Filmfestival

Dieter Kosslick: «Die Berlinale war enorm anstrengend»

© REUTERS

Der scheidende Direktor des Berliner Filmfestivals Dieter Kosslick über seine ersten Kinobesuche und seine letzte Berlinale.

Nur drei Wochen sind es noch bis zur Berlinale, aber Dieter Kosslick, der scheidende Direktor, sitzt nicht im Büro am Potsdamer Platz, sondern in der Basler Rheingasse. Am Abend gibt er im Stadtkino Basel eine Einführung zu Jiří Menzel. Drei restaurierte Meisterwerke des Tschechen werden gezeigt. Kosslick sei ausschliesslich hier, um über Menzel zu sprechen, betont die Berlinale-Pressestelle, zum Kosslick-Nachfolger Carlo Chatrian seien überhaupt keine Fragen gestattet. Dafür spart der gut aufgelegte Kosslick während unseres Gesprächs sonst nichts aus.

Dieter Kosslick, drei Wochen sind es noch bis zu Ihrer letzten Berlinale – und Sie sitzen hier in Basel! Es muss wichtig sein.

Dieter Kosslick: (lacht) Vor Jahren hat mich Robert Kolinsky besucht. Er recherchierte für seinen Dokumentarfilm über Jiří Menzel, «To Make A Comedy Is No Fun», und er wollte, dass ich in dem Film etwas sage. Irgendwie kam es nicht dazu. Ich fand den Film, den er gemacht hat, letztlich aber ganz toll. Und jetzt hat Kolinsky dieses Restaurationsprojekt gemacht und es kam die Einladung. Erst mal habe ich abgesagt, weil: drei Wochen vor der Berlinale. Aber dann dachte ich: vielleicht ja ganz gut,...

... mal den Kopf freikriegen?

Jetzt muss ich mich für ein paar Stunden nicht damit beschäftigen, ob wieder jemand für die Berlinale abgesagt hat oder doch kommen kann. Das macht einen manchmal ganz verrückt. Stattdessen bin ich hier in Basel in einem Hotel mit schönem Ausblick, habe gerade einen guten Kaffee getrunken und mich sehr nett mit den Leuten über den Meister des tschechischen Humors unterhalten.

1966 hat Jiří Menzel mit «Liebe nach Fahrplan» seinen Durchbruch gefeiert. Sie waren kaum Achtzehn und lebten noch in Pforzheim ...

Ja, ich war seit zwei Jahren der Frontman der Rockgruppe The Meters in Pforzheim, das stimmt.

Die erste Begegnung mit dem Kino Menzels kam also später?

Nein, das war noch in Pforzheim. Es gab den Bundesfilmklub. Immer mittwochs war da Arthouse-Kino. Wir haben aber, um ehrlich zu sein, meistens nur rumgeknutscht. Naja, es war halt 1966. Mein Freundin hiess Gabi, ich weiss das noch.

Trotzdem, das Interesse fürs Kino kam früh.

Aber nicht jeder, der als Dreijähriger eine Bratwurst isst, wird anschliessend Metzger.

Sie meinen, mit Ihrer späteren Karriere hatte das nicht unbedingt zu tun?

Nein. Aber es stimmt, ich bin schon als Sechsjähriger sehr gerne ins Kino. Es gab das Bahnhofskino: Das war der Saal der Bahnhofswirtschaft, der immer sonntags zum Kino umfunktioniert wurde. Sechs erhöhte Sitze für 80 Pfennig, die anderen: 60 Pfennig. Da habe ich mir die ganzen Eskapismusfilme reingezogen: Peter Alexander, Peter Kraus, Peter Weck, und wie die alle hiessen. Ich weiss aber auch noch, wie ich «Ben Hur» gesehen habe, der hat mich gekriegt. Da war ich elf, der Film war ab zwölf. Es war nur schon eine Leistung, reinzukommen. Und es gibt im Leben ja diese Dinge, die einen nicht loslassen. Ich wollte immer wissen, wo der Regisseur wohnt, der «Ben Hur» gemacht hat, William Wyler. Und vor etwa zehn Jahren war ich in Washington und lernte tatsächlich Catherine Wyler kennen, die Tochter. Sie hat mir das Zimmer gezeigt, wo ihr Vater seine Filme konzipiert hat. Und nun kommt Catherine dieses Jahr zur Berlinale.

Wie ist das Befinden, so kurz vor der letzten Ausgabe?

Mir wird wehmütig zumute sein, klar. Es werden ja unglaublich viele Leute kommen, die ich kenne. Aber ich fühle mich gut, frisch, bereit für den Teppich. Vorhin im Zimmer dieses Hotels, in dem schon Hermann Hesse gewohnt hat – der auch aus Baden-Württemberg war, aus Calw, zehn Minuten von Pforzheim entfernt – da stehe ich am Fenster und sehe Basel vor mir und ... Wissen Sie, es gibt doch diese Momente, wo man einfach nur glücklich ist.

Sie sind froh, abtreten zu können?

Die Berlinale war enorm anstrengend, und bestimmt würde ich jünger aussehen, wenn ich nicht zwanzig Jahre den ganzen Stress gehabt hätte. Aber ich bin natürlich stolz, dass ich den Job machen durfte. Und die meisten fanden’s ja nicht schlecht, wie ich ihn gemacht habe. Oder wie man in Berlin sagen würde: Man konnte nicht meckern. Das ist das höchste Lob des Berliners.

Haben Sie die Abschiedspost schon durchgearbeitet?

Ich habe den Deckel draufgetan, es ist nicht gut, wenn man die jetzt liest. Zu emotional.

Welche Schweizer sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Oh, die aufzuzählen, das würde dauern. Aber wo wir heute wegen Menzel hier sind: Es gab einen Menzel-Film, den Alfi Sinniger produzierte. Mit ihm hatte ich öfters zu tun. Dann kenne ich den Produzenten Rolf Schmid, den Filmexperten This Brunner, Produzentin Ruth Waldburger, Samir, Beki Probst natürlich, die den Europäischen Filmmarkt leitete ... Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mich mit einigen Leuten aus der Schweizer Filmszene in einem Hotel über Zürich getroffen, wir haben Znacht gegessen, wie man bei euch sagt, und die Dinge Revue passieren lassen. Da war zum Beispiel auch David Streiff dabei, der frühere Leiter Locarnos.

Wissen Sie, was Sie nach der Berlinale machen? Ist jetzt wieder Zeit für die Rockmusik?

Ich habe noch nicht allzu lange ein iPhone, aber dank meinem Sohn, der sich mit seinen 14 Jahren grossartig auskennt, habe ich jetzt GarageBand auf dem Handy.

Eine Art Tonstudio im Telefon.

Sehr aufregend. Vielleicht lerne ich noch Klavier. Das Saxofon habe ich bereits wieder reaktiviert. Meine Fender-Gitarre, die ich dabei hatte, als die Rolling Stones zur Berlinale kamen, besitze ich natürlich auch noch. In der Zwischenzeit habe ich mir aber ausserdem eine Vintage-Gibson aus Japan zugelegt. Der Bassgitarrist von The Meters, meiner damaligen Pforzheimer Band, ist übrigens Direktor des Berliner Technikmuseums. Im Sommer machen wir zusammen einen Gig. Die letzten zwanzig Jahren waren Rock ’n’ Roll, aber jetzt wird richtig gerockt.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1