken hergestellt. Sie wird später auf dem Schiff "Blüemlisalp" montiert.
Gezeichnet von seinen Leiden: Polo Hofer.
Polo Hofer wurde mit der Mundart-Rockband Rumpelstilz berühmt. Hier 1975 an einem Konzert.
Rumpelstilz in einer Aufnahme vom 12. April 1972. Hintere Reihe, von links nach rechts: Hanery Amman, Schifer Schafer und Milan Popovich, vorne links sitzt Polo Hofer, rechts Kuere Guedel.
Rumpelstilz auf der Bühne.
Rumpelstilz in einer Aufnahme vom 3. Februar 1977, von links nach rechts: Milan Popovich (Bass), Polo Hofer (Vocals), Hanery Amman (Piano), Schifer Schafer (Gitarre) und Kurt Guedel (Schlagzeug).
In den 80er-Jahren kam Hofer mit seiner Schmetterband auf. Bis 2004 war er mit ihr aktiv.
Ein Auftritt am Openair "Rock gegen Hass" am 20. Juni 1993 in Lengnau.
Hier signiert Hofer ein T-Shirt eines Fans.
Passioniert: Polo Hofer.
Immer wieder provozierte Polo National, wie hier an einem Konzert in Fribourg am 1. April 2000.
Polo Hofer
2015 wurde Hofer als Schweizer des Jahres ausgezeichnet.
Exotisch: Polo Hofer 2007 auf der Kleinen Scheidegg.
Hofer trug wesentlich zur Popularisierung schweizerdeutsch gesungener Rock- und Popmusik bei.
Polo und die Stars: Hier begleitet er Udo Lindenberg auf die Bühne des Wankdorfstadions in Bern (1989).
Polo Hofer wurde als Schweizer des Jahres 2015 ausgezeichnet.
Den Namen „Polo“ erhielt er als Pfadfinder von Hugo Ramseyer, dem Gründer des Zytglogge Verlags, weil Polos Eltern im „Maison Hofer“-Modegeschäft in Interlaken bereits Polohemden anboten, was damals etwas Neues war.
Über vierzig Jahre stand Polo Hofer auf der Bühne.
Am Samstag, 22. Juli, ist Polo Hofer gestorben. Seine Familie hat den Todesfall bestätigt.
Polo Hofer während eines Interviews. Die folgenden Bilder entstanden im Sargatelier seiner Frau Alice Hofer.

Einer der letzten öffentlichen Auftritte: Polo Hofer posiert während der Enthüllungszeremonie seines Denkmals am 16. Mai 2017 im Hafen in Oberhofen am Thunersee.

Keystone

2017 war ein schwarzes Jahr für den Schweizer Mundart-Rock. Am 22. Juli 2017 starb Pionier Polo Hofer und am 30. Dezember folgte ihm auch noch Hanery Amman, dessen musikalisches Gewissen aus Anfangszeiten. Die Berner Mundartszene war geschockt, ein wirkliches Abschiedskonzert für den «Prototyp», wie sich Polo selbst nannte, gab es bisher aber nicht.

Das wird in diesen Tagen nachgeholt. Am Mittwoch war in der Mühle Hunziken in Rubigen Premiere zu einer 5-tägigen Konzertreihe zu Ehren des grossen Mundart-Poeten. Die Anteilnahme ist riesig, die Konzerte sind alle restlos ausverkauft.

HP Brüggemann erlitt Hirnschlag

Der Start zum Tribute wurde aber von einer traurigen Nachricht überschattet: Polos langjähriger Keyboarder und Komponist HP Brüggemann hat einen Tag vor den Proben einen Hirnschlag erlitten. Das war umso bedauerlicher, als Brüggemann als musikalischer Leiter der Tribute-Konzerte vorgesehen war. Er sei «auf dem Weg der Besserung» teilte Polos langjähriger Weggefährte Daniel Stöckli mit. Trotzdem musste er durch den Span-Keyboarder Stefan W. Müller sowie teilweise durch Marianna Polistena ersetzt werden. Beide erfüllten die Aufgabe bravourös.

Das Beste von Polo Hofer:

