Die Schweiz gäbe es nicht ohne Flüchtlinge. Während der letzten 200 Jahre wurde dieses Land von Menschen geprägt, die aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen in die Schweiz geflüchtet sind. Ihr geistiges Erbe wirkt bis heute nach.

Der grösste Nahrungsmittelkonzern der Welt: gegründet von einem politischen Flüchtling. Einer der berühmtesten «Schweizer» Maler: ein deutscher Asylbewerber. Figuren wie Henri Nestlé und Paul Klee gab und gibt es in der Schweiz viele. In Kultur, Wirtschaft, Politik und Sport. Überall.

Die erste grosse Flüchtlingswelle war die der Hugenotten. 60000 protestantische Glaubensflüchtlinge, in Frankreich an Leib und Leben bedroht, strömten im 17. Jahrhundert über die Grenzen in die Schweiz. Eine enorme Zahl. Die Stadt Schaffhausen beherbergte zeitweise 9000 Flüchtlinge, bei einer Einwohnerzahl von 5000.

Rund 20000 Hugenotten blieben für immer hier. Sie gründeten Banken (Sarasin) Uhrenmanufakturen (Blancpain, Breguet, Jaeger-LeCoultre). Grundsteine für Branchen, die heute zur Schweizer DNA gehören und auf denen der Wohlstand des Landes basiert.

Dann kamen die Deutschen. Insbesondere im 19. Jahrhundert. Intellektuelle wie Heinrich Zschokke, die vor politischer Repression in die revolutionäre Schweiz flüchteten und damals die Pfeiler des modernen Staats, wie wir ihn heute kennen, mitaufbauten. Ohne Deutsche keine Schweiz.

Im 19. Jahrhundert regelten die Kantone die Zuwanderung selbstständig, was zu absurden Situationen führte: Mitte des Jahrhunderts, als Revolutionen und konservative Reaktion Europa in einen politischen Schleudergang versetzten, beherbergten konservative Kantone wie Solothurn Monarchisten, fortschrittliche Kantone wie Basel-Landschaft dagegen radikal-liberale Agitatoren.

Trotzdem: Bis Ende 19. Jahrhundert verlief die Zuwanderung in die Schweiz relativ spannungsfrei, sagt Patrick Kury, Historiker und Spezialist für Migrationsgeschichte in der Schweiz. In der Bevölkerung habe vor allem Neugierde gegenüber den Fremden geherrscht.

Der 1. Weltkrieg änderte alles. Er nationalisierte die Flüchtlingsfrage. «Seit dann spielte es eine Rolle, woher jemand kam», sagt Kury.

Ab dem 1. Weltkrieg setzte in der Schweiz eine restriktive Asylpolitik ein. 1925 erlaubt ein Verfassungsartikel dem Bund erstmals, die Niederlassung und Aufenthalte von Ausländern zu regulieren. Die restriktive Politik findet im 2. Weltkrieg ihren Höhepunkt. Neue Begrifflichkeiten tauchen auf. Juden aus Osteuropa wird keine Einreise gewährt, weil sie als «nicht assimilierbar» gelten. Das Verdikt gleicht häufig einem Todesurteil.

Im Kalten Krieg ändert die Schweiz ihre Praxis erneut. Mit den Flüchtlingen aus Ungarn setzte eine weiche Phase ein. «Seither gibt es eine einigermassen stringente Schweizer Flüchtlingspolitik, die den Schutz von Verfolgten an die erste Stelle setzt», sagt Kury. Allerdings in verschieden starker Ausprägung. Während der Jugoslawienkriege nimmt die Schweiz überdurchschnittlich viele Asylbewerber auf, unter ihnen die Familie von Valon Behrami. Heute ist die Schweiz anteilmässig ins europäische Mittelfeld abgedriftet. Der nächste prägende Schweizer ist wahrscheinlich trotzdem schon im Land.

Fünf Biografien von «Schweizer Flüchtlingen»:

Heinrich Zschokke 1771-1848

Heinrich Zschokke 1771-1848

Heute würde man Heinrich Zschokke einen politischen Flüchtling nennen. Der aus Magdeburg stammende Gelehrte verliess Deutschland 1795, «weil ihm dort aufgrund seiner politischen Überzeugungen die berufliche Perspektive fehlte», wie Zschokke-Biograf Werner Ort sagt. Aus dem jungen Intellektuellen sollte eine der zentralen Figuren für die moderne Schweiz werden. Zschokke prägte das Land als Publizist, als Politiker, als liberaler Geist.

