Grosse Dramen und spektakuläre Thriller finden derzeit eher auf russischen Rasenplätzen statt als im Kino. Kein Wunder: Ist gerade Fussballweltmeisterschaft, bleiben die Kinosäle hierzulande praktisch leer. Grosse Blockbuster wie «Mission: Impossible 6» oder «Ant-Man and the Wasp» gibt’s deshalb erst nach dem WM-Final zu sehen.

Es gibt aber auch ein paar Filme, die Shaqiri und Co. trotzen, die ein anderes Publikum ansprechen wollen. Filme wie nun «The Rider».

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Wobei: Eigentlich ist «The Rider» auch der ideale Film für alle Fussballverrückten. Er ist so gemächlich wie das Aufbauspiel der Schweizer Fussballnati und damit ideal, um den eigenen Puls nach der ärgerlichen Niederlage gegen Schweden wieder auf ein gesundes Mass zu senken.

Nie mehr reiten

Die chinesische Filmemacherin Chloé Zhao, die in den USA studiert hat, erzählt in «The Rider» vom professionellen Rodeoreiter Brady Blackburn (Brady Jandreau). Der junge Mann ist bei der Arbeit auf den Kopf gestürzt, anders als Neymar hat Brady tatsächlich bleibende Schäden davongetragen. Sein Arzt rät ihm davon ab, sich jemals wieder auf ein Pferd zu setzen.

Doch Brady, der nie zur Schule gegangen ist, kennt kein anderes Leben. Mit einer Metallplatte im Kopf streift er nun verzweifelt im kargen Sioux-Reservat, in dem der Hof seines Vaters steht, umher. «Ein verletztes Pferd erschiesst man, doch weil ich ein Mensch bin, darf ich weiterleben», sagt er zu seiner autistischen Schwester (Lilly Jandreau).

Brady heuert fortan in einem Supermarkt an, wo er Regale einräumt. Als ihn rodeobegeisterte Jugendliche um ein Selfie bitten, versichert er ihnen aber, dass er bald zurück im Sattel ist.

Jenseits von Klischees

Hauptdarsteller Brady Jandreau und seine Familie spielen sich im Film quasi selbst. Regisseurin Zhao lernte die Jandreaus beim Dreh ihres letzten Films, der im selben Indianerreservat spielt, kennen. Laut Zhao ist die Hälfte von «The Rider» wahr (Bradys Verletzung, sein Erholungsprozess), die andere Hälfte fiktionalisiert.

Das Resultat ist ein Cowboyfilm jenseits von Westernklischees. In lyrischen, entschleunigten Einstellungen zeigt Zhao die weite Prärie nicht als freiheitsversprechenden Ort, sondern als Gefängnis, aus dem diese Menschen am Rande der Armutsgrenze nicht auszubrechen vermögen.

Immer wieder findet die Regisseurin dabei treffende Sinnbilder: Als Brady beispielsweise doch wieder auf ein Pferd steigt, klemmen sich seine Finger, als Folge seiner Kopfverletzung, krampfhaft an den Zügeln fest.

Brady muss lernen, loszulassen, die Niederlage zu akzeptieren und neu anzufangen – genau wie nun die Schweizer Fussballnati.

The Rider (USA 2017) 104 Min. Regie: Chloé Zhao. Ab Donnerstag, 5.7. im Kino. ★★★★★