In einer der erotischsten Szenen der Filmgeschichte drückt ein Beamter verschiedene Stempel entlang einem Mädchenbein langsam hoch bis zu ihrem Hintern. Selten wurde Bürokratie feiner verarscht. Für «Scharf beobachtete Züge» erhielt der tschechische Regisseur Jiří Menzel 1968 denn auch einen Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film. Da war er erst
30 Jahre alt.

Doch dieser steile Anfangserfolg brachte Menzel im eigenen Land wenig. Im Gegenteil: Schon bald belegte ihn das kommunistische Regime mit einem mehrjährigen Berufsverbot. Seine folgende subversive Farce «Lerche am Faden» (1969) wurde erst 1990 uraufgeführt. Menzel gilt heute dort und hier als einer der wichtigsten Filmregisseure Tschechiens. Der Schweizer Musiker mit tschechischen Wurzeln, Robert Kolinsky, hat nun einen Dokumentarfilm über ihn gedreht, der dieser Tage schweizweit Premiere feiert. Aus diesem Grund besuchte Menzel am Mittwoch Basel. Heute stellen die beiden den Film in Zürich vor.

«To Make a Comedy Is no Fun»lautet der Titel des Dok-Films über Sie, Herr Menzel. Ein Zitat von Filmregisseur Ken Loach. Macht es wirklich keinen Spass, eine Komödie zu drehen?

Jiří Menzel: Wenn man beim Drehen des Films schon lacht, dann lachen später die Zuschauer nicht mehr. Eine Komödie muss ehrlich erarbeitet werden. Das ist nicht einfach ein Vergnügen.

Es steckt harte Arbeit dahinter?

Ja. Wenn Sie einen ernsten Film drehen und eine Dummheit machen, dann können Sie nachher behaupten, das sei künstlerische Absicht. Bei einer Komödie können Sie sich das nicht erlauben. Eine Komödie muss verständlich sein, klar. Der Zuschauer darf nicht umständlich erforschen müssen, worum es hier eigentlich geht. Aber billig darf der Humor auch nicht sein. Es ist schwierig, aber andere Filme mache ich nicht. Denn der Komödie bin ich dankbar. Ich bin froh, dass ich Chaplin, Voskovec und Werich gekannt habe. Für mich läuft die Erkenntnis der Welt über den Humor.

Ihre Komödien, die sind nicht gerade Tragödien, aber auf jeden Fall sind sie auch traurig. Traurige Komödien.

Ja. Das sind die wertvollen Komödien. Wenn ein Film gut anfängt und gut aufhört, ist er meistens schlecht. Ich habe einmal einen Film verdorben, indem ich den Helden am Ende am Leben gelassen habe. Bei «Scharf beobachtete Züge», einem meiner allerersten Filme, hatten wir zuerst die Idee, den Held leben zu lassen. Zum Glück habe ich das nicht getan! Als Jüngling habe ich diesen Anfängerfehler nicht gemacht, erst als alter Opa.

Eine gute Komödie braucht eine gute Portion Traurigkeit?

Nicht unbedingt Traurigkeit, aber Ernsthaftigkeit. Sonst hat sie keinen Wert. Gerade diese Spannweite zwischen Lachen und Weinen macht es aus. Die Leute sollen im Kino lachen, aber wenn sie nach Hause gehen, soll ihnen doch etwas nachdenklich zumute sein. Der Film soll aber stets seine Heiterkeit behalten.

Je grösser der Schmerz, desto besser muss der Witz darüber sein?

Eine gewisse Erkenntnis, die nicht trivial ist, muss im Humor drinstecken. Es ist nicht gut, über das Leiden anderer zu lachen, das geht nicht. Aber Leute an einem Grab zum Beispiel können durchaus lächerlich sein. Von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet, ist jeder Mensch lächerlich – sogar ich (augenzwinkernd).

Weshalb sind Sie nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Tschechoslowakei nicht geflüchtet. Sie konnten in Ihrem Land nicht einmal Ihren Beruf ausüben?

Vier Jahre lang konnte ich nicht arbeiten. Aber ich bin faul, darum hat mich das nicht allzu sehr gestört. Ich habe diverse Arbeiten für ein Almosen bekommen, auf die Strasse stellen konnten sie mich nicht ganz.

Der Oskar hätte Ihnen in Hollywood sicher Tür und Tor geöffnet.

Was ich erfolgreich gemacht habe, habe ich zu Hause gemacht. Da, wo ich mich auskenne. In den USA hätte ich nur Filme drehen können, die mir keine Freude bereitet hätten.

Aber Ihr Vorbild Chaplin hat nach seiner Emigration in Amerika seine besten Filme gedreht.