In Aarau, der ersten Hauptstadt der Helvetischen Republik, gründete Zschokke ein halbes Dutzend Zeitungen und Zeitschriften, mit denen er in der Schweiz und in ganz Europa liberales Gedankengut verbreitete. Unter ihnen «der Schweizerbote», die erste wirkliche Volkszeitung der Schweiz. Der helvetischen Regierung diente er als Chef des Büros für Nationalkultur und Regierungskommissär.

Er war nicht der einzige Deutsche in der Helvetischen Republik. Gemäss Historiker Ort war die junge Republik angewiesenen auf die deutschen Intellektuellen. «Ohne ihr Wissen wäre der Aufbau eines modernen Staates unmöglich gewesen.» Die liberale Schweiz ist geprägt von Deutschen.

Richtig wohlgefühlt hat sich Zschokke trotz Bürgerrecht in der Schweiz und in Aarau nicht: «Er ging nicht in die Beizen und er sprach sein Leben lang Hochdeutsch. Das war vielen Aarauern suspekt. Es gab viel kleinbürgerliches Gerede über ihn», sagt Ort.
Das klingt doch irgendwie vertraut …

Henri Nestlé 1814-1890

Henri Nestlé 1814-1890

Nestlé hiess in Wahrheit Nestle. Und deshalb ziert noch heute ein Vogelnest das Logo des grössten Nahrungsmittelkonzerns der Welt.

Es sind unruhige Zeiten, als Heinrich Nestle in den 1830er-Jahren in einer Apotheke in Frankfurt am Main seine Lehre macht. Die Obrigkeit verbietet alles, wonach das Volk dürstet: persönliche Freiheiten, Handelsfreiheit, Pressefreiheit. Die Jugend rebelliert. Nestle geht.

Im November 1839 lässt er sich in Vevey VD nieder, wird Apothekergehilfe und Henri Nestlé. Innert kürzester Zeit lernt er perfekt Französisch. Nach vier Jahren kauft er mit geliehenem Geld ein kleines Fabrikgebäude. Wie wild produziert er vor sich hin, wie der Autor Alex Capus in seinem Buch «Patriarchen. Zehn Portraits» beschreibt: Knochenmehldünger, Schnaps, Essig, Mineralwasser, Limonaden. Wirtschaftlich funktioniert seine Mini-Fabrik mehr schlecht als recht. Die Produktepalette ist zu gross – und gibt doch einen kleinen Vorgeschmack auf das Angebot des künftigen Grosskonzerns.

Doch dann gelingt Nestlé der Coup: 1867 erfindet er das Nestlé-Kinderpulver. Der Erfolg ist gewaltig. Europa ist in dieser Zeit ein hygienischer Albtraum. Die Industrialisierung treibt Millionen von Bauern in die Stadt, wo sie in überfüllten, verdreckten Mietskasernen hausen. Die Kindersterblichkeit ist gewaltig. Die «saubere» Baby-Nahrung verspricht Fortschritt. Im ersten Jahr verkauft Nestlé 8600 Büchsen, nach sieben Jahren bereits eine Million.

Paul Klee 1879-1940

Paul Klee 1879-1940

Der Tod war schneller als die Schweizer Einbürgerungsbeamten: Paul Klee, einer der grossen Künstler des 20. Jahrhunderts, kam in Bern als Ausländer zur Welt und er starb als Ausländer. Dazwischen lag ein Leben, das ihn in Deutschland, der Heimat seines Vaters, vom absoluten Erfolg zur totalen Ächtung führte.

Nach der Matur verliess der junge Klee die Schweiz und studierte an der Akademie der bildenden Künste in München. 1911 schloss er sich der losen Künstlervereinigung «Der Blaue Reiter» um Wassily Kandinsky und Franz Marc an. In den 20er-Jahren arbeitete Klee am Bauhaus in Weimar und ab 1931 war er Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Mit der Machtergreifung der Nazis endete seine Karriere in Deutschland jäh. Die Nationalsozialisten entfernten ihn aus der Akademie, verunglimpften seine Bilder als entartete Kunst und beschimpften ihn als «galizischen Juden». Klee sagte dazu: «Wenn es auch wahr wäre, dass ich Jude bin und aus Galizien stammte, so würde dadurch an dem Wert meiner Person und meiner Leistung nicht ein Jota geändert.»

