Kampf ums Überleben

Dürfen Museen Bilder verkaufen? Die heisseste Debatte in der Museumswelt

In der aktuellen Ausstellung «Herzkammer – 30 Jahre Museum Langmatt», zeigt das Impressionisten-Museum in Baden (fast) seine gesamten Schätze.

In der aktuellen Ausstellung «Herzkammer – 30 Jahre Museum Langmatt», zeigt das Impressionisten-Museum in Baden (fast) seine gesamten Schätze.

Museen sind die Hüterinnen kultureller Schätze auf für ewige Zeiten. Was aber, wenn sie Platz oder Geld brauchen? Aktuell streitet man um die Pläne der Villa Langmatt in Baden, die ihren Betrieb mit einem Bilderverkauf für 40 Millionen Franken sichern will.

Im Einwohnerrat Baden wurde es als die Lösung eines langjährigen Problems gefeiert: Stadt und Kanton zahlen die dringend notwendige Sanierung der Villa Langmatt (geschätzte 17 Millionen Franken), die Stiftung Langmatt verkauft Bilder und sichert mit dem erhofften Erlös von 40 Millionen Franken den Betrieb des Impressionisten-Museums für Jahrzehnte. Ist das ein Raub am kulturellen Erbe, an der Villa und Sammlung des BBC-Mitbegründers Sidney und seiner Frau Jenny Brown-Sulzer? Oder ist es eine vertretbare Strategie? Die zehn wichtigsten Fragen.

1. Warum will die Stiftung Langmatt Bilder verkaufen?

Die Stiftung hat seit ihrer Gründung 1987 finanzielle Probleme. Ihr Kapital von 3,5 Millionen Franken reicht nur noch wenige Jahre, um das Betriebsdefizit zu decken. Mit dem Bilderverkauf will sie Betrieb und Unterhalt langfristig sichern. «Was nützt es, wenn Stadt und Kanton die Liegenschaft sanieren, das Museum kurz danach aber schliessen muss, weil kein Geld für den Betrieb da ist?», fragt Langmatt-Direktor Markus Stegmann. Er betont: «Wir haben lange gerungen, ob wir Verkäufe in Betracht ziehen müssen, wir sehen aber leider keine andere langfristige Lösung. Das Museum ist in seiner Existenz gefährdet.»

Ein Rundumblick durch die aktuelle Ausstellung «Herzkammer» im Museum Langmatt

Ein Rundumblick durch die aktuelle Ausstellung «Herzkammer» im Museum Langmatt

  

2. Dürfen Museen überhaupt Bilder verkaufen?

Grundsätzlich nicht. Allerdings haben in den letzten Jahrzehnten Verkäufe zugenommen. Die ethischen Richtlinien des internationalen Museumsverbandes Icom beurteilen solche Deakzessionen, wie Verkäufe in der Fachsprache heissen, als vertretbar, wenn die Substanz der Sammlung nicht geschwächt und das Geld «in der Regel» in die Sammlung und nicht in den Betrieb reinvestiert wird. Die Langmatt agiert hier also auf heiklem Terrain.

3. Ist das der erste Fall in der Schweiz?

Nein. 2019 hat das Kunstmuseum Bern aus dem Gurlitt-Erbe ein Bild von Édouard Manet für vier Millionen Franken an ein Museum in Tokio verkauft, um das Defizit der Provenienz-Forschung und der Ausstellung des Gurlitt-Erbes zu decken.

Édouard Manet Marine, Temps d’orage (Stürmische See), 1873. (Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014 © Mick Vincenz © Kunstmuseum Bern und Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Édouard Manet Marine, Temps d’orage (Stürmische See), 1873. (Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014 © Mick Vincenz © Kunstmuseum Bern und Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Zu reden gab 2004 der Verkauf der gesamten Sammlung der Kunsthalle Basel für die Sanierung des Gebäudes. Auch andere, von Stiftungen oder Vereinen geführte Museen (vom Verkehrshaus über die Coninx-Stiftung bis zum Kunsthaus Zürich) verkaufen ab und zu Werke. Deakzessionen nehmen international wegen übervoller Depots, gesteigerter Kunstproduktion und weniger Zuschüssen zu. Es ist eines der heissesten Themen in der Museumswelt.

4. Würden die einstigen Besitzer der Langmatt sich im Grab umdrehen, bei der Vorstellung, dass Bilder aus ihrer Sammlung verkauft werden?

Wohl nicht. Jenny und Sidney Brown-Sulzer selber verkauften immer wieder Werke. Um 1910 gar ihre gesamte erste Sammlung mit Gemälden der Münchner Schule, weil sie ihre Liebe zur französischen Kunst, zu den Impressionisten, entdeckten. Für private Sammler ist das üblich.

