Tatort

Direkt vom Dreh: In der Kult-Serie wird jetzt auch freiwillig gestorben

Kommisar Flückigers neuer Fall dreht sich um Sterbehilfe. Die «Nordwestschweiz» war für Sie bei den Dreharbeiten. Im Video sehen Sie hinter die Kulissen der beliebten Serie.

Der Mann stöhnt auf. Seine Handfläche ist gegen einen Spiegel gepresst. Risse. Blut. Schmerz. Alles reine Filmillusion. Denn das Blut ist in Wirklichkeit eine rote Flüssigkeit aus Glyzerin, und vom vorsichtig präparierten Spiegel stehen Ersatzexemplare in Griffnähe.

Eine Tatort-Szene mit Gubser und Mayer.

Eine Tatort-Szene mit Gubser und Mayer.

Für den Dreh der neuen Luzerner «Tatort»-Folge ist für zwei Tage im ehrwürdigen Hotel Palace am Vierwaldstättersee ein ganzer Flur abgeriegelt worden.

Wir befinden uns in einer Suite, wo ein Mann (gespielt von Martin Butzke) sich mit seiner Schwester (Susanne Marie Wrage) gestritten hat. Bevor er das Zimmer verlässt, erblickt er sein zersplittertes Spiegelbild. Eine Metapher für seinen verstörten seelischen Zustand. Dann schlingt sich der Mann mehrere Taschen über die Schulter und läuft raus.

«De Samichlaus!», ruft Sabine Boss – und alle auf dem Set lachen. Die Schweizer Erfolgsregisseurin («Dr Goalie bin ig») – kürzlich mit dem Kulturpreis der AZ Medien ausgezeichnet – inszeniert nach «Hanglage mit Aussicht» (2012) nun ihren zweiten Luzerner «Tatort»-Film. Er soll im Herbst 2016 über unsere Fernsehbildschirme flimmern.

«Aus» statt «Schnitt»

Der vorläufige Arbeitstitel der Folge lautet «Freitod». Es geht um Sterbehilfe. In Deutschland verboten, in der Schweiz möglich. Ein brandheisses Thema. Die Mutter des streitenden Geschwisterpaars reist aus Deutschland nach Luzern zur (fiktionalen) Sterbehilfeorganisation Transitus, um sich würdevoll in den Tod begleiten zu lassen.

Boss hat bei der realen Organisation Exit recherchiert. Sie sagt: «Diesen Moment, wo du noch klar bei Sinnen bist und entscheidest: Heute gehe ich – den finde ich wahnsinnig mutig.»

Doch der «Tatort» wäre kein «Tatort» ohne unfreiwillige Tote. Das Mordopfer ist ausgerechnet eine Sterbehelferin. Ein Fall für das Ermittlerduo Flückiger (Stefan Gubser) und Ritschard (Delia Mayer).

In der nächsten Szene, bei der wir zuschauen, biegen die beiden Kommissare in den Hotelflur ein – eine Sekunde zu spät. Der Mann mit der blutigen Hand ist soeben durch eine andere Tür verschwunden. Flückiger und Ritschard betreten stattdessen die Suite. «Aus!», ruft Sabine Boss – statt «Schnitt». Ihr Markenzeichen bei Filmdrehs.

Zweites Video vom Tatort-Dreh

Eine zweite Szene wird gedreht.

Die 49-jährige Aargauerin wirkt gleichzeitig entspannt und in Kontrolle. Die Hälfte der Dreharbeiten ist vorbei, alles ist im Fahrplan. Doch Boss ist eine Perfektionistin. Sie lässt Takes wiederholen, bis sie wirklich zufrieden ist.

Flückiger-Darsteller Stefan Gubser sagt: «Ich arbeite extrem gerne mit ihr, weil sie sehr genau ist. Sie versucht, aus jeder Szene noch etwas rauszuholen.» Die Kamera rollt wieder. «Und … bitte!», statt «Action». Das Bosssche Filmvokabular.

Hat Flückiger eine Flamme?

Sabine Boss dreht bereits zum dritten Mal mit Stefan Gubser. «Er hat ein wahnsinniges Verständnis für die Kamera», sagt sie über ihn. «Er verschmilzt mit ihr.»

Doch: Gubsers Flückiger steht unter medialem Dauerbeschuss. Die ewige Kritik lautet: Der Zuschauer erfährt zu wenig Persönliches über die Figur, die als Kommissar Kantenlos verschmäht wird. «Das hört man nicht gerne», sagt Gubser.

Doch er versteht die Kritik. Mehr noch: «Ich habe mich dafür starkgemacht, dass man die Figuren besser kennen lernt. Damit sich die Zuschauer stärker mit ihnen identifizieren können.»

Laut Gubser wird daran gearbeitet. Ein Beispiel: Der Ursprung des mysteriösen SMS, das Flückiger im letzten «Tatort» erhielt, wird aufgelöst.

Er will nicht zu viel verraten. Wir vernehmen aber: Da ist eine Frau im Spiel! Gubser beschwichtigt: Flückigers Privatleben steht erst in der Folge nach «Freitod» (Drehbeginn: Juni 2016) im Fokus. Bei Boss’ Episode dreht sich noch alles um Flückigers Ermittlung. So viel Platz muss sein für Sterbehilfe. Ein Thema, das polarisiert.

Wird so die Einschaltquote angekurbelt? Der Luzerner «Tatort» hätte das nötig. Er muss auf die deutschen Folgen wieder Boden gutmachen. Sabine Boss spürt den Druck. «Gegenüber dem Schweizer ‹Tatort› gibt es eine vorprogrammierte Skepsis. Vor allem in Deutschland.

Das ist alles andere als lässig.» Die Frage sei also erlaubt: Ist sich Boss nach ihrem gigantischen Kinoerfolg mit «Der Goalie bin ig» nicht zu schade für einen erneuten Ausflug zum Fernseh-«Tatort»? Was ist der Reiz? «Die gesellschaftlich relevanten Geschichten. Ich finde das Thema Freitod extrem spannend. Deshalb habe ich zugesagt.»

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