Am Ende von Ibsens «Wildente» ist das Mädchen Hedvig tot. Sie hat sich erschossen. Theaterblut fliesst. In Amélie Niermeyers neuer Inszenierung am Theater Basel ist es rote Farbe, von einem Hellraumprojektor an die Wand projiziert. Beim für sie besonders kräftigen Applaus steht Hedvig (Elisa Plüss) wieder auf beiden Beinen, die Wangen gerötet. Natürlich, so funktioniert Theater. Im Normalfall.

Am Anfang von Ibsens «Gespenster» in der Inszenierung des Theaterkollektivs «Markus&Markus» ist Margot, ihr Oswald, tot. Sie wird auch beim Applaus nicht dabei sein; nicht dieser Tage am Theaterhaus Gessnerallee in Zürich, nicht später im Jahr, wenn es in Basel am Roxy Birsfelden gezeigt wird. Diese Hauptdarstellerin lebt nicht mehr, wir haben sie tatsächlich sterben gesehen, von einem Filmprojektor an die Wand projiziert. «Markus&Markus» haben Margot während des letzten Monats ihres Lebens begleitet und gefilmt. Sie war 81, leben wollte sie schon lange nicht mehr, das Datum für die langersehnte Sterbehilfe in der Schweiz stand fest: 1. Mai 2014.

Wo bleibt die Lebenshilfe?

Zwei Mal Henrik Ibsen, zwei komplett verschiedene Abende. Texttreu und klassisch setzen Regisseurin Niermeyer und Dramaturg Martin Wigger «Die Wildente» aus dem Jahr 1884 in Basel um. Mit starken Schauspielern. Und mit einer verspielten, poetischen Ästhetik: Es ist wunderbar, wie Hellraumprojektionen Räume und Stimmungen evozieren, und wie Hedvig, aufgewachsen im Fotoatelier ihres Vaters, diese Räume zeichnend ausschmückt (Illustrationen: Franziska Nyffeler).

Dem Kollektiv «Markus&Markus» dagegen dient «Gespenster» von 1881 lediglich als Sprungbrett für ein ganz eigenes Theaterprojekt. Eines, das sich in ein tabuisiertes, unsicheres Terrain wagt: Sterbehilfe. Zu Ibsens Zeit war das mit ein Grund, weshalb das Stück in Norwegen zunächst nicht aufgeführt werden durfte. Bis heute besteht ein ethisches Dilemma: Ist es ein Akt der Nächstenliebe, jemanden beim Sterben zu unterstützen? Oder könnte ein verloren geglaubter Mensch sich von einer schweren Krankheit und Depression wieder erholen und gerettet werden? Solche Fragen stellt die Theatergruppe.

Mulmig wurde es ihnen und uns, als Margot im Film sagt: «Wenn ihr öfter mal kommt, dann sag ich da ab mit denen, da vermassle ich euch das Geschäft.» Wie viel Ernst steckt in diesem Scherz? Würde Margot auch sterben wollen, wäre sie weniger einsam? Hätte man sie noch von ihrem Todeswunsch abbringen können? Wo sind eigentlich die Lebenshilfe-Organisationen? Wo ist das Business, das statt des Todes die Lebensfreude als Geschäftsmodell hat? Zum Beispiel, indem junge Menschen Zeit mit alten Menschen verbringen?

«Ich bin ausgebrannt», sagt Margot, auch wenn sie nicht so rüberkomme. Im Film sieht man sie fast immer lachend. Mit den jungen Männern, die sie anderen als ihre Enkel vorstellt, feiert sie das Leben noch ein letztes Mal. Mit Kuchen, Sangria, und noch mehr Kuchen. Doch: «Ihr Entscheid war unverrückbar», bestätigt einer der beiden Schauspieler, Markus Schäfer. «Hätten wir das Gefühl gehabt, es bestünde auch nur der geringste Zweifel, wären wir keinen Schritt weitergegangen.»

Markus Schäfer und Markus Wenzel sind nach der Premiere sichtlich mitgenommen. Dieser Margot beim Leben und Sterben zuzusehen, geht auch dem Publikum nah. Die beiden Markusse tun auf der Bühne vieles, um ihrem schweren Thema mit einer theatralischen Leichtigkeit beizukommen. Sie hopsen ein Pas de Deux aus dem Ballett «Giselle», sie reihen tragische Bühnentode slapstickhaft aneinander oder trinken, in Anlehnung an «Dinner for One», die Gläser einer ganzen Abendgesellschaft leer. Ihr Spiel ist absichtlich von dilettantischer Komik, um ja nicht in Larmoyanz abzugleiten. Man kann sich streiten, ob dieser teils absichtlich saloppe Umgang mit dem Thema immer gelungen ist, mutig, berührend und relevant ist der Abend allemal.

Soziale Kälte, Leben und Tod

Diese Dringlichkeit vermisst man bei der «Wildente». Mit der Zeit zieht sich das Drama in die Länge, die Konzentration der Schauspieler lässt nach. Man wünschte sich bei einzelnen Figuren zusätzliche, abgründige Facetten, die den schrecklichen Schluss, Hedvigs Selbstmord, plausibler machten.

Doch vieles an diesem Basler Abend macht Freude: Neben den Lichtspielen vor allem die derb-erotischen (Christiane Rossbach) bis feinen Gesangseinlagen und das zärtlich-wilde Spiel der Zürcher Jungschauspielerin Elisa Plüss. Dieter Mann spielt Grosshändler Werle als zynisch-trockenen alten Cowboy. Martin Hug ist ideal als naiver Taugenichts, der am Ende nicht aus Überzeugung und Verzeihung bei seiner Frau bleibt, sondern weil er zu faul ist, überhaupt irgendeinen Entschluss, sei er noch so essenziell, durchzuführen.

Margot hat den ihren durchgezogen.

Ibsen prangerte die fehlende Lebensfreude im Norwegen seiner Zeit an. Bis heute werde er jeden zweiten Abend irgendwo auf der Welt aufgeführt, heisst es. Nach diesen neusten zwei in der Schweiz denken wir über soziale Kälte nach, das Altern, das selbstbestimmte Sterben und das gute Leben.

«Gespenster» läuft bis 25. Januar am Theaterhaus Gessnerallee. www.gessnerallee.ch

Nächste Daten für «Die Wildente» am Schauspielhaus Basel: 20., 22., 26. und 30. Januar. www.theater-basel.ch