5. Ist ein Verkauf von Bildern nach der Stiftungsurkunde erlaubt?

Ja. Verkäufe wurden in der Stiftungsurkunde, die die Stadt Baden als Erbin mit John A. Brown, dem letzten Sohn der Brown-Familie, vereinbart hat, ausdrücklich erlaubt. 1988, vor der Eröffnung des Museums, wurde ein grosser Posten an Kunsthandwerk, an Silber, Teppichen, Porzellan, Nippes und Möbel bei Koller in Zürich versteigert, 1998 auch ein Gemälde von Renoir.

6. Man hofft, mit einem bis drei Bildern 40 Millionen Franken zu lösen – ohne den Kern der Sammlung anzutasten. Ist das realistisch? Welche Werke will man verkaufen?

Das ist die grosse Frage. Würde eines der Kerngemälde – die Badenden von Cézanne, die Seine von Monet, das Stillleben von Gauguin oder das Boot von Renoir verkauft, würde ein Bild reichen. Aber diese wertvollsten Werke sind tabu. Ob die Werke, die kunsthistorisch nicht zum Impressionismus oder zur zweiten Garnitur gehören, diesen Wert bringen, scheint fraglich (siehe Bilder und Text daneben). Stegmann widerspricht: «Wir haben mit Kunsthandelsexperten und Kunsthistorikern intensive Gespräche geführt über Geld- und Kunstwert, und schätzen unsere Erwartung als realistisch ein.» Noch sei nicht bestimmt, welche Bilder es schlussendlich sein werden. «Das entscheidet der Stiftungsrat in zwei oder drei Jahren nach der erforderlichen Volksabstimmung», sagt er. «Der Kunstmarkt ist volatil, da muss man reagieren können.»

7. Wie viele Bilder umfasst die Sammlung heute überhaupt?

Rund 250 Kunstwerke, davon laut Stegmann 50 bis 60 Werke des französischen Impressionismus. Den unveräusserlichen Kern bestimmt habe man einerseits nach dem letzten Willen von John A. Brown, der auf einem Grundriss eingezeichnet habe, welche Gemälde man nicht ausleihen dürfe, welche also die Langmatt nicht verlassen dürften. Und andererseits in Diskussionen mit spezialisierten Kunsthistorikern, so Stegmann. Auf Diskussionen um Namen und Werktitel geht er nicht ein.

8. Wenn das Ziel nicht erreicht wird, was geschieht dann?

Scheitern ist im Sanierungsplan und in der Aufgabenteilung von Stadt und Stiftung nicht vorgesehen.

9. Gäbe es eine Alternative zum Bilderverkauf?

Mehr Zuschüsse der öffentlichen Hand. Die Langmatt hat heute ein Betriebsbudget von rund 1,2 Millionen Franken pro Jahr (laufender Unterhalt und bauliche Notfallmassnahmen inbegriffen). Daran zahlen die Stadt 200000 und der Kanton 195000 Franken. Die Langmatt ist kantonaler Leuchtturm, soll also weit über das Land ausstrahlen. Dass sie dafür mehr Strom braucht, ist jedem Elektriker klar, warum nicht der Regierung und dem Grossen Rat?

10. Ist die Langmatt nach dem Bilderverkauf gleich attraktiv?

Ja, denn die Langmatt ist nicht nur Bildermuseum, sondern historisches, gesellschaftliches und soziales Zeugnis. Hier erleben wir, wie Fabrikanten und Patrons Anfang 20. Jahrhundert lebten und wie das Oben und Unten der Gesellschaft funktionierte.

Welche Werke könnten verkauft werden?

Wir spekulieren – und scheitern

Den Kernbestand der Impressionisten wollen die Langmatt-Verantwortlichen nicht antasten. Welche Werke dann? Wir spekulieren. Bei den Impressionisten gibt es mehrere süssliche Porträts von Renoir. Die Schreibende könnte auf sie locker verzichten, Jenny Brown aber liebte sie. Der Schweizer wie der internationale Museumsverband warnen zu Recht davor, sich bei Verkäufen von Geschmack und Zeitgeist leiten zu lassen. Was gäbe es also ausserhalb des Impressionismus? Da wäre der hübsche Fragonard aus dem Rokoko, das virtuose Hündchen von Courbet aus der Epoche des Realismus oder die Segelschiffe von Corot aus dem Vorimpressionismus. Der Haken an unserer Spekulation ist der Wert der Werke: Sie würden wohl nur je zwischen einigen hunderttausend und maximal zwei Millionen Franken einbringen. Diese Kategorie Werke reicht also nicht. (sa)

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