Roman

Ein Thriller um den Missbrauch einer Schülerin, der berührt – und abstösst

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Die US-Autorin Kate Elisabeth Russell konzentriert sich in ihrem von #MeToo geprägten Roman ganz auf die Sicht des Opfers.

Worauf denn sonst? So könnte man fragen. Schliesslich sind es die Opfer, für deren Leid auch dieser Roman sensibilisieren soll. Allerdings verweist er immer wieder auf den Klassiker «Lolita» von Wladimir Nabokov. Dort steht aber die Psyche des erwachsenen Mannes im Vordergrund, weshalb diese Bezüge eigentlich nicht stimmen.

Warum also Highschool-­Lehrer Strane die erst 15-jährige Vanessa verführt und gefügig macht, bleibt in Russells Roman im Dunkeln. Strane ist ein diffuses Monster, das einfach auf Minderjährige aus ist. Dabei setzt er seinen intellektuellen Charme ein und weiss genau, wo er bei Vanessa ansetzen muss – nämlich bei ihrer Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe. So kriegt er, was er will, obwohl Vanessa keinesfalls körperlich auf ihn abfährt. Aber er manövriert sie in die Abhängigkeit, kann sie über Jahre darin festhalten, indem er rücksichtlos manipulative Techniken anwendet. Er schafft es gar, sich Vanessa gegenüber selber als das wahre Opfer hinzustellen, sodass ihre eigenen Schuldgefälle die Einsicht überlagern, ausgebeutet zu werden.

Die psychologische Zeichnung der Titelfigur Vanessa gehört zu den Stärken des Romans. Autorin Russell macht klar, warum Vanessa aufgrund ihrer Persönlichkeit und ihrer Familiengeschichte zum auf tragische Art quasi perfekten Opfer wird. Sie wünscht sich, etwas Besonderes zu sein, was ihre Eltern ihr nicht vermitteln können. Doch Strane schon, etwa indem er als Literaturdozent ihre Texte lobt. Und indem er Literatur generell als romantisierenden Verstärker missbraucht, um Vanessa weiszumachen, dass es hier um echte Liebe gehe.

Sie schafft es nicht, sich selber als Opfer zu sehen

Ebenso deutlich wird, dass die Gefühle, die Vanessa aus den Begegnungen mit dem Lehrer zieht, nur kurzzeitig positiv sind. Derweil sie ihre Einsamkeit und ihre Unfähigkeit, mit Gleichaltrigen Beziehungen einzugehen, noch befördern. Es ist offensichtlich, wie diese missbräuchliche Beziehung die Psyche der Schülerin vergiftet – auf lange Sicht: Denn eine zweite Handlungsebene zeigt Vanessa fast 20 Jahre später – vereinsamt, auch beruflich gescheitert und immer noch nicht in der Lage, sich selber als Opfer zu sehen. Die Abhängigkeit von Strane hat sich ins Erwachsenenalter fortgesetzt. Obwohl sie innerlich aufbegehrt, lässt er sie weiterhin nach seiner Pfeife tanzen. Sogar als ein anderes seiner Missbrauchsopfer an die Öffentlichkeit geht und Vanessas Hilfe erbittet, schafft sie es kaum, ihre Erlebnisse endlich umzudeuten.

Autorin Kate Russell

Autorin Kate Russell

Der Roman kommt durchaus wie ein Thriller daher und ist tatsächlich spannend zu lesen. Dabei geht es aber nicht um eine genreklassische Auflösung der Täterfrage – der Täter steht fest. Viel eher um die Frage, ob es Vanessa doch noch einzusehen vermag, dass die Affäre nicht Liebe, sondern Machtmissbrauch war. Und ob sie sich vom Täter lösen, die Vergangenheit verarbeiten und neu starten kann.

Der Text enthält auch einige Stellen, die körperlich sehr explizit sind. Voyeuristisch sind sie aber nicht, da sie keinen erotisierenden Selbstzweck verfolgen. Vielmehr zeigen sie, dass sich das Mädchen vor vielem ekelt, was der Mann ihm aufdrängt. Insofern wirken diese Stellen kalt und abstossend, was zum Kontext des Romans passt.

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