Die Schweizer Auktionshäuser wären ohne Ferdinand Hodler arm dran. Wer einen kapitalen Genfersee oder eine Ansicht der Berner Berge anbieten kann, hat oft das halbe Auktionsergebnis – einige Millionen Umsatz – auf sicher. Das bestätigt Urs Lanter, der langjährige Experte für Schweizer Kunst beim Auktionshaus Sotheby’s in Zürich.

Abgesehen vom primär international gehandelten Alberto Giacometti ist Ferdinand Hodler der teuerste Schweizer Künstler. Den Weltrekord erzielte Sotheby’s 2007 mit 10,9 Millionen Franken, für «Der Genfersee von Saint-Prex aus». Dass ein Weltrekord so lange hält, ist erstaunlich.

Lanter relativiert, andere Hodler-Landschaften – vor allem bei nicht publizierten Privatverkäufen – hätten seither nahezu das Niveau erreicht. Aber der «Genfersee» sei ein spezielles Werk: «gross, eine Ansicht, die Hodler nicht dutzendfach gemalt hat, und ein Schlüsselwerk von 1901, das den Beginn seiner modernen Phase repräsentiert.»

«Die Nacht» (1889/90) brachte Hodler Ablehnung und den internationalen Durchbruch. Pikant: Er verewigt darin seine Frau Bertha Stucki, seine Geliebte Augustine Dupin und sich selber.

«Die Nacht» (1889/90) brachte Hodler Ablehnung und den internationalen Durchbruch. Pikant: Er verewigt darin seine Frau Bertha Stucki, seine Geliebte Augustine Dupin und sich selber.

Der Nationalmaler

Nimmt man die Auktionsergebnisse als Massstab für die monetäre Wertschätzung von Ferdinand Hodlers Werken in den letzten 30 Jahren, so schwingen seine Landschaften obenaus. Das stimme, meint Lanter und fügt an: «Wer Hodler breit sammelt, will auch symbolistische Figuren, Studien zu den Historienbildern oder eines der ausdrucksstarken, ins Expressionistische tendierenden Porträts.»

Er weist bei unserem Gespräch auf das kecke Porträt der Solothurner Fotografin und Förderin Gertrud Dübi-Müller, das am 5. Juni unter den Hammer kommt. Und meint zum kleinen «Holzfäller», der neben uns auf einer Staffelei steht: «Solche Motive sind begehrt.» Und populär. Nicht nur weil «Der Holzfäller» und «Der Mäher» als Banknotenmotive Hodlers Bilder von 1911 bis 1956 unter die Leute brachten.

Wir erinnern uns auch an den grossen «Holzfäller» im Besitze des Bundes, mit dem sich sowohl Bundesrat Moritz Leuenberger (SP) wie Christoph Blocher (SVP) fotografieren liessen. Ferdinand Hodler, der Nationalmaler, wird bis heute von der linken und rechten Politik wie von der Tourismus-Werbung vereinnahmt.

Parallelismus pur: Ferdinand Hodler unterwarf in «Schlacht bei Murten» von 1917 Pferde, Soldaten und Waffen seinem Kompositionsprinzip.

Parallelismus pur: Ferdinand Hodler unterwarf in «Schlacht bei Murten» von 1917 Pferde, Soldaten und Waffen seinem Kompositionsprinzip.

Der arme Wanderbursche

Hodlers Werdegang und Aufstieg war ein buchstäblich harter Weg: 1871 machte sich der 18-jährige Malerbursche, der bei seinem Schuhmacher-Onkel in Langenthal wohnte und als Gehilfe eines Vedutenmalers kärglich verdiente, auf nach Genf. Mit dem Ziel, Maler zu werden. Zu Fuss.

Die Legende besagt gar, dass er zeitweilig barfuss ging, um seine Schuhe zu schonen. In Genf schlug er sich mit Plakatmalerei durch und wurde beim Kopieren im Museum vom tonangebenden Professor Barthélémy Menn entdeckt und als talentierter Schüler kostenlos aufgenommen. Die Genfer Landschafter (Calame, Diday) und die französischen Realisten (Corot, Courbet) wurden seine ersten Leitkünstler.

«Der Holzfäller» machte Hodler nicht nur als Banknoten-Motiv populär. Bis heute vereinnahmen Politiker von links bis rechts das Bild. Hodler schuf diverse Fassungen, das brachte Geld.

«Der Holzfäller» machte Hodler nicht nur als Banknoten-Motiv populär. Bis heute vereinnahmen Politiker von links bis rechts das Bild. Hodler schuf diverse Fassungen, das brachte Geld.

Der Skandalkünstler

Ab 1880 suchte er eigene Wege, entwickelte seinen Stil, den Parallelismus. Den machen die Museen in Genf und Bern nun zum Thema ihrer grossen, gemeinsamen Jubiläums-Ausstellung.

Wer in der Kunst Neues wagte, stiess allerdings schon damals nicht immer auf Zustimmung. 1891 wird Hodlers Werk «Die Nacht», in dem er Schlaf, Tod und Sexualität so idealistisch wie realistisch thematisiert, von der städtischen Frühlingsausstellung ausgeschlossen.