Rumpelstilz: Vogelfuetter (1975) «Vogelfuetter», das Debüt von Rumpelstilz – Polo Hofers erster grosser Band – war der Urknall des Mundartrocks. Die Musik war noch sehr jazz-rockig. Geprägt von der Musik der Jazz Crusaders. «El Trabajador» repräsentierte das Rebellische. Mit «Muschle» hatte die Band aber einen ersten Insider-Hit. Er deutete zumindest an, wohin die Reise mit dem Mundart-Rock Marke Polo Hofer gehen sollte.
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Rumpelstilz: Füüf Narre im Charre (1976) Mit dem Nachfolger «Füüf Narre im Charre» schufen Rumpelstilz bereits einen Klassiker des Mundart-Rock. «Teddybär», «Kiosk» und «D’Rosmarie und i» sind die Hits, doch auch die unbekannteren Songs haben Tiefgang. Ein in sich geschlossenes, stimmiges Album. Rumpelstilz haben sich gefunden.
Polo’s Schmetterding: Tip-Topi- Type (1979) Nach der Auflösung von Rumpelstilz engagierte Polo die Konkurrenz von der Mundartband Span, um seine an Bob Dylan geschulte Reimkunst zu begleiten. Das Schmetterding tut das geradlinig und harmoniebewusst und lieferte auf «Tip-Topi-Type» sein Meisterstück. Fescher Rock («Wägem Gäld»), Ohrwürmer («Oh Ramona») und Zeitloses («Wenn mys letschte Stündli schlat») finden ungezwungen zusammen.
Polo Hofer und die Schmetterband: Rütmus, Bluus + Schnälli Schue (1988) Mit der Gründung der Schmetterband wurde Polo zum unbestrittenen «Boss» des Mundartrock: Er füllte die Festzelte und führte die Hitparaden an. Auf «Rütmus, Bluus + Schnälli Schue» zeigte sich die perfekt eingespielte Combo souverän und spielfreudig: «Summer’ 68» und «Zigünerhärz» sind Hofer-Evergreens.
Rumpelstilz: Live Im Anker (1989) Polo Hofer hatte ein «Zigünerhärz», doch auf der Bühne war er zu Hause. Seine beste Liveplatte nahm er anlässlich einer Rumpelstilz-Reunion im legendären «Anker» Interlaken auf. Das Doppelalbum zeigte die fünf Charakterköpfe von Rumpelstilz in Hochform. Dass es hier um einen einmaligen Moment ging, hört man in diesen emotionalen Aufnahmen, die alle Stilz-Evergreens vereinen.
Polo Hofer und die Schmetterband: XangIschXung (2002) Von der Schmetterband verabschie-dete sich Polo Hofer wie ein Indianer. Die Abschiedstournee war ausverkauft, das letzte Album «XangIschXung» zeigte einen entspannten Polo, der gut bei Stimme war. Es schien, als sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen. Mit «Weisch no?» läutet er die «Retromania» ein, «Liebe Siech» wurde danach zum festen Bestandteil seines Live-Repertoires.
Polo Hofer: Ändspurt (2016) «E Zyt für aazcho, e Zyt für zgah», singt Polo in «Bald wird alles anders» mit brüchiger Stimme und deutet mehrfach an, dass seine Reise bald zu Ende sein wird. Sein letztes Album «Ändspurt» ist sein klingendes Vermächtnis. Polo Hofer, der sich immer als Chronist der Zeit verstanden hat, wurde zuletzt zum berührenden Chronisten seiner selbst.

Rumpelstilz: Vogelfuetter (1975) «Vogelfuetter», das Debüt von Rumpelstilz – Polo Hofers erster grosser Band – war der Urknall des Mundartrocks. Die Musik war noch sehr jazz-rockig. Geprägt von der Musik der Jazz Crusaders. «El Trabajador» repräsentierte das Rebellische. Mit «Muschle» hatte die Band aber einen ersten Insider-Hit. Er deutete zumindest an, wohin die Reise mit dem Mundart-Rock Marke Polo Hofer gehen sollte.

HO

Auf der Bühne in der Mühle standen jene zwei Bands, die Polo Hofer die letzten drei Jahrzehnte begleitet hatten. Im ersten Set die letzte Band mit den Gitarristen Marc Gerber und Mario Capitanio sowie Pesche Enderli (Bass) und Andi Hug (Schlagzeug). Im zweiten Set die Schmetterband (1984–2004) in Originalbesetzung mit den Gitarristen Tinu Diem und Remo Kessler, Mauro Zompicchiatti (Bass) und Thomas Wild (Schlagzeug).

Dazu gesellten sich die Gästsänger Kuno Lauener, Schmidi Schmidhauser, Büne Huber und Sina. Letztere beide auch in umjubelten Duetten. Besonders berührend fielen «Wenn mys letschte Stündli schlat» (Büne Huber) und «S’Gebet» (Polistena) sowie «Di Gfallene Ängel» und «S’Letschte Tram» (Sina) aus, bei denen die eine oder andere Träne verdrückt wurde. Sonst herrschte aber eine ausgesprochen ausgelassene Stimmung. Ein fröhliches Gedenken, an dem Polo selbst seine helle Freude gehabt hätte. Und ein würdiger Abschied.

Aufgrund der vielfältigen anderen Verpflichtungen der Musiker sind die Tribute-Konzerte eine einmalige Sache. Wer sie verpasst hat, darf sich aber auf eine Album-Veröffentlichung freuen, denn SRF wird die Konzerte vom Freitag und Samstag aufzeichnen. Geplant ist ein Doppelalbum des denkwürdigen Tributes.

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