Das war eine andere Zeit. Vor dem Krieg sind Strohheim und zahlreiche weitere Regisseure aus Deutschland und Österreich in die USA ausgewandert und machten dort Karriere. Nach dem Krieg emigrierten viel weniger Regisseure – zu den bekanntesten gehören Miloš Forman und Roman Polański. Aber sie hatten eine andere Ausbildung und andere Ziele als ich. Viele Regisseure gingen nach Hollywood mit der Vorstellung, sie könnten dort Filme wie in Europa machen. Forman hat seinen ersten Film in Hollywood wie einen tschechischen gedreht. Das hat den Europäern gefallen, aber nicht den Amerikanern. Danach hat er verstanden, wie man in Hollywood Filme macht. Er ist nicht blöd.

Forman sagt im Dok-Film, dass es immer irgendeinen Druck gebe: politischen oder kommerziellen. Ihm sei der kommerzielle lieber. Ist es bei Ihnen umgekehrt, bevorzugen Sie den politischen Druck?

Finanzieller Druck gibt Ihnen keine Inspiration. Politischer Druck zwingt einen dazu, Heikles oder Verbotenes so darzustellen, dass es von der Zensur akzeptiert und vom Publikum trotzdem richtig verstanden wird. Das fördert die Fantasie. In der ganzen Geschichte der Kultur war etwas nicht erlaubt. Schon im alten Ägypten durfte man gewisse Moralvorstellungen nicht verletzen. Noch vor 50 Jahren mussten in US-Filmen die Ehebetten durch Nachttische getrennt werden, ein Kuss durfte nur wenige Sekunden lang gezeigt werden. Liebesszenen musste man umschreiben. Heute ist hier alles möglich. Aber die Filme sind dadurch nicht besser geworden.

Wie konnten Sie denn in Freiheit arbeiten?

Ich habe in den letzten 27 Jahren nur noch wenige Filme gemacht. Ich habe mir selbst nie viel Druck gemacht.

Planen Sie weitere Filme?

Ich habe nie etwas geplant, die Produzenten sind stets auf mich zugekommen. Ich habe immer gewartet, bis etwas auf mich zukommt. Dazwischen habe ich als Theaterregisseur gearbeitet.

Als Theaterregisseur haben Sie Ende der 60er-Jahre auch einige Stücke in Basel inszeniert. Wie war das überhaupt möglich?

Bevor der Eiserne Vorhang fiel, hatte ich bereits einen Vertrag mit dem Theater Basel. Das haben die Kommunisten respektieren müssen. So war ich 1969 und 1970 hier. Aber je länger, desto schwieriger wurde es auszureisen.

Wollten Sie nicht in Basel bleiben?

Der damalige Theaterintendant Werner Düggelin hat mir ein festes Engagement angeboten. Aber ich habe gewusst, dass das für mich keinen Sinn macht.

Wenn Sie zurückschauen auf Ihr Leben und Ihr Werk, bedauern Sie bis heute nicht, dass Sie im besetzten Prag geblieben sind?

Nein, ich bin froh, dass ich geblieben bin. Ich wäre unglücklich geworden, wenn ich gegangen wäre. Ich hätte im Ausland meinen Ideen nicht treu bleiben können. Und zweitens: Wir können nicht alle weggehen. Ich sehe jetzt, dass viele Menschen aus der Ukraine nach Tschechien kommen: Ärzte, Krankenschwestern. Aber was passiert dann in der Ukraine? Das ist das Blöde. Anstatt dass sie das eigene Land weiterbringen, gehen die intelligenten Leute nach Kalifornien oder England. Deshalb ist auch die Schweiz voller intelligenter Menschen. Aber was ist dann mit der Ukraine, mit Afrika?

Dann war Ihnen Ihr Land wichtiger als Ihr eigenes Schicksal?

Mein Leben war gut. Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich durfte nicht arbeiten. Es gab damals in Prag viele schöne Mädchen, kein Aids und nicht viel anderes zu tun. Es war das Paradies. Aber vielleicht sollten Sie das nicht schreiben.

Was machen Sie heute anders, wie haben Sie sich als Regisseur entwickelt?

Ich verwende viel Zeit damit, nichts zu tun. Ich denke nicht einmal. Ich lese viel oder schaue fern. Ich muss Lust auf etwas haben. Erst dann kann ich schon auch von etwas besessen sein. Kommerzieller Misserfolg stört mich nicht. Niemand ist genial – nicht einmal ich. Wichtig ist mir, dass die Leute meine Filme gern sehen. Ich hatte nie einen Krampf. Manches ist gelungen, manches nicht. Ich hatte immer die nötige Distanz zu meinem Beruf. Das alles gab mir eine gewisse Lockerheit.

Ist Ihnen noch etwas wichtig, gibt es etwas, das Sie sagen möchten?

(überlegt) Ich würde gern einen Witz machen, aber es fällt mir keiner ein.