Hodler mietete (wie seinerzeit sein Pariser Vorbild Courbet) in der Nähe einen Raum, hatte viel Zulauf vom «neugierig wie lüstern gewordenen Publikum» (Konrad Farner, 1966) und kann sich mit dem Eintrittsgeld von einem Franken eine Reise nach Paris finanzieren.

Studie zu «Blick ins Unendliche» und gleichzeitig eigenständiges Werk. Hodler probierte gern Varianten aus. Solche Einzelfiguren liessen und lassen sich gut verkaufen.

Studie zu «Blick ins Unendliche» und gleichzeitig eigenständiges Werk. Hodler probierte gern Varianten aus. Solche Einzelfiguren liessen und lassen sich gut verkaufen.

Der Verehrte

Für seine Karriere wird «Die Nacht» zur Morgenröte: In Paris, Venedig und München wird das Bild als Sensation, als Ikone des neuen Symbolismus, gefeiert und ausgezeichnet. Hodler avanciert zum europäischen Künstler.

Zum Markenzeichen wurden auch die blau gekleideten und doch tänzerisch bewegten Frauendarstellungen in Werken wie «Empfindung» oder «Blick ins Unendliche». Ob nackte Frauen oder Baumstämme, Bergsilhouetten oder Steine in Bachläufen: Hodler setzte stets auf sein Prinzip des Parallelismus. Streng reihte er die Figuren, wiederholte in Wiesen die gleichen Blumen, gliederte die Seen in horizontale Streifen und unterwarf selbst die Soldaten und ihre Waffen seiner strikten Kompositionsordnung.

Für die starke Wiener Szene wurde Hodler zum Vorbild, seine Ausstellung 1904 in der «Secession» zum Erfolg. Auf Egon Schieles Einladungsliste war Ferdinand Hodler neben Gustav Klimt als wichtigster Kontakt aufgeführt, und Koloman Mosers Gemälde glichen denjenigen seines Idols fast wie Kopien. Auch wenn Moser nach Besuchen bei Hodler in seinem Tagebuch notierte: «Über den Parallelismus sprach Hodler wie ein Akademieprofessor. Ich staune nur immer von neuem, dass er trotz seiner Theorie so starke Dinger produziert – er meint ‹wegen› jener.»

Ferdinand Hodler porträtierte sich oft. Schon als 18-Jähriger zeigte er sich als Maler. 1914 sehen wir ihn auf der Höhe seiner Karriere.

Ferdinand Hodler porträtierte sich oft. Schon als 18-Jähriger zeigte er sich als Maler. 1914 sehen wir ihn auf der Höhe seiner Karriere.

Der Geschäftstüchtige

Geld brachten zuerst vor allem Aufträge für Porträts, selbst wenn Hodler sie manchmal widerwillig schuf. «Wenn Sie nicht General wären, so würde ich Sie nicht malen», soll er laut seinem Vertrauten C.A. Loosli zu General Wille gesagt haben. Der fand sein Bildnis übrigens «scheusslich, aber furchtbar ähnlich».

Auch die Landschaften verkauften sich – zur Freude Hodlers – gut. Die Serien von Genfer- und Thunersee schuf er wegen grosser Nachfrage wie aus Lust an unterschiedlichen Farb- und Lichtstimmungen. Gut zu sehen ist das aktuell im Museum in Pully, wo man Hodlers «Lac Léman» in der ganzen Palette von türkisgrün und frühlingsblau bis aschgelb und bleigrau bewundern kann. Hier zeigt sich Hodler – auch für heutige Augen – als Pionier der Moderne, als Schöpfer zeitloser Schönheit.

Ab 1900 gewann der einst bitterarme Künstler dank Sammlern, öffentlichen Ankäufen und Aufträgen «zunächst finanzielle Unabhängigkeit, dann grossen Reichtum», wie Oskar Bätschmann im «SIK-Künstlerlexikon» konstatiert.

Die raffiniert gebauten Historienbilder wie der «Rückzug der Schweizer aus Marignano» in der Ruhmeshalle des Landesmuseums in Zürich oder die «Schlacht bei Murten» brachten ihm Ruhm wie harsche Kritik – und die ersehnten Aufträge aus dem Ausland.

In Hannover zeigte er in «Einmütigkeit» die Reformation als demokratisches Ereignis und in Jena schuf er 1909 den «Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg 1813». Weniger goutiert wurde seine Kritik am deutschen Bombardement der Kathedrale von Reims 1914. Die Ablehnung schmerzte den Künstler bis zu seinem Tod 1918.

Hodler war Demokrat, lustiger Handorgelspieler – und stur. Etwa in der Ablehnung von Frauen in der Kunst «Mir wei keiner Wiiber», befahl er als mächtiger Präsident der GSMBA (Gesellschaft Schweizer Maler, Bildhauer und Architekten). Im Privatleben war das anders: Neben zwei Ehen pflegte er Liebesbeziehungen – getreu seinem Motto – parallel.