In einem Besprechungszimmer in der deutschen Zentrale ihrer Plattenfirma nimmt sie auf einem Sofa Platz. «Am liebsten würde ich mich hier hinlegen», scherzt die 26-Jährige in breitem, aber überraschend temporeichem Bernerdialekt.

«Ich war schon immer jemand, der ständig in Bewegung war. Ich kann einfach nicht herumsitzen und nichts tun», grinst Edita. Da kamen ihr die vergangenen Wochen wohl gerade recht: Studioaufnahmen in Berlin, dazwischen TV-Interviews in der Schweiz und in Köln. Am Tag zuvor drehte sie auf Teneriffa den Videoclip zur ihrer neuen Single, «The Key». Nach dem Interview geht es weiter zur Jugendzeitschrift «Bravo», abends steht eine Gala auf dem Programm, bei der Edita einen Preis
als «Talent Of The Year» entgegen- nimmt.

Und das alles, obwohl die junge Sängerin in Deutschland noch gar kein Album auf den Markt gebracht hat. Am 18. März erscheint nun ihr schlicht «One» betiteltes Erstlingswerk. Ursprünglich sollte das Album bereits im Dezember, einen Monat nach ihrem Sieg bei «X Factor», veröffentlicht werden. Doch Edita wollte sich Zeit lassen, nichts überstürzen. «Nach dem Finale wurden mir in Berlin Songs vorgestellt. Aber ich sage nicht zu allem ‹Ja und Amen›», stellt die selbstbewusste Sängerin klar. «Von zehn dieser vorgestellten Songs fand ich drei cool. Wenn es um Musik geht, muss wirklich einfach alles stimmen. Denn man muss seine Songs so authentisch wie möglich rüberbringen.»

Also wurden weitere passende Titel gesucht und der Release verschoben. Verschiedene Komponisten und Songschreiber reichten Tracks ein, darunter auch der Schwede Jörgen Elofsson, der bereits Hits für Britney Spears und Kelly Clarkson schrieb. «Ich fand seinen Song super», schwärmt Edita. «Und als ‹The Key› dann im Kasten war, haben wir weitere Nummern gesucht, die in diese Richtung gingen.»

«Musik ist das Einzige für mich»

Das Resultat: 15 auf Charts getrimmte Pop-Songs – von der gefühlvollen Ballade über tanzbare Club-Tunes und R&B-Uptempo-Titel bis hin zu einem Duett mit Latino-Star Ricky Martin dürfte für jede Altersstufe etwas dabei sein. Trotz Mainstream-Appeal: An Editas gesanglichem Talent besteht kein Zweifel. Als Produzent wurde der Newcomerin Marek Pompetzki zur Seite gestellt. «Ich hatte anfangs ein bisschen Angst, wer als Produzent engagiert wird», erzählt sie und ergänzt lachend: «Das Gute war: Dieter Bohlen war schon mal aus dem Spiel.» Der Pop-Titan hatte Edita vor einigen Jahren bei «Deutschland sucht den Superstar» bereits im Casting die rote Karte gezeigt. Dennoch hat sie nichts persönlich gegen ihn. «Aber musikalisch ist das nicht mein Ding», sagt sie. Mit Marek Pompetzki verstand sie sich indes bestens. Der erfolgreiche Beat-Bastler hat bereits mit Stefanie Heinzmann zusammengearbeitet. «Das war für mich schon mal ein gutes Zeichen», so Edita. Denn mit der Walliser Sängerin, die 2008 ein Casting in Stefan Raabs Show «TV total» gewann, ist Edita auch privat befreundet. «Sie ist so cool und trotz ihres Erfolgs normal geblieben.»

Auch Edita ist nach ihrem Sieg auf dem Boden geblieben. Für sie ist mit dem Sieg bei «X Factor» ein Traum in Erfüllung gegangen. «Musik war das Einzige, was mich immer glücklich gemacht hat», erinnert sich die Sängerin, die bereits als Zehnjährige mit einer Freundin aus der Nachbarschaft ihre erste Band, die Neighbour Friends, gründete.

Früh übt sich

Eigentlich wollte Edita nie etwas anderes machen. Doch ihre Mutter war zu Beginn anderer Meinung. Ihre Tochter sollte einen «richtigen Beruf» erlernen. «Ich entschied mich für Krankenschwester», so Edita. Im Spital absolvierte sie ein einjähriges Praktikum. Mit 18 hätte sie dann ihre Ausbildung beginnen können – doch es kam anders. Ohne die Erlaubnis ihrer Mutter bewarb sie sich für die damals neu eröffnete Swiss Musical Academy. Noch am selben Tag erhielt sie die Zusage. Die Ausbildung musste sie selbst finanzieren. «Ich habe oft gefehlt, weil ich nebenbei nachts noch bis zwei in einer Bar gearbeitet habe.» Dafür liess sie morgens den Ballettunterricht ausfallen.

Erste Erfahrungen im Pop-Business sammelte Edita später mit dem Projekt Vanessa Edita, das sie gemeinsam mit ihrer langjährigen Freundin Vanessa Tancredi startete. Voraussetzung für einen Plattenvertrag: Berndeutsch! Ein Album wurde aufgenommen, die Single «Wenn ig nume wüsst» erreichte Anfang 2006 immerhin Platz 49 der Schweizer Hitparade. «Ich habe aber bereits während der Produktion gemerkt, dass Mundart nicht so mein Ding ist. Ausserdem habe ich mich auch immer als Solokünstlerin gesehen, weil ich meinen eigenen Kopf habe und gerne mein Ding durchziehe.»

Inzwischen ist Edita als Solo-künstlerin unterwegs und singt auf Englisch. Aus zeitlichen Gründen konnte die kreative Powerfrau, die selber Songs schreibt und deshalb ständig ein Aufnahmegerät und etwas zum Schreiben bei sich hat, keine eigenen Titel für ihr Debüt beitragen. «Aber ich war wirklich froh, dass ich mitbestimmen konnte.» Und spätestens für ihr zweites Album will sie auf jeden Fall eigene Songs aufnehmen. Moment, zweites Album? Erst einmal wird nun ihr Solo-Debüt veröffentlicht. Es wird nicht leicht. Stars wie Britney Spears und Lady Gaga melden sich im Früh-
jahr mit neuen Alben zurück. Und auch die «Popstar To Go»-Maschinerie läuft bereits wieder auf Hochtouren: Bohlen sucht seinen neuen «Superstar» und Vox will wieder einen Newcomer mit dem «X Factor», dem gewissen Etwas, finden. Hat Edita einen Plan B? «Ich werde immer Musik machen, so oder so», ist sie überzeugt. «Solange ich auf einer Bühne stehen kann und mir Leute zusehen, fühle ich mich wohl. Das Allerwichtigste ist der Wille. Man darf nie aufgeben.» Die Einstellung stimmt jedenfalls schon mal.

Edita One. Sony Music.

Erscheint am 18. März.