1933 kehrte Klee mit seiner Frau Lily in die Schweiz zurück. Kurze Zeit später erkrankt er. Als die Krankheit im Verlaufe der 30er-Jahre schwerer wird, äussert Klee den Wunsch, Schweizer zu werden. Ein im Einbürgerungsverfahren ermittelnder Polizist bezeichnet seine Kunst als Bedrohung für die einheimische Kultur. Kurz vor Abschluss des Verfahrens stirbt Klee 1940. Heute steht in Bern das Zentrum Paul Klee.

Erika Mann 1905-1969

Erika Mann 1905-1969

Erika Mann war keine Frau der leisen Töne. Auch nicht gegenüber der Schweiz. Die Tochter des deutschen Schriftstellers Thomas Mann galt als extrovertierte Persönlichkeit mit gesundem Selbstbewusstsein und sprach schon mal von «Kotz-Zürich». Die Publizistin Ute Kröger, die eine Biografie über Erika Mann veröffentlichte, sagt trotzdem: «Die Schweiz war in gewisser Weise Heimat für Erika Mann», sie fühle sich nirgends annähernd so gut aufgehoben wie in Switzerland, bekannte sie einmal in ihren letzten Jahren.

Erika Mann und ihre Familie kommen nach der Machtergreifung der Nazis 1933 in die Schweiz. In München hatte sie das Kabarett «Die Pfeffermühle» mitbegründet. Das Ensemble war antifaschistisch und geriet deshalb nach dem Reichstagbrand schnell in den Fokus der SA-Häscher.

In Zürich wollte Mann schnellstmöglich «Die Pfeffermühle» reaktivieren. Es gelingt Ihr dank einflussreichen Freunden wie der Fabrikantentochter und Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach. Die Premieren der Pfeffermühle im Saal des Hotel Hirschen im Zürcher Niederdorf werden im Zürcher Feuilleton gefeiert. Draussen vor dem Hotel brüllten Schweizer Frontisten «Juden raus».

«Erika Mann hat das Schweizer Kabarett miterfunden», sagt Ute Kröger. Tatsächlich hat das bekanntere Schweizer Pendant, das «Cabaret Cornichon», nie einen Hehl daraus gemacht, dass die Pfeffermühle Inspiration und Vorbild war.

Valon Behrami 1985 -

Valon Behrami 1985 -

Es gibt da diese Szene. Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. 93. Minute. Es steht 1:1 und ein ecuadorianischer Stürmer mit Ball am Fuss im Strafraum. Schussbereit. Valon Behrami grätscht dazwischen, erobert den Ball und dann läuft er und läuft und läuft. In der Mitte des Spielfeldes holt ihn ein Gegner brutal von den Beinen. Behrami steht auf und läuft und läuft und leitet das entscheidende Tor ein. Die Schweiz gewinnt 2:1. Behrami, der Winkelried des 21. Jahrhunderts.

Zwanzig Jahre zuvor wollte ihn die Schweiz nicht mehr. 1990 war Valon Behrami mit seinen Eltern und der Schweiz aus Mitrovica im Kosovo ins Südtessin geflüchtet. 1994 wiesen die Behörden ihr Asylgesuch ab. Nur die sich verschärfende Krise auf dem Balkan und Solidaritätsaktionen der südtessiner Gemeinden Ligornetto und Stabio retteten die Behramis vor der Ausschaffung.

Heute ist Valon Behrami ein Symbol für die Schweizer Nationalmannschaft und diese ist wiederum eines für die Schweiz von heute. Eine Mannschaft, die immer mal wieder Diskussionen über «echte» Schweizer und die fehlende Intonation des Schweizerpsalms über sich ergehen lassen muss. Valon Behrami sagt: «Dieses Land gab mir eine Zukunft. Es gab mir die Möglichkeit an drei Weltmeisterschaften teilzunehmen. Dank der Schweiz konnte ich mein Leben ändern.» Er, Valon Behrami, schulde diesem Land etwas.

Die Schuld ist gegenseitig.