Wer heute durch diese Privatsammlung flaniert, begegnet auf Schritt und Tritt einem Bild, einem Maler, die man kennt, schätzt oder gar liebt und von denen man weiss: millionenschwer.

Vincent van Goghs «Sämann» geht klein durchs gold-rot-weiss glühende Kornfeld, Félix Vallottons nackte «Europa» wird vom Stier durch das violette Meer geschleppt, Pierre Bonnards Ehefrau macht Toilette, beobachtet als «Effekt durch den Spiegel», und mit Henri Matisse schauen wir in Nizza aus dem ornamentierten Tapeten-Zimmer aufs Meer.

Heute sind das Klassiker, Big Names, Museumsstücke. Aber damals? Damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Winterthurer Ehepaar Hedy und Arthur Hahn

Kunstmuseum Bern zeigt Sammlung Hahnloser

Bis im März 2018 werden im Kunstmuseum Bern unter anderem Werke von Vincent van Gogh, Giovanni Giacometti, Paul Cézanne und Félix Vallotton gezeigt. 

loser-Bühler zu sammeln begann, waren Félix Vallotton, Ferdinand Hodler, Pierre Bonnard, Henri Matisse und Giovanni Giacometti noch keine Museums-Künstler. Sie lebten und malten, schätzten die Besuche und die Ankäufe des Paares aus Winterthur, bald auch ihre Freundschaft.

Mit Leidenschaft

In nur 30 Jahren, von 1907 bis 1936, trugen die Hahnlosers eine Kunstsammlung zusammen, die aus heutiger Sicht aus Delikatessen der frühen Moderne und des Impressionismus besteht. Dass ihre Freunde ihren ersten Ankauf von Félix Vallotton – einen stehenden Frauenakt im Meer, eine Figur ohne jegliche Beschönigung und ohne irgendwelche Zutaten – obszön, unkünstlerisch, schwierig oder gar als Grund sahen, ihre Kinder von Besuchen abzuhalten, mag uns heute ein mitleidiges Lächeln entlocken.

Den Hahnlosers wohl auch. Sie reisten weiterhin nach Stampa und Genf, nach Südfrankreich, Paris und Amsterdam, sie schauten, kauften (günstig) und brachten Freunde und Familie dazu, es ihnen gleichzutun. Sie erwarben auch bereits teurere Werke der Künstler einer Generation zuvor: Denn mit van Gogh, Paul Cézanne und Edouard Manet liess sich augenfällig die Malweise der Zeitgenossen erklären.

Die Gemälde, aber auch dazu passende Skulpturen, brachten sie nach Winterthur, schenkten dem Museum, was ihrer Meinung nach zwingend hineingehörte, aber vor allem verwandelte sich ihre Villa Flora in ihr privates Kunsthaus. Dort hingen die Kunstwerke weit über den Tod des Ehepaares (1936/1952) hinaus.

Wurde das Haus 1995 doch zum öffentlichen Museum, weil Kinder und Enkel die Grosszügigkeit der Sammler geerbt und einen Grossteil der Sammlung in eine Stiftung eingebracht hatten. 2014 wurde das Museum mangels finanzieller Unterstützung durch die Stadt geschlossen, die Werke auf eine internationale Tournee geschickt.

Bern als Zwischenstation

Endpunkt ist nun das Kunstmuseum Bern. Hier wird die Sammlung Hahnloser-Bühler einige Jahre als Leihgabe bleiben, bis die Villa Flora, dank einer Kehrtwende in der Winterthurer Subventionspraxis, wieder eröffnet wird. Happy End im Kanton Zürich, Trauerspiel in Bern? Schwer zu sagen. Die Berner Direktorin Nina Zimmer, wie Matthias Frehner, Kurator der Sammlung und der Ausstellung, freuten sich bei der Präsentation gestern trotz allem.

Immerhin haben sie eine populäre Schau und hochkarätige Kollektion im Haus. Der fundierte Katalog sowie die Werke, die Enkel und Urenkelinnen aus ihren Erbschaften zur aktuellen Ausstellung beigesteuert haben, runden die Sache bestens ab.

Einen gültigen, abgerundeten Bilderbogen über die Kunst bis 1936 zeigt die Sammlung allerdings nicht. Denn Hedy Hahnloser-Bühler, die Hauptinitiantin der Sammlung, hatte ihren Eigensinn: Picasso und die Abstrakten mochte sie nicht. Also fehlt einiges, was die Kunst Anfang des letzten Jahrhunderts ausmacht. Andererseits wirkt die Sammlung in sich geschlossen, ist Ausdruck einer akzentuierten Leidenschaft.

Daran kann sich die Besucherin reiben: Auf die süsslichen Renoirs würde sie gerne verzichten. Das dunkeltonige, dramatische und für Pierre Bonnard so ungewöhnliche Werk «les faunes» dagegen vermag einen zu packen. Für Vincent van Goghs starkfarbiges «Nachtcafé» oder für das psychologisch wie kompositorisch umwerfende Werk «La Blanche et la Noire» von Félix Vallotton lohnt sich eine zweite Fahrt nach Bern.


Van Gogh bis Cézanne, Bonnard bis Matisse. Die Sammlung Hahnloser, Kunstmuseum Bern, 11.8. bis 11.3.2018.