Musik

Ein Blueser ersten Grades

Sass früher gebannt mit dem Kassettenrecorder vor dem Lautsprecher: Bluesmusiker Cla Nett.

Sass früher gebannt mit dem Kassettenrecorder vor dem Lautsprecher: Bluesmusiker Cla Nett.

Der Basler Gitarrist und Sänger Cla Nett frönt seiner alten Liebe mit einem neuen Projekt

«I ain’t got enough of that stuff,» singt er mit wunderbarer Nonchalance, dann setzt Cla Nett über dem treibenden Chicago-Shuffle zum Gitarrensolo an, das so kompromisslos daherkommt wie bei seinen grossen Vorbildern, den «drei Königen». Gemeint sind Albert King, Freddie King und BB King. Der 62-Jährige hat noch lange nicht genug von ihnen und tobt sich neuerdings nicht nur mit seiner Stammformation Lazy Poker aus, sondern auch beim neu gegründeten Quartett Second Cousins.

Dabei hätte der umtriebige Musiker in seiner Karriere bereits so viel erlebt, dass er sich getrost zur Ruhe setzen und seine Memoiren schreiben könnte. Doch vorerst will er sich komplett auf die Musik konzentrieren. Die Suche nach dem perfekten Moment auf der Bühne treibt ihn weiter an: «Vielleicht musst Du 15 Gigs abwarten, bis Du Dich selber überflügelst, aber dann ist das Gefühl so gewaltig, dass Du die ganze Nacht wach liegst.»

Von Höhenflügen und Tiefschlägen aus einem Business, dessen beste Jahre er hautnah miterlebt hat, weiss der gelernte Jurist einiges zu berichten. Bei der als Kurzinterview geplanten Unterhaltung vergehen viereinhalb Stunden wie im Flug und der Notizblock ist bis zur letzten Seite voll.

30 Minuten Hitparade

Fragt man Nett (der seinen charakteristischen Cowboyhut aus schwarzem Leder auch bei sommerlichen Temperaturen nicht absetzt) wie er zur Gitarre gekommen ist, erhält man einen Stimmungsbericht der rückständigen Schweizer Musiklandschaft der frühen Sechzigerjahre: Im nationalen Radio wurden gerade mal 30 Minuten Hitparade pro Woche gespielt. «Und da war dann auch Peter Alexander darunter.»

Nett ist am Heiligabend 1956 im Spital von Samedan zur Welt gekommen und lebt seit seinem fünften Lebensjahr in der Basler Breite. Für ihn sei vor allem der Donnerstagnachmittag auf SRF3 ein Pflichttermin gewesen: «Von 13 bis 13.30 Uhr hat Frank Laufenberg Blues gespielt, und ich sass mit meinem Kassettenrecorder gebannt vor dem Lautsprecher.» Hier entdeckte Cla Nett britische Acts wie Ten Years After, Canned Heat und John Mayall; von da war der Weg kurz zu den schwarzen Meistern des Blues.

Das Erweckungserlebnis, das ihn schliesslich zur Gitarre bringen sollte, ereignete sich jedoch in Basels Strassen. Beim Kleiderkauf mit der Mutter sah Nett den um sechs Jahre älteren Thomas Moeckel bei einem Spontankonzert auf einer Lastwagenrampe. «Ich war umgehauen von dieser lauten und dreckigen Bluesgitarre, und wusste: Ich will auch da oben stehen.» Kurz darauf sass der 13-Jährige bei Musik Hug im Gruppenunterricht. «Die Stunde bestand grösstenteils daraus, dass der Lehrer 14 Gitarren stimmte.» Das Spiel brachte sich Nett schliesslich mit einem Nachbarn und im Eigenstudium mit Platten bei.

Auf Tournee mit Joe Cocker

Anfänglich habe er sich noch durch die Songs gemogelt, bis 1975 das Können zur Formierung der Lazy Poker Blues Band reichte, die er nach einem Song von Fleetwood Mac benannte. Man probte im Waisenhaus und spielte im Altersheim oder an Gewerkschaftsfesten. 1978 stiess Jakob Künzel zur Band, ein Jahr darauf Roli Frei. Die «Lazies» gingen auf Deutschlandtournee (inklusive Abstechern in die damalige DDR), nahmen Alben auf und erspielten sich einen Namen. 1984 sei rückblickend das erfolgreichste Jahr gewesen, erinnert sich Nett. Lazy Poker gingen mit Joe Cocker auf Europa-Tournee, und spielten insgesamt vor rund 300 000 Zuschauern. Das sei eine harte Schule gewesen, doch die Erfahrung, im Olympiastadium Berlin vor 45 000 Besuchern zu stehen, überstrahle bis heute jeden Frust, den es im Bandleben zwangsläufig auch gebe.

Seine langjährigen Erfahrungen haben Cla Nett, der seit 2010 jährlich fünf Wochen in den Südstaaten Amerikas herumreist, auch dazu bewogen, sein neues Projekt als «Oligarchie» aufzuziehen: «Bei den Second Cousins haben Kurt Bislin und ich das Sagen, und weil wir uns blind verstehen, klappt alles ohne Diskussionen.»

Bislin und Nett teilen sich die Aufgaben als Songschreiber und Leadsänger, auch ihr Gitarrenspiel ergänzt sich bestens, wie sich auf dem Debüt «Bloody Tears» nachhören lässt. Dabei waren sich die beiden Musiker nicht immer hold – in den Achtzigern seien Netts Lazy Poker und Bislins Rain Dogs durchaus so etwas wie Konkurrenten gewesen, blickt Nett mit einem Schmunzeln zurück. Erst kurz vor den Sessions für das Album haben die beiden Männer herausgefunden, dass ihre Grossväter Brüder waren. Die Blueser ersten Grades sind Cousins zweiten Grades.

Summerblues, Basel. Freitag, 29.Juni, 22:15 Uhr.

Em Bebbi sy Jazz, Basel. Freitag, 17. August, 21.15 Uhr. 

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