Sounds
Ein erster Höhepunkt im Schweizer Festivaljahr 2022

Das Festival «Suisse Diagonales» präsentiert in 28 Clubs zehn spannende, neue Schweizer Jazzbands. Zum Beispiel das abenteuerliche Trio der Sängerin Andrina Bollinger.

Stefan Künzli
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Sängerin Andrina Bollinger: Experimentierfreudig und intuitiv.

Sängerin Andrina Bollinger: Experimentierfreudig und intuitiv.

Es sind schwere Zeiten für kulturelle Grossveranstaltungen. Im Vorteil sind dagegen kleine Bühnen und Clubs, die die Vorgaben der Behörden mehr oder weniger problemlos umsetzen können. Das gilt auch für das Clubfestival «Suisse Diagonales», das nach der coronabedingten Verschiebung im letzten Jahr mit einem Programm startet, das die Diversität des aktuellen Schweizer Jazzschaffens wunderbar abbildet. In 28 Jazzclubs von St.Gallen, Schaffhausen, über Baden, Aarau, Basel und Solothurn bis nach Sierre, Sion und Genf werden zehn neue Formationen aus der ganzen Schweiz vorgestellt.

Und die haben es in sich. Mit Shems Bendali und Zacharie Ksyk (in der Band Mohs) versetzen uns gleich zwei überragende Trompeter aus der Romandie ins Staunen. Aus der Zentralschweiz kommt mit Sc’ööf eine der abenteuerlichsten neuen Bands. Der viel beschäftigte Bassist Lukas Traxel hat endlich Zeit gefunden, seine eigene Musik zu präsentieren. Dabei hat er sich für seine Band den Schweden Otis Sandsjö, einen der international spannendsten Saxofonisten, geangelt. Erfreulich ist auch, dass gleich drei der zehn Bands von Frauen geleitet werden. Im Trio Tie Drei teilen sich Sonja Ott (Trompete), Hannah Adriana Müller (Gesang) und Johanna Pärli (Kontrabass) die Hauptrolle, und im Trio Larus spielt die vielversprechende Gitarristin Mareille Merck die erste Geige.

Gespannt sind wir aber vor allem auf die neue Formation von Andrina Bollinger. Die heute 30-jährige Sängerin und Multi-Instrumentalistin hat uns schon in der Vergangenheit in den Bands Eclecta und JPTR mit ihrer ebenso eigenwilligen wie lustvollen Musik erfreut. Eclecta gibt es nicht mehr, aber von JPTR, dem Duo mit dem Perkussionisten Ramón Oliveras, ist in diesen Tagen eine hörenswerte neue EP erschienen.

Eingängiger, emotionaler und intuitiver

Alle Formationen von Bollinger pflegen eine Musik, die sich von den Konventionen des traditionellen, amerikanischen Jazzbegriffs befreit, emanzipiert, neu definiert und sich am experimentellen Ende der Popmusik positioniert hat.

In den letzten drei Jahren war Bollinger vor allem solo unterwegs und begleitete ihren Gesang selbst auf Keyboards, Perkussion und Gitarre. Als der Wunsch aufkam, eine Platte aufzunehmen, merkte sie, dass sie ihre Formation erweitern möchte. «Ich wollte stärker mit Dynamik arbeiten und meiner Musik mehr Raum geben», sagt sie. Aus diesem Bedürfnis heraus ist das Trio mit dem Schlagzeuger Arthur Hnatek und dem in Brugg wohnhaften, welschen Bassisten Jules Martinet entstanden. Die Wahl von Hnatek, der mit seinem eigenen Trio ebenfalls am Festival auftritt, war naheliegend. Die beiden sind auch privat ein Paar. «Wir haben uns vor fünf Jahren in Berlin kennen gelernt und arbeiten seither zusammen.»

Das Album erscheint am 14. Oktober und erste Hörbeispiele lassen aufhorchen. Bei «Suisse Diagonales» ist das Trio nun zum ersten Mal zu erleben. Ihre Musik ist verspielt und abenteuerlustig, aber klar songorientiert und eingängiger als bei ihren Duo-Projekten. «Storytelling ist mir wichtig», sagt Bollinger. In den Texten erkundet sie verborgene Geheimnisse und kehrt dabei ihr Innenleben nach aussen. Hals über Kopf wirft sie sich in die Songs. Leidenschaftlich, offenherzig und erfrischend unverfroren. «Ich will in meinen Gedankenozean eintauchen und so tief wie möglich in meiner Gefühlswelt graben», sagt sie, «ich versuche, den Kopf auszuschalten und noch intuitiver vorzugehen.»

«Suisse Diagonales»: 15.1.–22.2. Andrina Bollinger: 15.1., Moods Zürich; 17.1., Isebähnli Baden; 5./6.2., Sion; 11.2., BeJazz Bern; 22.2., Solothurn. Gesamtes Programm: siehe diagonales.ch

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