Kultur

Dieser Roman ist krasses Vergnügen und bestechende Gegenwartsanalyse: Christoph Höhtker schildert, wie eine hochtourige Gesellschaft in den Wahnsinn kippt

Christoph Höhtker.

Christoph Höhtker.

Christoph Höhtker ist einer der eigenwilligsten und coolsten Gegenwartsautoren: Der seit vielen Jahren in Genf lebende Deutsche erfindet in «Schlachthof und Ordnung» eine Glücksdroge, die die Leistungsgesellschaft ins Glücksdelirium abgleiten lässt.

Dieser Roman ist gleich von Beginn an ein wahnsinniges Vergnügen – vorausgesetzt, als Leser ist man selbst ein bisschen wahnsinnig oder hat einen besonderen Sinn für den Wahnsinn, für Panikattacken, Drogen und manische Zustände. Denn was uns Christoph Höhtker vorsetzt, ist eine Gesellschaft im Modus des Durchdrehens: Wirtschaft, Politik und Kunst, die Elite der Leistungsgesellschaft – alles auf Drogen. Der Manager eines industriell betriebenen Schlachthofs baut seinen Stress ab, indem er heimlich Schweinen den Rüssel abschneidet. Der zynische Chef des US-Pharmakonzerns Winston findet nur Ruhe, wenn er mit einem Porsche über deutsche Autobahnen rast. Ein antifaschistischer Mikroterrorist jagt in Ostdeutschland Neonazis.

Schlachthofdebakel liest man aktuell gruselig mit

Alle werfen die legale Wunderdroge Marazepam ein. Auch die junge Frau, die dem Pharmakonzern Dankesbriefe schreibt, weil sie nun wieder auf die Strasse gehen kann, ohne panische Angst, von der Laderampe eines LKW geköpft zu werden. Marazepam macht ruhig und zufrieden, sonst würden alle angesichts der durchgedrehten Welt komplett verrückt, oder sich auf Entzug das eigene Ohr abschneiden.

Und dann ist da auch noch die Romanfigur des Schriftstellers Joachim A. Gerke, ebenfalls auf Marazepam, der sich all das ausdenkt. Auf drei Realitätslevels verteilt Höhtker seinen gar nicht mal so dystopischen, sondern schillernd aktuellen, coolen und satirischen Gesellschaftstrip. Weil gerade in Deutschland die industriellen Schlachthöfe am Pranger stehen, liest man «Schlachthof und Ordnung» mit einem aktuellen Gruseln. Und die verheerende Opioidsucht in den USA, angeheizt durch ein skrupelloses Pharmaunternehmen, denkt man sich automatisch beim Lesen dazu. Der Roman aber spielt in den Jahren 2022 und 2023 in Deutschland, Frankreich und den USA.

Wieso soll das vergnüglich sein? Sind doch alles kaputte Zyniker! Ja, schon. Das ist tatsächlich ein Problem dieses Romans: Keine der vielen Figuren wächst einem ans Herz, Identifikation sucht man vergeblich, und das hektische Wechseln der Schauplätze und Figurenperspektiven erschwert die Übersicht. Aber die avantgardistische Konstruktion ­dieses Montage-Romans und die fabelhaft beschriebenen Bewusstseinszustände dieser Figuren am Anschlag sind eine Wucht! Da liest man etwa: «Pochende Gehirnmassen. Zwei Augäpfel in den Händen», «Marazepam ermordete die dysfunktionalen Persönlichkeitsmerkmale».

So könnte die Gesellschaft in den Wahnsinn kippen

In seiner brachial-coolen Ironie erinnert «Schlachthof und Ordnung» stilistisch an Quentin Tarantinos Filme, in der ätzenden Sicht auf die Gesellschaft an die Romane von Michel Houellebecq, in seiner dystopischen Vision an die Radikalität einer Sibylle Berg. Der Verlag hätte damit werben können. Dass Höhtker all dies mit spürbarem Spass vereint, ist grossartig. Und wenn man weiss, dass Höhtker Soziologie studiert hat, zwinkert einem bereits der Titel seines Romans zu: Da schreibt einer mit spöttisch-vergnüglichem Tiefenblick einen Gesellschaftstrip, dem man seine gelegentlich selbstverliebt-hyperintelligenten Wortkaskaden gerne verzeiht (oder diese vielleicht sogar liebt), der aber eine bestechende Gegenwartsanalyse liefert, wie eine hochtourige Gesellschaft in den Wahnsinn kippen kann. Man darf durchaus erschrocken sein!

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Autor

Hansruedi Kugler

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