Kunsthochschule Basel

Ein vorzüglicher Jahrgang

Leonardo Bürgis raumübergreifende Wandzeichnung.

Sieht einfach saugut aus

Leonardo Bürgis raumübergreifende Wandzeichnung.

Die Bachelor- und Master-Abgänger der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel überzeugen mit tiefen Gedanken und grossen Formaten – fünf darunter besonders.

Eigentlich ist es ja jedes Jahr dasselbe: Die zahlreichen Abgänger der Basler Kunsthochschule drängen sich ins Kunsthaus Baselland, um zu zeigen, woran sie in letzter Zeit gearbeitet haben. Das kann im schlimmsten Fall zu viel des Guten sein – im besten Fall aber lassen sich unter den ausgestellten Positionen versprechende Jungtalente ausmachen.


In der diesjährigen Diplom-Ausstellung des Institut Kunst der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW ist dies glücklicherweise der Fall. Unter dem klingenden Namen «Atlas of Heavens» sind die Werke von 38 Künstlerinnen und Künstlern vereint, viele davon in ungewohnt grossem Format.


Keine Versandung

Dazu gehören auch die Malereien von Master-Absolventin Anna Diehl. Sie zeigt farbintensive, quadratische Traumbilder, die sich irritierend stark im Dazwischen bewegen: Was man da sieht, ist weder besonders figürlich noch abstrakt, weder romantisch verklärt noch verkopft. Es sind Weder-Nochs, die aber nie im Ungefähren versanden, sondern das Unheimliche geradezu exemplarisch verbildlichen: Ungeheuer heimelig, ungeheuer fremd.


Heimelig andersartig sind auch die modularen Skulpturen von Bachelor-Student Manuel Köchli: Grosse Holzstangen mit Winkeln aus Metall, die wie riesige verbogene Büroklammern an der Wand lehnen. Genausogut könnten es auch in präzisester Handarbeit gefertigte Buchstaben sein – auf die Frage hin, ob er ursprünglich Schreiner sei, antwortet Köchli knapp: «Nö.» Let the piece do the talking.


Drogenfreie Rucksackträume

Viele Worte findet hingegen Nadine Cueni, auch Bachelor. Ausgangslage ist ein bestehendes Tagebuch eines Drogensüchtigen, der nach Peru aufbricht, um seine Sucht zu überwinden. Cueni lässt die berührenden Tagebucheinträge von einer Männerstimme lesen und zeigt dazu im Internet gefundene Aufzeichnungen von jungen Menschen, die als Rucksacktouristen in Peru unterwegs sind. Diese Koppelung von Intimität und «Look at me, world, I’m in Peru!» könnte leicht ins Willkürliche kippen – wären die beiden nicht so perfekt aufeinander abgestimmt. Cueni ist die geborene Geschichtenerzählerin.

Auch die Tongefässe von Kaspar Ludwig erzählen Geschichten: Innert zwei Monaten hat der Master-Absolvent 54 Gefässe mit Ohren getöpfert. Sieht ulkig aus, ist in Wahrheit eine kluge Auseinandersetzung mit der Frage, ob Objekte eine Seele haben. Er attestiert seinen in Trance-ähnlichem Zustand gedrehten Töpfen einen Hörsinn – jener Sinn, der nur empfangen kann – und stellt sie auf handelsübliche Industrieregale. Wie vergessene Relikte stehen sie da und saugen ihre Umgebung auf, kleine Geheimnisträger, die nicht sprechen können und doch die Geschichte der Welt, des Bewahrens und Handelns, in sich tragen.


Wer statt tiefgründiger Welttheorien lieber den konkreten Strich mag, ist bei Leonardo Bürgi an der richtigen Stelle: Der Bachelor-Abgänger hat aus dunklem Metalldraht eine Art Wandzeichnung angefertigt, die keiner grossen Worte bedarf. Unter anderem reicht hier ein langer Arm um die Ecke und fasst einer glatzköpfigen Figur frontal ins Gesicht. Diese sympathische Dreistigkeit erinnert an die Strichfiguren des britischen Künstlers David Shrigley. Vielschichtigkeit sucht man hier vergebens, dafür sieht es unfassbar gut aus. Auch das kann grosse Kunst sein.

«Atlas of Heavens» Diplomausstellung Bachelor und Master Institut Kunst FHNW. Bis 2. September, Kunsthaus Baselland.

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