Ballett

«Dornröschen» in Zürich: Ein Spiel mit der Märchenwelt

Die gute Fliederfee (Jan Casier) - am Zürcher Ballett getanzt von einem Mann - mildert den Fluch: Dornröschen wird nicht sterben, sondern in einen hundertjährigen Schlaf fallen.

Die gute Fliederfee (Jan Casier) - am Zürcher Ballett getanzt von einem Mann - mildert den Fluch: Dornröschen wird nicht sterben, sondern in einen hundertjährigen Schlaf fallen.

Das Ballett Zürich küsst am Samstag (10.10.) die neue Spielzeit wach. «Dornröschen» steht auf dem Programm - eine choreografische Uraufführung von Ballettdirektor Christian Spuck zur Musik von Pjotr I. Tschaikowski.

Es sind zwar keine hundert Jahre, aber lange Monate: Anfang März trat das Ballett Zürich letztmals auf. Mit dem Lockdown verschwand das Opernhaus hinter Absperrgittern.

Doch jetzt ist der Weg wieder frei. Die "Dornröschen"-Premiere steht an. Bereits vor zwei Jahren wurde das berühmte Märchen-Ballett eingeplant: An der Taufe wird Aurora von sechs Feen mit Fähigkeiten beschenkt. Die böse Fee Carabosse, nicht zur Feier eingeladen, rächt sich mit einem Fluch. Mit 16 Jahren werde sich die Königstochter an einer Spindel stechen und sterben. Die gute Fliederfee kann das Drama gerade noch mildern. Aurora werde nicht sterben, sondern in einen hundertjährigen Schlaf versinken, aus dem sie ein Prinz wiedererwecke.

1890 wurde "Dornröschen" in St. Petersburg uraufgeführt. Das Werk des Choreografen Marius Petipa und des Komponisten Pjotr I. Tschaikowski bezaubert und inspiriert bis heute.

Seine erste "Dornröschen"-Erfahrung habe er am Stuttgarter Ballett gemacht, erzählt Ballett-Direktor Christian Spuck an der Matinée vor der Premiere. Noch an der Cranko-Schule, sei er angefragt worden, ob er Carabosse am Abend den bühnenfüllenden Umhang abnehmen könne. Beim Stuttgarter Ballett tanzte er dann in der "Dornröschen"-Inszenierung von Marcia Haydée.

Auch die Hamburger Version von Mats Ek habe ihn "beeindruckt und beeinflusst". Der schwedische Choreograf liess sich 1994 in Zürich beim Platzspitz zu einem "Dornröschen" an der Nadel inspirieren. Dieses hat das Zürcher Ballett später übernommen und während drei Spielzeiten bis 2014 aufgeführt. Im selben Jahr erschien "Maleficent" in den Kinos, in der Rolle der dunklen Fee Angela Jolie.

Ansteckende Tanzfreude

Was aber macht nun der gebürtige Deutsche Christian Spuck aus dem berühmten wie märchenhaften "Dornröschen"-Stoff? "Ich glaube, dass man bei dieser Sleeping-Beauty-Fassung einen anderen Eindruck von den Hauptfiguren bekommt", sagt der Choreograf gegenüber Keystone-SDA. "Unsere Aurora erhält eine gewisse Mündigkeit. Und Lilafee und Carabosse symbolisieren das Gute und Böse. Doch es ist ja nie ganz so, wie es scheint: Ist das Gute wirklich nur gut, das Böse nur böse? Wir hinterfragen vieles, auch ironisch."

Was aber kann Dornröschen zur Aktualität beitragen? Auch heutzutage versuchten sich Teenager aus der elterlichen Obhut zu befreien und eigene Erfahrungen zu machen, sagt Christian Spuck. Und diese - darauf weise ja der Spindelstich hin - könnten schmerzhaft sein. Aber nur durch schwierige Erfahrungen entwickelten wir uns weiter.

Zeitgemäss, frei von klassischen Geschlechtervorstellungen, sind die Hauptrollen besetzt: Michelle Willems als Aurora, William Moore als Carabosse, Jan Casier als Fliederfee. Auch die anderen Feen werden von Männern getanzt. Auf die Frage, ob Dornröschen zur Travestieshow verkomme, antwortet Christian Spuck, nein, es gebe auch kein Spiel mit Geschlechtern. Er möchte die Figuren einfach anders darstellen, den Charakteren mehr Farben verleihen. Das sei viel spannungsvoller und unterhaltsamer. Ausserdem habe die Compagnie viel mehr Spass bei der Arbeit. Eventuell seien manche Momente sogar etwas albern, doch er glaube, "in heutigen Zeiten können wir alle das gut gebrauchen".

Bühnenbild: beweglich und offen

Das Bühnenbild ist ein Haus mit offenen Räumen. Es lässt sich drehen, gleichzeitig nach vorne, hinten und diagonal fahren. So entstehen Zeiträume, zusätzliche Raumchoreografien: Einmal drehe sich das offene Haus vier Minuten und die Tänzer müssten sich darin orientieren und ihre Geschichten erzählen, was ebenso anspruchsvoll wie lustig sei, sagt Christian Spuck. "Wir sind es nicht gewohnt, dass sich der Raum um uns bewegt. Tänzer brauchen für die Orientierung immer wieder Fixpunkte."

Vertikale und horizontale Bewegungen, vertauschte Geschlechterrollen, scheinbar Gutes oder Böses: zweieinhalb Stunden sollten reichen, um sich vom Ballett Zürich und der live zugeschalteten Philharmonia Zürich den Kopf verdrehen zu lassen.

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