Kunst

Ein Schweizer Maler schenkte der Kirche Santa Isabel in Lissabon einen Himmel

Bibersteins Himmel: Die Kirche Santa Isabel in Lissabon erstrahlt im sprühenden Farbregen des Schweizer Künstlers.

Bibersteins Himmel: Die Kirche Santa Isabel in Lissabon erstrahlt im sprühenden Farbregen des Schweizer Künstlers.

Die Decke der Lissaboner Kirche ist das Opus Magnum des Solothurner Künstlers Michael Biberstein. Letzten Dienstag wurde das Kunstwerk – das auch mithilfe von reichlich High-Tech entstand – mit einer grossen Messe eingeweiht.

Der Solothurner Maler Michael Biberstein (1948–2013) wurde von den Lissabonner Architekten «Appelton e Domingos», die mit der Innenrenovation der Kirche Santa Isabel beauftragt waren, 2009 angefragt, ob er einen Entwurf für das Tonnengewölbe der barocken, einschiffigen Lissabonner Kirche Santa Isabel liefern könnte.

Die Decke hat nie einen künstlerischen Schmuck erhalten, sie war schlicht in dunklem, schwerem, kalten Blau-Grau bemalt. Letzten Dienstag hat der Lissabonner Kardinal-Patriarch D. Manuel Clemente die Deckenmalerei mit einer grossen Messe feierlich eingeweiht. Die Decke strahlt nun in hellen Farben und öffnet sich warm und lichtvoll zum Himmel.

Vor der Vollendung verstorben

Ein Herzenswunsch des leider viel zu früh verstorbenen Künstlers ging in Erfüllung. Er selbst bezeichnete diesen Entwurf als sein «Opus Magnum». Die Kirche Santa Isabel liegt im Lissabonner Quartier Campo de Ourique. Sie wurde 1742 bis 1765 erbaut.

Das Erdbeben von 1755 hat die Kirche nicht erfasst. Die Innenrenovation bot nun die einmalige Gelegenheit, in der spätbarocken, klassizistischen Kirche einen künstlerischen Schmuck an der Decke des Längsschiffs zu realisieren.

Auf Wunsch des Priesters P. José Manuel Pereira de Almeida der Kirche Santa Isabel haben die Architekten «Appelton e Domingos» Michael Biberstein im Oktober 2009 um einen Entwurf gebeten. Unzählige Besuche in der Kirche, Gespräche mit dem Priester, ein kleines Modell und zahllose Entwurfsmalereien führten den Künstler zu einem Entwurf, den er in einem Modell im Massstab 1:8 umsetzte und in der Kirche aufstellte.

Dieses Modell traf auf die Zustimmung aller. Der Künstler bereitete sich auf die Umsetzung vor, doch am 5. Mai 2013 erlag er einem Hirnschlag in seinem Atelier in Mohino da Fonte Santa im Alentejo.

Seine Familie, der Priester und die Architekten votierten dafür, den Herzenswunsch des Künstlers, eines Agnostikers, in der katholischen Kirche realisieren zu lassen. Mittels Fundraising sollte das Geld für die Umsetzung durch befreundete Künstler beschafft werden.

Schliesslich gab die katholische Institution «Santa Casa da Misericórdia» 222'000 Euro. Weitere Gelder kamen von privaten Sponsoren und Stiftungen, seiner Pariser Galerie und Freunden dazu.

Anstelle der befreundeten Künstler wurde für die Realisierung das Madrider Atelier «Factum Arte» beauftragt. Dieses ist unter anderem in der Umsetzung von Grossplastiken beispielsweise eines Anish Kapoor oder Jeff Koons oder der Herstellung mittels ausgefeilter digitaler Techniken von Faksimiles in 2-D oder 3-D spezialisiert.

Für den «Himmel für Santa Isabel» wurde die Malerei des Modells 1:8 in HD gescannt und auf den Massstab 1:1 vergrössert. Auf dem Gerüst waren diese HD-Streifen ausgelegt und dienten den Malern als Vorlage. Um die Wirkung zu kontrollieren, wurde das Gerüst geöffnet. Die Malerei wirkte zu flach. Die Maler mussten die Farbintensität verstärken, um die gewünschte räumliche Kraft der Farben zu erhalten.

Die Malerei entwickelt sich von der hinteren Stirnseite der Tonne des Längsschiffs diagonal zur vorderen, chornahen Stirnseite. Auf der hinteren Stirnseite entdeckt der Besucher gebirgige Strukturen, die wie eine Welt im Urzustand aussehen und die sich nach oben und entlang der Tonne in ein wolkiges Etwas aufzulösen scheinen.

Dieses ist sandfarben, wirkt fast golden und könnte als Reflex des Sonnenlichts gesehen werden. Richtung Chor schält sich aus dieser bewegten Wolke langsam die blaue Farbe des Himmels. Der dunkle Raum des Kirchenschiffs verstärkt die Helligkeit und Leichtigkeit der Deckenmalerei.

Die verschiedenen Farben, von Rot über Goldgrün, Goldorange, Mustardgelb bis Blau, wurden in vielen Schichten übereinander dünn lasierend aufgetragen. Die Farben erinnern an die blumigen Wiesen, wie sie das Alentejo prägen, und von deren Farbenpracht der Künstler schwärmte: Man solle sie sich im Frühling anschauen kommen, es sei herrlich.

Bibersteins Farbenregen

Obwohl von einem Atelier ausgeführt, das nie direkten Kontakt zum Künstler hatte, gelang es ihren Malern, die sublime Bildwelt des Michael Biberstein zu evozieren. Es sind sprühende Farbregen, äusserst dünn aufgetragen.

Ihre Wirkung entfalten sie erst im Auge des Betrachters. Waren Michael Bibersteins frühere Bilder in Schwarz auf braunem Grund geprägt, wurden seine Bilder in den letzten Jahren immer farbiger. Die Intensität der Farbenwelt des Alentejos manifestiert sich darin, so wie hier in seinem «Opus Magnum».

* Der Autor Robert Schiess ist Kunstkritiker und ehemaliger Präsident des Heimatschutz Basel.

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