Locarno
Ein feministischer Farbtupfer am Filmfestival

Cécile de France macht am Filmfestival in Locarno die fehlenden Hollywoodstars vergessen.

Lory Roebuck, Locarno
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KEYSTONE

Ratlose Blicke in Locarno. Die Besucher am grössten internationalen Filmfestival der Schweiz fragen sich: Wo bleiben dieses Jahr die Hollywoodstars? Am Mittwoch ging die Weltpremiere des Eröffnungsfilms «Ricki and the Flash» ohne Hauptdarstellerin Meryl Streep über die Bühne. Aus terminlichen Gründen konnten weder Regisseur Jonathan Demme noch andere Leute seiner Filmcrew ins Tessin reisen. Und inzwischen musste auch der US-Comedystar Bill Hader («Saturday Night Live») seinen Besuch wegen Krankheit absagen.

Eine Katastrophe? Nein. Denn Locarno ist mehr als nur Hollywoodglanz. Für die abwesenden US-Promis können Grössen aus kleineren Filmnationen in die Bresche springen. Die gebürtige Belgierin Cécile de France etwa. Seit den Filmen «L’auberge espagnole» (2002) und «Haute tension» (2003) ist die heute 40-jährige Schauspielerin eine feste Grösse im französischen Kino. Gestern Abend präsentierte sie ihren neuen Film «La belle saison» (Regie: Catherine Corsini) den rund 8000 Zuschauern auf der Piazza Grande.

Wir treffen sie wenige Stunden zuvor. Cécile de France ist extrem aufgeregt – aber auch nervös: «Ich habe erst heute erfahren, dass hier die grösste Leinwand der Welt steht. Das macht mir ein wenig Angst, aber ich werde mit viel stolz auf die Bühne stehen, denn ich liebe unseren Film.»

Perfekter Festivalstoff

In «La belle saison» spielt sie eine Frauenrechtsaktivistin im Paris der Siebzigerjahre. Der perfekte Stoff für ein Festival. Seit Jahren toben grosse Debatten über die Benachteiligung von Frauen an Filmfestivals. Der Vorwurf: zu wenig Regisseurinnen, zu wenig Filme mit starken Frauenfiguren. Ganz schlimm ist es in Cannes, wo die sexistische Filmauswahl von Festivalleiter Thierry Fremaux ein offenes Geheimnis ist. Das sei auch ihr aufgefallen, sagt Cécile de France: «Ja. Erst dieses Jahr liefen in Cannes endlich mal viele Filme von Frauen. Eine Reaktion auf die fortwährende Kritik. Aber ob dort wirklich ein Mentalitätswandel eingesetzt hat?»

An Locarno haften keine solchen Vorwürfe. Weibliche Filmschaffende erhalten hier das gleiche Schaufenster wie ihre männlichen Berufskollegen, Filme mit klug ausgearbeiteten Frauenfiguren gehören jedes Jahr zu den Höhepunkten. Ein solcher Film ist auch «La belle saison». Die Filmfigur von Cécile de France bandelt darin mit einer jungen Bauerntochter an. Die Traditionen und Vorurteile auf dem Land drohen die aufblühende Liebe zwischen den beiden Frauen aber im Keim zu ersticken. Eine mitreissende Ungerechtigkeit.

Freie Liebe und gleiche Rechte für Frauen – was hat sich seit den Siebzigerjahren verbessert? «Dank dem Kampf von Frauen wie jenen in unserem Film können wir heute die Pille nehmen und abtreiben», stellt Cécile de France zufrieden fest. «Und dank Filmen und Serien, die nicht mehr nur heterosexuelle Lebensentwürfe als die richtigen zeigen, werden Homosexuelle besser akzeptiert als damals.» Aber: «Frauen werden heute in der Werbung auf ihr Äusseres reduziert. Auch dagegen müssten wir kämpfen, doch der Antrieb dazu scheint verschwunden zu sein.»

Schauspielerinnen benachteiligt

Cécile de France gibt zu, dass sie auch in ihrem Beruf ein Opfer von geschlechtsbedingten Nachteilen ist. «Wir Schauspielerinnen in Frankreich verdienen weitaus weniger als unsere männlichen Kollegen.» Eine Ungerechtigkeit, gegen die bedauernswerterweise nur wenige ankämpfen. Deshalb sei «La belle saison» ein derart wichtiger Film, findet Cécile de France. «Er weckt in uns die Gewissheit, dass der Kampf für Gleichberechtigung noch lange nicht zu Ende ist.»

Wer braucht schon Hollywoodstars, wenn starke Frauen wie Cécile de France aus dem Nachbarland nach Locarno kommen, und mehr zu sagen haben als leere Plattitüden? Die belle saison am Filmfestival ist eröffnet.

La belle saison (F 2015) 105 Min. Regie: Catherine Corsini. Mit Cécile de France, Izïa Higelin u. a. Kinostart voraussichtlich im Frühjahr 2016.

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