Klassik

Ein Schweizer Geiger schreibt über sein musikalisches Vorbild

Itzhak Perlman besticht mit musikalischem Instinkt: Bei Bach wie bei Barber. Sony

Itzhak Perlman besticht mit musikalischem Instinkt: Bei Bach wie bei Barber. Sony

Der Schweizer Geiger Sebastian Bohren schreibt über sein Vorbild Itzhak Perlman, der am Montag 70 Jahre alt wird.

«Seit meiner Kindheit bin ich Musikfan. Schon früh habe ich mich regelmässig zurückgezogen und Musik gehört – nicht etwa klassische, sondern Rockmusik. Mein bester Freund verfügte nämlich über eine imposante CD-Sammlung der grössten Rockbands und so wurde ich schnell mit dem Musikvirus infiziert. Meine Eltern duldeten meine Leidenschaft, waren aber sicher glücklich, als ich mich ab dem 10. Lebensjahr mehr und mehr für die Geige interessierte. In kurzer Zeit tauschte ich meine Rockidole mit entsprechenden Identifikationsfiguren der Geigerwelt aus. 

Zuerst lernte ich Yehudi Menuhin (1916–1999) kennen, dessen frühe Bach-Einspielungen mich unheimlich tief berührten. Isaac Stern (1920–2001) und Nathan Milstein (1903–1993) waren die nächsten Namen, die mir begegneten, bald folgten jüngere Geiger wie Shlomo Mintz (*1957) und Gidon Kremer (*1947).

Ich besass auch eine Aufnahme des zweiten Violinkonzerts von Béla Bartók mit Menuhin, Wilhelm Furtwängler dirigierte. Menuhin gilt als einer der wichtigsten Interpreten von Bartóks Violinmusik, hat 1944 den Auftrag zur komponierten Solosonate gegeben.

Zufälligerweise geriet mir dann aber eine Aufnahme von Itzhak Perlman in die Hand, Bartóks Violinkonzert gekoppelt mit Christian Sindings «Suite im alten Stil» und Jules Conus’ Violinkonzert. Ich war ob dieser Aufnahme hin und weg. Einen solchen Geigenton hatte ich noch nie gehört. Unglaublich kraftvoll, sonor – wie ein dichter Lavastrom aus Gold. Gleichzeitig aber nie aufdringlich, im Gegenteil liebevoll und in der musikalischen Phrasierung von unglaublicher Natürlichkeit. Von diesem Tag an war ich ein Perlman-Fan.

Ich sammelte seine Aufnahmen, von den Standardwerken – Mendelssohn, Brahms, Beethoven, Tschaikowsky, Sibelius – bis hin zu den amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Samuel Barber oder Leonard Bernstein. Überall besticht Perlman durch seinen musikantischen Instinkt, der ihn nie im Stich lässt und ihn trotz – aus heutiger Sicht – zum Teil altmodischer Stilistik immer bestehen lässt!

Eine Geigergeneration geprägt

Diese Eigenschaft macht ihn zu einem der bedeutendsten, grossen Musiker. Perlman überzeugt in Mozarts Violinkonzerten genauso wie in Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo, in Paganinis «Capricen» ebenso wie in den wunderbaren Stücken des legendären Wiener Geigers Fritz Kreisler. Kurzum: Er hat fast das gesamte Violinrepertoire grossartig eingespielt und damit die Ästhetik einer ganzen jungen Geigergeneration geprägt.

Als Professor an der Juilliard School und im Sommer beim Perlman Music Program in New York fördert er junge Musiker auf dem Weg ins Berufsleben. Nicht nur in seinem Spiel, auch mit seinem positiven und einnehmenden Wesen wurde er ein echtes Vorbild. Wer sich davon überzeugen möchte, dem empfehle ich Interviews auf Youtube. Wer ganz einfach Perlmans Spiel hören möchte, empfehle ich Bartóks Violinkonzert Nr. 2.» 

Perlman

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