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Dieser Deutschrapper stürmt auf Platz 1 der Albumcharts – warum wir ihn in 20 Jahren wohl im Tagesprogramm von SRF1 hören

Der 2-Meter-7-Hüne Apache 207 will ganz gross raus.

Der 2-Meter-7-Hüne Apache 207 will ganz gross raus.

Der Rap des 22-jährigen Deutschen Apache 207 klingt musikalisch anders als der seiner Prollkollegen. Sexistisch ist er trotzdem. Warum er in 20 Jahren gleichwohl zwischen Nachrichten- und Staumeldung im Radio zu hören sein dürfte.

Die Strasse ruft Apache 207. Das besingt er in «Sie ruft». Oder er berappt es. Und die Strasse ruft Apache 207 nicht etwa mit Maschinengewehrsalven, sondern mit einer Flötenmelodie. «Unterwegs jede Nacht, auch wenn er sie damit verletzt/Keine Regeln, keinen Funken Hoffnung, kein Gesetz», heisst es da. Ein klassischer (Deutsch-)Rap-Text, der aber in musikalische Zuckerwatte gehüllt ist. Der Strassen-Rap ist im Schlager angekommen. Oder der Schlager im Strassen-Rap. So ganz klar ist das nicht. Immerhin ist es grösstenteils von den Autotune-Eskapaden anderer Rapstar-Kometchen befreit.

Es ist zu befürchten, dass sich der Apache 207 in zirka 20 Jahren ins Tagesprogramm von SRF1 eingeschlichen hat. Er ist genügend harmlos, um auch zwischen Verkehr und Wetter gespielt werden zu können, und er ist genügend cool, um trotzdem nicht komplett im Treibsand der Belanglosigkeit zu verschwinden. Während anderswo der Rap härter wird, die Beats kantiger und der Pop weniger, umarmt der Apache die Melodie, setzt auf eine gute Portion Eurodance, und es wird viel mehr gesungen. Zuweilen kratzt das an der Grenze zur Ironie. In «Bläulich» etwa heisst es «Im Backstage wimmelt es nur so von Gangstern/ Der DJ spielt uns ‘Rhythm Is A Dancer’». Apache 207 lässt bei allem Prollgehabe auch Zweifel zu, gibt sich nachdenklich und fast traurig. Nur einen Song später huldigt er dann wieder völlig spassbefreit den grossen Felgen und den nackten Frauen. Als Hörer weiss man nie, welche Variante nun die überzeichnete ist. Ist es bewusst ironisch, ist es bewusst übertrieben?

Der Apache heisst eigentlich Volkan Yaman, ist 22 Jahre alt und hat eine beachtliche Körpergrösse. Auf dem Cover des Albums «Treppenhaus», das soeben erschienen ist und auch in der Schweiz sofort auf Platz 1 der Charts einstieg, posiert er mit freiem Oberkörper, weisser Hose und allerlei Blingbling auf einer Treppe. Fünf Tritte weiter oben der Himmel. Laut eigenen Angaben hat er auch ein bisschen studiert. Rechtswissenschaften. Aber auch Bildung schützt ihn nicht vor der Fallgrube sexistischer Bemerkungen.

Richtig eklig war diesbezüglich seine erste Single «Kleine Hure». Das war 2018 und via Youtube wuchs er zu einer grossen Nummer aus. Seinen Song «Roller» wurde auf Spotify über 200 Millionen Mal gestreamt. Apache 207 mag anders klingen, als all die anderen Strassenrapper, die gerade in den Charts sind, aber sein Inhalt ist nicht so weit weg. Das liegt daran, dass man Sexismus und Macho-Gehabe noch so sehr in buntes Papier einwickeln kann, sie bleiben vergiftet. Da gibt es bei all den gewollten Unklarheiten keinen Interpretationsspielraum.

Auch darum, aber nicht nur deswegen ist Apache 207 über weite Strecken ungeniessbar. Es ist voller Klebrigkeiten. Es klingt, als stünde man in einer Partymeile in einem Touristenort. Rechts dröhnt die Schlagerdisco, links pumpt der Technoclub, hinten röhrt DJ Bobo, und von vorne beschallen einen die kantigen Beats der Strassenrapper. Die Musik ist am Ende nichts, weil sie alles sein will. Und ganz sicher ist Apache 207 nicht der «Falco des Rap», wie er da und dort bezeichnet wird. Dazu fehlen ihm die Eleganz und die Raffinesse. Apache 207 würde zu dieser Kritik wohl mit Zeilen aus seinem Song «28 Liter» antworten: «Ich sag' nur eins/ Nehmt uns nicht ernst, haltet uns klein/ Schlagt uns, was ist denn schon dabei? Legt uns in Ketten obendrein/ Unsre Gedanken sind frei.» Der Apache ist auf dem Weg nach oben. Wohin das noch führt und wollen wir das wirklich? So ganz klar ist das nicht.

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