Krieg- und Gangsterfilm
«Dunkirk» und «Baby Driver» bieten intensives Kinoerlebnis – fast ohne Worte

Der Kriegsfilm «Dunkirk» und der Gangsterfilm «Baby Driver» funktionieren fast ohne Dialoge. Stattdessen setzen ihre Macher auf Bilder, Rhythmus und Stimmung – und erzeugen ein umso intensiveres Kinoerlebnis.

Lory Roebuck
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«Dunkirk»

«Dunkirk»

KEYSTONE

Was macht einen guten Film aus? Scharfsinnige Kinobesucher werden sagen: eine gute Story. Scharfsinnigere werden präzisieren: kluge Dialoge.

Filme wie die «Before Sunrise»-Trilogie von US-Regisseur Richard Linklater beispielsweise werden von Fans und Kritikern gefeiert, weil ihre beiden Protagonisten (gespielt von Ethan Hawke und Julie Delpy) jeweils 90 Minuten lang durchreden. Sie artikulieren die Welt in gigantischen Dauerdialogen.

Das mag raffiniert und tiefsinnig wirken – eines ist es aber nicht: besonders filmisch. Was Linklater schuf, ist Kino zum Zuhören.

Dabei brauchen Filme gar keine Dialoge, um Geschichten zu erzählen. Auch Jahrzehnte nach der Stummfilmära können zwei Bilder und ein Schnitt mehr aussagen als tausend gesprochene Worte. Denn Kino ist Sehen und Erleben, es vermag unser Hirn und unser Herz nicht nur über das Ohr zu stimulieren, sondern auch über die Augen, Hüften und die Magengrube.

iPod-Musik statt Gespräch

Zwei neue Filme, die diese Woche in den Schweizer Kinos starten, stellen das besonders eindrücklich unter Beweis.

Da wäre zum einen der Gangsterfilm «Baby Driver» von Edgar Wright. Frühere Filme des 43-jährigen Briten wie «Shaun of the Dead» (2004) oder «Scott Pilgrim vs. the World» (2010) gelten heute als Kult – auch wegen ihrer coolen Soundtracks, die Wright als grosser Popexperte jeweils selber zusammenstellte.

Der Held von «Baby Driver» (Ansel Elgort) fährt Fluchtautos – im Takt zu seinem iPod. Sony Pictures

Der Held von «Baby Driver» (Ansel Elgort) fährt Fluchtautos – im Takt zu seinem iPod. Sony Pictures

Mit «Baby Driver» treibt Wright seinen unverkennbaren Stil nun auf die Spitze. Sein Filmheld heisst Baby (gespielt von Newcomer Ansel Elgort) und hat seit einem Autounfall im Kindesalter Tinnitus. Um das permanente Pfeifen in seinen Ohren zu übertönen, trägt er ständig Stöpsel im Ohr.

Der Film verzichtet nicht etwa auf Dialoge, aber er filtert sie aus der Tonspur. Wenn etwa die Gangster, für die Baby arbeitet, ihren nächsten Coup planen, hören Kinozuschauer nicht ihr Gespräch, sondern den Song der Commodores, der gerade auf Babys iPod läuft.

Und nach dem Banküberfall steuert Baby den Fluchtwagen im Takt zu den rasanten Klängen aus dem Autoradio.

Die beiden Oscar-Gewinner Kevin Spacey und Jamie Foxx sprechen zwar ein paar kultverdächtige Einzeiler – in Erinnerung bleiben wird «Baby Driver» aber für seinen atemlosen Rhythmus.

Edgar Wright mag es bisweilen zu weit treiben – in einer Szene am Anfang etwa zeigt er sogar die Lyrics des gerade zu hörenden Songs als Graffiti im Hintergrund des tanzenden Babys. Doch bei diesem Film bleiben die Hüften im Kinosessel definitiv nicht stumm.

Drehbuch nach Musik-Rhythmus

Auch Christopher Nolan sagt, er habe sein neues Drehbuch nach einem musikalischen Rhythmus geschrieben. Der 46-jährige britische Regisseur hat mit Filmen wie «The Dark Knight» (2008) und «Inception» (2009) einige der finanziell erfolgreichsten und von Kritikern hochgelobtesten Hollywoodblockbuster erschaffen.

In «Dunkirk» (ebenfalls ab Donnerstag im Kino) erzählt er nun von der Evakuierungsmission 1940 in der nordfranzösischen Stadt Dünkirchen, wo 400 000 alliierte Soldaten von den Nazis eingekesselt waren.

«Dunkirk» erzählt von der Evakuierung von mehr als 400 000 alliierten Streitkräften, die 1940 in Nordfrankreich eingekesselt sind

«Dunkirk» erzählt von der Evakuierung von mehr als 400 000 alliierten Streitkräften, die 1940 in Nordfrankreich eingekesselt sind

Warner

Das historische Ereignis war Niederlage und Sieg zugleich: Churchill rechnete damals bestenfalls mit 35'000 Überlebenden, doch weil auch zivile Rettungsboote den Ärmelkanal überquerten, schafften es 338'000 britische Soldaten zurück.

Im Gegensatz zu Edgar Wright verzichtet Nolan in seinem Film tatsächlich weitgehend auf Dialoge. In «Dunkirk» gibt es keine Szenen mit planenden Generälen, und auch Nazis kriegt man nie zu Gesicht.

Stattdessen taucht Nolan das Kinopublikum mitten in das Kriegsgeschehen hinein und zeigt dieses aus der Perspektive eines Kampfpiloten (Tom Hardy) aus der Luft, eines zivilen Bootskapitäns (Mark Rylance) auf dem Wasser und eines Soldaten (Fionn Whitehead) auf dem Boden.

Paranoides Crescendo

Der Horror des Krieges hängt hier wie ein stummer, bedrückender Geist permanent in der Luft. Nolan schafft klaustrophobische Bilder und mischt auf der (herausragenden) Tonspur das Meeresrauschen am Strand mit ohrenbetäubender Artillerie und dem Geräusch einer ununterbrochen tickenden Uhr zu einem paranoiden Crescendo.

Das ist schwere Kost, aber als Kinoerlebnis kaum an Intensität zu überbieten. Nolan führt unmissverständlich vor Augen, dass sich der Schrecken des Krieges nicht in Worte fassen lässt.

Mit «Dunkirk» ist ihm ein Meisterwerk gelungen, das auf einer Ebene mit den Filmen «Apocalypse Now» (1979) und «Saving Private Ryan» (1998) zu nennen ist.

«Words are very unnecessary», heisst es im Depeche-Mode-Song «Enjoy the Silence» (1990). Diese Lehre sollte im Kino nicht bloss für schnatternde Zuschauer gelten.

  • Dunkirk (GB / F / USA 2017) 106 Min. Regie: Christopher Nolan. (5 von 5 Sternen)
  • Baby Driver (GB / USA) 112 Min. Regie: Edgar Wright. (4 von 5 Sternen)
  • Beide Filme ab Donnerstag, 27. Juli, im Kino.

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