Bühne
Pandemie sei dank: Die Schweiz ist gleich mit drei Stücken am Berliner Theatertreffen vertreten

Der lockere Lockdown hat sich aus künstlerischer Sicht ausgezahlt: Die Schweiz schickt zwei Produktionen aus Zürich und eine aus Basel ans bedeutende Theaterfestival.

Julia Stephan
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Pandemietaugliche Szene aus Christopher Rüpings «Einfach das Ende der Welt», die ans Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.

Pandemietaugliche Szene aus Christopher Rüpings «Einfach das Ende der Welt», die ans Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.

Bild: Diana Pfammatter

Das Schauspielhaus Zürich darf mit Christopher Rüpings «Einfach das Ende der Welt» und Leonie Böhms «Medea» gleich zwei Produktionen ans diesjährige Berliner Theatertreffen schicken. Rüpings «Einfach das Ende der Welt», basierend auf dem gleichnamigen Roman von Jean-Luc Lagarce, konnte am 3. Dezember 2020 trotz Pandemie vor nur 50 Zuschauern Premiere feiern. Am Stoff über einen todkranken Künstler, der bei seiner Rückkehr in seine Heimat auf eine Familie trifft, zu der er keinen Zugang mehr findet, habe Rüping die «ausweglose Einsamkeit» sämtlicher Protagonisten «mit Unbarmherzigkeit» herausgearbeitet. «Die Perspektiven verschieben sich ständig und formen das schönste neurotische Gebilde», heisst es in der Jury-Begründung.

Ebenfalls eine Einladung nach Berlin freuen kann sich der «Medea»-Abend von Leonie Böhm. Böhm inszeniert die berühmte Kindsmörderin aus der Antike nicht als Monster, sondern als normale Frau von heute. Das Stück hatte am 19. September 2020 Premiere. Böhm, so die Jury, zeige eine Frau im freien Fall, lege ihr Augenmerk nicht auf den «unmenschlichen Akt der Kindstötung, sondern auf die Entwicklung, die diesem passage à l’acte vorausgehe. Leonie Böhm, die in der laufenden Saison einige viel beachtete Stücke gezeigt hat, wird das Schauspielhaus Zürich nach Ende der laufenden Saison in Richtung Hamburg verlassen.

Eine Einladung für Basel

Das Theater Basel schaffte es am 14. Februar 2020, kurz vor dem ersten Lockdown, mit Max Frischs «Graf Öderland» in letzter Minute eine hochkarätige Inszenierung auf die Bühne zu bringen, die nun ebenfalls nominiert wurde. Stefan Bachmann inszeniere den Albtraum der Zivilisation, einen Rausch der Gewalt, in überwältigenden Stimmungsbildern und surrealen Nachtmahr-Paraden.

Dass die Schweiz gleich mit drei Arbeiten in Berlin vertreten sein wird, ist ungewöhnlich und wohl auch dem Umstand geschuldet, dass die Häuser in Österreich und Deutschland aufgrund strengerer Auflagen weniger Möglichkeiten hatten, während der Pandemie zu spielen. Die Jury um Cornelia Fiedler, Wolfgang Höbel, Georg Kasch, Andreas Klaeui, Sabine Leucht, Petra Paterno und Franz Wille sichteten insgesamt 285 Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum im Zeitraum vom 27. Januar 2020 bis 5. Februar 2021. Aufgrund der Pandemie griff die Jury erstmals in der Geschichte auf Videomaterial zurück und berücksichtigte auch digitale Produktionen. So wurde der Zauberberg nach Thomas Mann vom Deutschen Theater Berlin eingeladen, obwohl dieser lediglich als Livestream-Projekt Premiere feiern durfte.

Auch freie Szene berücksichtigt

Weitere Einladungen erhielten das «Automatenbüfett» von Anna Gmeyner in der Regie der ehemaligen Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey (Burgtheater Wien), «Maria Stuart» von Friedrich Schiller in der Regie von Anne Lenk (Deutsches Theater Berlin), der Abend «Name her. Eine Suche nach den Frauen+» (Regie: Marie Schleef), «Reich des Todes» von Rainald Goetz in der Regie von Karin Beier (Deutsches Schauspielhaus Hamburg) sowie das queere Projekt aus der Freien Szene «Scores That Shaped Our Friendship» mit Lucy Wilke und Paweł Duduś. Ebenfalls ausgezeichnet wurde die stark auf die Pandemie referierende Arbeit der Freien Theatergruppe Gob Squad «Show Me A Good Time», die ebenfalls als Livestream gezeigt wurde und «ein beglückendes Wärmen am virtuellen Lagerfeuer» sei, so die Jury.

Ob und wann das Festival im Mai neben einer digitalen Ausgabe auch analog stattfinden kann, soll im März bekanntgegeben werden.