Andreas Schaerer

Ein Schweizer Musiker ist wieder in der Elbphilharmonie zu Gast – sein Konzert ist schon ausverkauft

Andreas Schaerers Sextett Hildegard Lernt Fliegen.

Andreas Schaerers Sextett Hildegard Lernt Fliegen.

Der Schweizer Sänger und Stimmakrobat Andreas Schaerer präsentiert seine nachdenkliche, philosophische Seite. Und er will aufrütteln.

Die beiden scheinen sich zu mögen, Andreas Schaerer und die Elphi. Schon viermal ist der international gefeierte Schweizer Sänger und Stimmakrobat in der Hamburger Elbphilharmonie aufgetreten, und der nächste Termin, notabene im Grossen Saal am Samstag, 14.März, ist auch schon seit fast einem halben Jahr ausverkauft. Das soll ihm mal einer nachmachen.

Angesagt ist diesmal die Plattentaufe seines Schweizer Sextetts Hildegard Lernt Fliegen mit dem Album «The Waves are rising, Dear». Aber «Waves» ist anders als alles, was der 43-jährige Schaerer bisher gemacht hat, wofür er berühmt und gerühmt wurde. «Ich ­hatte mich darauf konzentriert, die klanglichen Möglichkeiten meiner Stimme stetig zu erweitern. Ich wollte abheben. Rausch, Intensität und sich in der Musik verlieren standen im Fokus. Wir haben es auf die Spitze getrieben», sagt er.

Keine abenteuerliche Achterbahnfahrt

Angesichts der Irrungen und Wirrungen der Welt, der allgemeinen Verunsicherung und globalen Krisen schien ihm dieser Ansatz aber heute nicht mehr angebracht.

, sagt er. «Waves» ist deshalb kein opulentes, ausgelassenes Fest der Musik. Vielmehr sind die Klänge dunkel, die Atmosphäre düster, die Musik ist reduziert, weitgehend ausnotiert wie ein klassisches Werk, und die solistischen Ausbrüche sind beschränkt. Auch oder erst recht für Schaerer. Keine akrobatischen Spielereien, keine abenteuerliche Achterbahnfahrt, keine rhythmischen Tricks und Gimmicks, Schaerer hält sich zurück, will innehalten, und für einmal singt er wie ein ganz konventioneller Sänger Melodien und Texte. Jedenfalls fast. Hildegard bleibt am Boden.

«The Waves are rising, Dear» ist ein Konzeptalbum, ein Stück Kammermusik in neun Episoden über 43 Minuten, mit Klammer und Spannungsbogen. Entgegen dem Trend. Auf «Waves» lernen wir den Komponisten und Texter Andreas Schaerer besser kennen und eine andere, nicht weniger faszinierende Seite seiner vorzüglichen Band.

«Die Musik soll zum Denken anregen»

In den Texten reibt sich Schaerer an den Problemen und Herausforderungen der Zeit. Es sind philosophische Reflexionen mit offenem Ausgang. Wörter und Begriffe wie «Dripping Point» (Schmelzpunkt), «Waves» (Wellen) und «The Temperature is rising» (Die Temperatur steigt) wecken Assoziationen zur Klimakrise. Für Schaerer ist es aber nur eine mögliche Deutung. Er mag das Doppelbödige, Vielschichtige. Schaerer klagt nicht an und liefert ­keine Lösungen.

, sagt er. Im letzten Stück, dem vierteiligen «Love Warrior», kommt Hoffnung auf, Schaerer hebt ab, aber sein euphorischer, jodel­ähnlicher Flug bricht abrupt ab. Hier, in der Phase des Aufbruchs, soll der Hörer weiter schweben, denken und seine persönliche Vision entwickeln.

«The Waves are rising, Dear» markiert Abschluss und Höhepunkt von Schaerers kompositorischer Phase. Umso mehr reizt ihn jetzt wieder das Intuitive und Spontane, die Interaktion. Das, was Jazz heute immer noch ausmacht. Die Elphi wird ihm auf jeden Fall treu bleiben. Noch im Juni ist in einer «Langen Nacht des Singens» ein abenteuerliches Projekt mit Schlagzeuger Lukas Niggli und 800 Sängerinnen und Sängern geplant.

Hinweis
Andreas Schaerer Hildegard Lernt Fliegen: The Waves Are Rising
Dear (Act/Musikvertrieb)
Live: 21.3. Casino Bern; 22.3. Moods Zürich; 1.5. Kaserne Basel; 16.5. Jazzfestival Schaffhausen; 13.6. Lange Nacht des Singens, Elbphilharmonie Hamburg.

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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