Stefan Zweifel und Juri Steiner sind Experten der grossen gesellschaftlichen Umbrüche. In zwei kuratierten Ausstellungen für das Landesmuseum Zürich befassten sie sich bereits mit dem herannahenden Sturm des Ersten Weltkrieges (2014) sowie den Flausen des Dadaismus (2016). Nun stellen sie sich in ihrer dritten Ausstellung «Imagine 68» der revolutionären Atmosphäre von 1968. Dafür gibt es keinen geeigneteren Ort als das Landesmuseum, einen (Pflaster-)Steinwurf von der Bahnhofbrücke entfernt, wo vor fünfzig Jahren die Globus-Krawalle stattfanden.

Am Mittwochmorgen öffneten die Gastkuratoren die Türen zu ihrer Ausstellung für einen ersten «Probegalopp» (Juri Steiner) vor der offiziellen Eröffnung am Freitag. «Wir wollen keine nostalgische oder folkloristische Atmosphäre der Revolution [...] schaffen», erklärt Stefan Zweifel im Museumsmagazin. Getreu dem Namen sei die Ausstellung ein imaginärer Raum, fährt Zweifel fort, in dem die Leute sich ihr eigenes 1968 zusammensetzen sollen. Als Baumaterial dient den Besuchern dabei eine bunte Collage aus Originalobjekten, Filmen, Fotos und Kunstwerken, die den Erweiterungsbau des Museums füllen.

Die Gastkuratoren kreierten die Ausstellung zum Unruhejahr 1968 im Zürcher Landesmuseum. Die Besucher sollen sich "naiv hinein leben" können in die damalige Zeit.

Die beiden Kuratoren Stefan Zweifel, links, und Juri Steiner, rechts.

Die Gastkuratoren kreierten die Ausstellung zum Unruhejahr 1968 im Zürcher Landesmuseum. Die Besucher sollen sich "naiv hinein leben" können in die damalige Zeit.

John Lennon als Jesus

Auf der grossen Treppe begrüsst ein portabler Farbfernseher die Besucher mit der Anfangssequenz von «Full Metal Jacket» (1987), Stanley Kubricks Anti-Vietnamkrieg-Film. Der Krieg im fernen Osten war ein zentrales Thema, das die jungen Menschen damals auf die Strasse trieb. Dementprechend taucht er immer wieder in verschiedenen Formen innerhalb der Ausstellung auf.

Von den Kriegsbildern im Fernseher geht es weiter zur harten Realität des Kalten Krieges: Am Ende der Treppe thronen zwei riesige Flugabwehrraketen des Typs BL-64 «Bloodhound». Die über sieben Meter langen Raketen waren auch in der Schweiz, an sechs geheimen Orten im Mittelland stationiert. Als Kontrast zu den martialischen Geschossen blickt John Lennon «als eine Art Jesus» (Stefan Zweifel) leicht verträumt von einer Leinwand direkt auf die Raketen herab. Dieses Nebeneinander von Gegensätzen sei ganz bewusst so gewählt, erklären die Kuratoren, denn 1968 sei eine Zeit der totalen Widersprüche gewesen. Diese Widersprüche hätten sie wiederum mit ironischen Brüchen innerhalb der Ausstellung versucht aufzuzeigen.

Ironie ist ein probates Mittel der Kunst selber, wie Robert Fillious Werk «Optimistic Box No. 1» (1968) aufzeigt. Pflastersteine waren die bevorzugte Waffe der protestierenden Studenten von der Sorbonne bis zu Berkeley. Der Fluxus-Künstler Filliou verstaute einen Pflasterstein in eine kleine, hölzerne Box und versah sie mit dem Spruch: «Gott sei Dank haben wir moderne Waffen und bewerfen uns nicht mehr mit Steinen.»

Den Schweizer Geist von 1968 bezeugen Fotografien der Globuskrawalle, Zeitungsausschnitte und handgeschriebene Plakate des Happenings «6 Tage Zürcher Manifest». Besonders aufschlussreich sind bisher ungesehene Dokumente aus den Globus-Krawall-Prozessen. Diese stammen zum Teil von Stefan Zweifels Vater, der als Anwalt einige Demonstrierende vertrat, die von der Polizie zusammengeschlagen wurden. An verschiedenen Stellen innerhalb der Ausstellung wird zudem ersichtlich, dass es bereits vor 1968 unter der Oberfläche brodelte. So kam es in Zürich zu Ausschreitungen in 1967 nach dem Konzert der Rolling Stones im Hallenstadion.

Anfangssequenz von "Apocalypse Now" (1979)

Anfangssequenz von "Apocalypse Now" (1979)

Die hypnotisierende Sequenz widerspiegelt das Scheitern der Revolution und die Gewalt, in die sie mündete - sowohl in Vietnam als auch in Europas Städten.

Die Revolution fand nicht nur auf der Strasse statt, sondern auch in der Kunstszene, wie die knalligen Werke der Pop-Art Künstler Andy Warhol und Claes Oldenburg zeigen. Das einheimische Kunstschaffen ist unter anderem mit Werken von Tinguely, Doris Stauffer und Franz Gertsch vertreten. Übrigens: Jean Tingueleys «Rotozaza II» (1967), eine Art Flaschenzertrümmerer-Maschine, dürfen die Besucher einmal in der Woche in Aktion erleben.

Drogen sind von 1968 natürlich nicht wegzudenken. In einer «groovigen» Rauminstallation können sich die Besucher gleich selber in einen drogen-ähnlichen Rausch versetzen. Dort hängen Kunststoffsessel von der Decke, Warhols «Silver Clouds» – silberne Luftballons – schweben durch den Raum und an den Wänden laufen hypnotisierende Szenen von «Apocalypse Now» (R: Francis Ford Coppola, 1979) oder «Zabriskie Point» (R: Michelangelo Antonini, 1970). Szenen, die auch das Scheitern der Revolution vorwegnehmen und die Desillusionierung nach 1968. Ein «Trip» im wahrsten Sinne des Wortes, der alle Sinne berauscht. Nicht einmal das Filzli mit dem Tropfen LSD, das in einer Vitrine nebenan liegt, kann solch eine Bewusstseinserweiterung hervorrufen.

Zürich  «Imagine 68». Ab Freitag 14. September bis zum 20. Januar 2019.