City on Fire

Ein Buch, aus dem man glücksbesoffen wieder auftaucht

Das Häusergewimmel von Manhattan mit der 5th Avenue Richtung Finanzzentrum ist auch Sinnbild für die Erzählweise von Garth Risk Hallberg in seinem Roman «City On Fire».Thinkstock

Das Häusergewimmel von Manhattan mit der 5th Avenue Richtung Finanzzentrum ist auch Sinnbild für die Erzählweise von Garth Risk Hallberg in seinem Roman «City On Fire».Thinkstock

Anmassend, schwindelerregend, gross: «City On Fire» – Garth Risk Hallbergs Roman über «The Big Apple». 1080 Seiten, 2 Kilogramm schwer. Wahrscheinlich lässt sich eine Stadt wie New York nur so aufspiessen.

Dieses Buch ist ein gefrässiges Monster. Ein Krake, der irritierend vielbeinig nach dem Leser greift: 1080 Seiten stark, knapp zwei Kilogramm schwer und durchweht von tausendundeiner Geschichte, wie sie sich in dieser komprimierten Form – diesen Eindruck jedenfalls gewinnt man, wenn man Garth Risk Hallbergs Riesenroman «City On Fire» gelesen hat – wahrscheinlich nur in einer Metropole wie New York mit Worten aufspiessen lässt.

Hallberg, 36, ist ein manischer Sammler all jener sich in Anekdoten offenbarenden Gefühlsrückstände, die menschliche Wesen produzieren und hinterlassen, wenn sie vom grossen und manchmal schwer verdaulichen Kuchen namens «Leben» gekostet haben. Zudem hat man, wenn man in diesem literarischen Bombardement der Bilder, Gedanken, Assoziationen und wasserklaren Einsichten blättert, das Gefühl, in Abertausenden von Hundert-Dollar-Noten zu blättern.

Denn als das Gerücht von der Existenz dieses Romans in New Yorks literarischen Agenten-Kreisen ruchbar wurde, lief die Maschine heiss, sodass sich Hallberg am Ende, nach einem aberwitzigen Wettbieten, über den Vorschuss auf sein Buch in Höhe von satten zwei Millionen Dollar freuen durfte. Ein Lottogewinn für einen Autor, der bis dato lediglich durch ein paar hier und da publizierte Essays auffiel.

Nicht weniger als alles

Und nun das: Ein in jahrelanger Puzzlearbeit errichtetes Sprachmonument, gegen dessen Dichte und Grösse selbst passionierte Spracharchitekten wie Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides ausdauerschwach wirken. Hallberg, der in Interviews seltsam gehemmt wirkt, will in seinem irrwitzigen New-York-Roman nicht weniger als alles. Plots, die sich zunächst kreuzen und zu verheddern scheinen wie Spinnenbeine, um sich am Ende in ein stringentes, aus sieben Teilen bestehendes Ganzes zu verwandeln. Man hat beim Lesen das Gefühl, wie eine Biene in einen randvollen Honigtopf gefallen zu sein, sodass man am Ende zwar glücksbesoffen wieder daraus hervortaucht, zugleich aber auch eine Art Schädelbrummen hat, von so viel durcherzähltem Leben.

Es wäre gelogen, würde man die Lektüre dieses Riesenwerks als einfach bezeichnen. Vielmehr ertappt man sich immer wieder dabei, wie man nach der, dem Buch sinnigerweise beigegebenen Besetzungsliste greift, um zu kapieren, von wem da gerade mal wieder die Rede ist. Der risikofreudige «Risk» Hallberg hat sich nichts Geringeres vorgenommen, als die Lebensläufe von insgesamt vierzehn Akteuren minuziös aufzurollen und im Einzelnen porentief zu beleuchten, um sie am Ende zu einem Erzählganzen zusammenzufügen.

Hallbergs Roman setzt am Neujahrs-Tag des Jahres 1977 ein: New York wird von einem Schneesturm heimgesucht, und eine Gruppe wie mit dem Schweissbrenner aus der Wirklichkeit herausgeschnittener Figuren macht sich auf den Weg: ins Glück, auf Partys, zu Freunden, auf das Konzert einer einst angesagten Punk-Band, die unter neuem Namen ihr Comeback bestreitet.

Und, ja, auch in den Tod. Mit den tödlichen Schüssen auf die junge Sam Cicciaro, die sich auf dem Weg zum Konzert der neuformierten Ex Post Facto befindet, steuert dieser Roman auf sein nachtschwarzes Zentrum zu: jenen legendären New Yorker Stromausfall, der als Blackout vom 13. auf den 14. Juli 1977 Stadtgeschichte schrieb und an dem die gewöhnlich unter Tage hausenden Zombies und Ratten das unbeleuchtet durch die Nacht schlingernde Stadtschiff New York kapern und eine Zeit lang an sich reissen.

New York kurz vor dem Kollaps

Denn tatsächlich steht New York zum Zeitpunkt der Erzählung kurz vor dem Kollaps: die Stadtkassen sind leer, das Strassenklima gilt als gefährlich – und finanzielle Hilfe aus Washington, von wo aus Präsident Ford regiert, ist nicht zu erwarten. Mittendrin in dieser zugleich ausdörrenden Stadtwüste suchen Hallbergs Glückssucher nach Heil und Geborgenheit: Der schwerreiche Erbe William Hamilton-Sweeney III, der seinen schwulen farbigen Lebensgefährten Mercer Goodman mit seinen Eskapaden vor immer neue Zerreissproben stellt; dieser wiederum träumt davon, die «Great American Novel» zu schreiben, und geht nebenher seiner Lehrtätigkeit an einer reinen Mädchenschule nach.

Keith Lamplighter, der mit Williams Schwester Regan zwei Kinder hat, sieht seine Existenz den Bach runtergehen, nachdem ihn Regan wegen einer aufgeflogenen Affäre vor die Tür gesetzt hat – und flüchtet sich in fragwürdige Börsenspekulationen. Williams Vater, der Herrscher über das Hamilton-Sweeney-Imperium, sucht sein Glück bei der quecksilbrigen Felicia Gould, nachdem seine erste Frau verstorben ist. Und Felicia ihrerseits arbeitet hektisch daran, den leckgeschlagenen Tanker namens Hamilton-Sweeney-Clan wieder in eine halbwegs stabile Manövrierposition zu versetzen.

Gewiss liessen sich hier noch lange weitere spannende Figuren aufreihen. Doch was dieser Roman vor allem liefert, ist das: ein sattes, wildes, unvergessliches New-York-Gefühl, das Hallberg wie Aufputschmittel wieder und wieder in den Leser hineinpumpt. So bleibt abschliessend festzustellen: Ched Harbach, Forster Wallace, Eugenides und, ja, sogar Franzen: Das war Gestern. Heute ist Hallberg-Zeit.

«Es gab nichts, über das New York lieber las als über sich selbst» heisst es im Roman. Und – so möchte man hinzufügen: Es gibt fortan wenige Bücher, in denen es besser geschrieben steht, als in diesem grossen, anmassenden und die Sinne schärfenden, verzaubernden Roman.

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