Keiner hat so viele Opernrollen gesungen (über 130) und keiner so viele Opern eingespielt (über 100). Selbst nach dem 70. Geburtstag singt Domingo ohne Unterbruch. Den letzten Frühling diagnostizierten Darmkrebs hat er offenbar besiegt. In Wien bestritt er im Dezember seine 3500.Opernvorstellung. Neben seinem Leben als Tenor ist er immer öfter auch Bariton, Dirigent und dazu Generaldirektor der Opern von Washington und von Los Angeles.

Als Domingo seinen 60.Geburtstag feierte, präsentierte er der Welt nicht nur neue CDs, sondern auch eine Biografie, in der sein Geburtsschein abgebildet war: Das Datum lautete 21. Januar 1941. Kein Zufall, denn es gibt (zu) viele Hinweise, dass Domingo schon 1934 geboren wurde. Wäre er 1941 geboren, hätte er mit 16 geheiratet und so jung gleich auch noch die ersten Zarzuela-Abende gesungen. Wie auch immer: Das Wunder «Plácidissimo» würde mit Jahrgang 1934 nur noch grösser. Das Monument Domingo ist unerreicht, obwohl der «Weltmeister» nicht unfehlbar ist. Mehrmals hat er in den letzten Jahren wegen Stimmproblemen die Bühne während eines Opernabends verlassen müssen.

Irritierte Live-Hörer

Wer Domingo live hört, ist bisweilen überrascht, wie matt seine Stimme klingen kann. Kommt hinzu, dass der mit einem Baritonfundament beschenkte Jahrhunderttenor in nicht einer Rolle einzigartig, nicht besser als alle anderen war. Und seine beste Einspielung, Verdis «Don Carlo» (EMI 1970), ist vor allem dank Dirigent Carlo Maria Giulini ein Gesamtereignis. Später sang Domingo allerdings nie mehr so schön.

Auch heute singt er noch. Für Domingo ediert man neue Boxen, ja man öffnet gar die Studios, um Opern einzuspielen. Umberto Giordanos 1898 komponierte «Fedora» ist es diesmal. Für diesen prächtigen Schmachtfetzen pilgert man in den 90er-Jahren nach Zürich, um erst José Carreras, alsbald Plácido Domingo zu hören. Für den Tenor gibts eine kleine Arie, zwei Duette, ein Finale – ideal für alternde Stars.

Vom glühenden Verismo-Fest ist auf der von Alberto Veronesi dirigierten «Fedora»-Aufnahme lange nichts zu spüren: überinszeniert, ja distanziert der erste Auftritt der Primadonna Angela Gheorghiu; die Ensembles nicht eben spritzig. Domingo singt seine Arie mit viel Impetus, aber ohne grossen Glanz. In der Folge zieht immerhin das Drama an: Gheorghiu und Domingo harmonieren bestens.

Schöne Rückblicke auf CD

Schöner ist es, in die Vergangenheit zu hören. EMI, Sony und Deutsche Grammophon legen Boxen vor, die Domingos Weg nachhörbar aufzeigen. Sony verpackt die Rezitals nostalgisch in den alten LP-Originalcovern. EMI und DG setzen auf prächtige CD-Bücher voller Bilder und mit etwas Information. Alles ist für wenig Geld zu haben. Als ich Domingo vor sechs Jahren in einem Interview fragte, ob er mit 70 noch singen werde, da antwortete er. «Ich hoffe es wirklich nicht. Gestern sagte mir ein Opernbesucher, wenn ich meine Seele nicht verkauft habe, wisse er nicht, wie ich das alles mache. Aber diese Zweifel...was solls? Noch singe ich.» Wohl für immer und ewig.

CD Umberto Giordano: Fedora.
Gheorghiu/Domingo. DGG 2011.

Drei Sammlungen:The Plácido Domingo Story. DGG 2011. Rezital and Duet Recordings 1969–1989. Sony 2011. Viva Domingo. 4 CDs. EMI 2011.