Klassik

Dieses Ausnahmetalent steht mit der Argovia Philharmonic gemeinsam auf einer Bühne

Er gilt als «überlegener Gestalter mit einer vollkommen gelösten Spieltechnik»: Der amerikanische Pianist Andrew Tyson. Sophie Zhai

Er gilt als «überlegener Gestalter mit einer vollkommen gelösten Spieltechnik»: Der amerikanische Pianist Andrew Tyson. Sophie Zhai

Andrew Tyson ist der Gewinner des renommierten Concours Géza Anda 2015. Vor seinem Auftritt mit dem Argovia Philharmonic spricht er über Veränderungen und Inspiration.

Die Jury zieht sich zurück und verkündet nach stundenlangen, kontroversen Beratungen die Gewinnerin oder den Gewinner: So will es das Klischee. Nichts davon beim letztjährigen Concours Géza Anda in Zürich, der alle drei Jahre stattfindet. Nach zehn Tagen und vier Runden, bei denen 27 junge Pianistinnen und Pianisten um die Gunst der hochkarätigen Jury spielten, steht für diese fest: Der Gewinner kann nur Andrew Tyson sein. Als ob der Sieg bei einem der renommiertesten Klavierwettbewerbe der Welt nicht schon genug wäre, räumt der damals 29-Jährige noch anderweitig ab: Er bekommt zusätzlich den Publikums- und den Mozart-Preis.

Die Kritik rühmt insbesondere das Chopin-Spiel dieses Pianisten, das ihn als «überlegenen Gestalter mit einem sehr schlanken Ton und einer vollkommen gelösten Spieltechnik ausweist». Wer beim Finale in der Zürcher Tonhalle dabei war, vergisst Tysons Interpretation von Chopins Klavierkonzert Nr. 1 tatsächlich nicht. Einige Monate nach dem Gewinn des Wettbewerbs begegnet man dem sympathischen Künstler wiederum in der Tonhalle – und erlebt dort, mit demselben Klavierkonzert, erneut jenen Poeten am Flügel, dessen Anschlags- und Klangnuancen überraschen und betören. Wiewohl Andrew Tyson schon viele internationale Wettbewerbe erfolgreich bestritten hat, ist der Zürcher Spitzen-Concours für den Preisträger dennoch speziell: weil nicht der Geldbetrag die Hauptrolle spielt, sondern die solistischen Engagements auf der ganzen Welt während dreier Jahre – und für diese sorgt die Géza-Anda-Stiftung.

«Das hat mein Leben verändert»

«Ja», bekräftigt Andrew Tyson, «dieser Wettbewerb hat mein Leben verändert. Der Gewinn hat mir eine Wirbelwind-Tour durch Europa beschert. Regelmässig zu konzertieren, ist aber der Traum eines jeden jungen Pianisten und eine essenzielle Erfahrung im Hinblick auf die künstlerische Entwicklung.» Dazu gehört auch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit Chopin, wovon Tysons erste CD-Einspielung mit den Préludes op. 28 ein schönes Zeugnis ablegt. Deswegen muss man diesem Künstler aber nicht gleich das Etikett eines Chopin-Spezialisten verpassen. Tyson spielt ja auch Mozart – etwa mit dem Musikkollegium Winterthur im März kommenden Jahres. «Chopin und Mozart haben die Möglichkeiten des Klaviers mit ihren visionären Vorstellungen völlig verwandelt. In diesem Sinne ist also jeder Pianist ein Chopin- und ein Mozartpianist. Man kann dem Einfluss dieser beiden Komponisten gar nicht entfliehen.» Seine Leidenschaft für die Musik dieser beiden Grossen bezeichnet der Anda-Preisträger nicht als aussergewöhnlich. Er habe schon als Kind Mozart-Konzerte gehört, sagt er: «Sie haben mich inspiriert auf dem Weg, ein Musiker zu werden.»

Andrew Tyson ist ein Mann des reflektierten Worts. Deshalb gibt es für ihn nicht die eine Antwort auf die Frage, was ihn motiviert und antreibt – der Pianist will differenzieren: «Musik ist der ultimative Kompass – und die grossen Komponisten sind die besten Lehrer. Ich begann Klavier zu spielen wegen des Klangs, den ich erzeugen konnte und wegen der immerwährenden Tiefe und Schönheit des Repertoires. Dies sind denn auch die primären Gründe, weshalb ich das Spielen fortsetze.»

Um an den ersten Satz anzuknüpfen: Gibt es einen Komponisten, von dem Andrew Tyson weiss: Dieser wird mich ein Leben lang begleiten? «O ja. Mozart und seine Klavierkonzerte, ohne Zweifel. Wie glücklich sind wir doch, dass wir 27 haben!»

Welche er wo spielen wird, steht in den Sternen. Was zählt, ist die Gegenwart. Und in dieser ist der Amerikaner aus North Carolina fest verwurzelt – auch als Kammermusikpartner des für Tyson «so erstaunlichen» jungen Geigers Benjamin Beilman, mit dem er kürzlich auf einer Australien-Tournee war. Ist der Pianist dort eigentlich vor allem als Preisträger des Concours Géza Anda wahrgenommen worden? Die Antwort darauf ist typisch für Andrew Tyson und seine mit leiser Ironie gewürzte Bescheidenheit: «Das Publikum in Australien geht – wie jenes in der Schweiz auch – zu den Konzerten, um Musik zu hören. Und nicht deshalb, um Zeuge zu sein beim Schauspiel eines siegreichen Gladiators.» Nun, an einen solchen müssen wir dieser Tage nicht denken. Dafür an den sensiblen Pianisten und feinen Menschen Andrew Tyson, der mit dem Argovia Philharmonic Chopins Klavierkonzert Nr. 2 spielt.

Konzerte Kultur- & Kongresshaus Aarau, 6. und 8. November; Trafo Baden, 11. November. Informationen www.argoviaphil.ch.

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