Die Camerata Zürich hat 2017 zu ihrem 60-Jahr-Jubiläum vier Auftragswerke erteilt: Neben so bekannten Komponisten wie Thomas Demenga, Jürg Wyttenbach und Alfred Zimmerlin ist auch die junge Aargauer Komponistin Stephanie Haensler mit dabei. Nun stehen die Uraufführung ihres Stücks und eine Präsentation an den Zürcher Festspielen bevor.

Sie ist jung, selbstbewusst und hat etwas zu sagen. Die Geigerin und Komponistin Stephanie Haensler (*1986), die in Turgi aufgewachsen ist und in Wettingen die Kantonsschule besuchte. Mittlerweile unterrichtet sie an dieser Schule, ist ganz vernarrt in die Alte Musik, die sie als Geigerin mit historisch authentischer Spielweise in verschiedenen Ensembles ergründet, und hat sich als Komponistin international einen Namen gemacht.

Der Durchbruch gelang ihr an der Münchner Biennale im Juni 2016, einer bedeutenden Plattform für neues Musiktheater. Von dort erhielt die Komponistin den Auftrag, ein szenisches Werk zum Thema «Erinnerung» oder «Original mit Untertitel» zu komponieren, ein Stück also, das alte Musik hörbar macht, sich mit ihr modern auseinandersetzt. Für Stephanie Haensler ein fordernder Grossauftrag, der jedoch genau ihren Stil traf. Die Auseinandersetzung mit alter Musik reizt sie nicht nur als Geigerin, sondern auch als Komponistin.

Sie wählte Robert Schumanns Musik als Ausgangspunkt. Nicht Schumann selbst ist hier der Protagonist, sondern seine Musik. In ihrem Stück «Mnemo» gab es verschiedene Installationen und Skulpturen in einem Rundgang, verfremdende Elektronik und ein wanderndes Musikerteam, das live spielte. «Mnemo» kam gut an. Im Münchner «Merkur» stand zu lesen: «Stephanie Haenslers Musik steckt voller Vitalität, voller inspirierender Reibungen, zumal sie aus bis ins Geräuschhafte getriebenen oder elektronisch verstärkten Passagen immer wieder wie selbstverständlich für Momente zurückkehrt zu Schumann.» Im gleichen Jahr 2016 wurde Haensler Preisträgerin des Kompositionswettbewerbs des Lucerne Festivals und des Schweizerischen Tonkünstlervereins.

Wie eine Bildhauerin

Das Kreative liegt Stephanie Haensler im Blut. Sie wuchs in einer Familie auf, in der Musizieren, Gestalten und Lesen zum Alltag gehörten. Für die Schülerin stand jedoch das Gestalterische lange im Vordergrund, Malen und Zeichnen. Es ist dieses gestalterische, plastische Herangehen, das auch Haenslers Komponieren charakterisiert. «Das Material Klang fasziniert mich, der Klang ist für mich etwas Plastisches, das Räumliche der Musik hat für mich einen bildhauerischen Aspekt: wie kann ich aus einem Ton Raum machen, und wie nahe kann ich an den Klang herankommen.»

Bis heute schreibt Haensler ihre Musik von Hand, und nicht am Computer. Auch das Reinschreiben der Partitur ist für sie ein wertvoller gestalterischer Moment, bei dem sie das Komponierte nochmals reflektiert: das Gedachte und Skizzierte wird zum vollendeten Werk. Ein Blick in die Noten zeigt eine schöne klare Handschrift, die Notation ist auch grafisch interessant, fantasievoll erfindet die Komponistin neue Zeichen und differenzierte Spielanweisungen: etwa «Auf dem Steg streichen, nur Holzklang (Bogen leicht schräg aufsetzen)» oder «‹Husten›: quer zur Strichrichtung col legno über die Saiten fahren, grosse Bewegung ohne Druck».

Gelernt und weiterentwickelt hat Stephanie Haensler das kompositorische Handwerk bei Isabel Mundry an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Dass sie Komposition bei einer Frau studieren konnte, war wichtig für ihr Selbstvertrauen, so Haensler im Gespräch. «Ich war die einzige Studentin, deshalb war sie als Vorbild wichtig. Sie hat mir Mut gemacht, mir das Gefühl der Selbstverständlichkeit gegeben, dass ich komponiere.» Mundry hat Haensler denn auch zu ihrer Assistentin gemacht.

Musikalischer Streifzug

Für die Camerata Zürich hat die 32-Jährige nun eines der vier Auftragswerke komponiert, die das Kammerorchester zu seinem 60-Jahr-Jubiläum vergeben hat: «durch streifen» (2017) für Streichorchester. «Meine Komposition gestaltet sich wie ein Spaziergang durch ein Stück Natur, wie das Durchstreifen einer Landschaft», schreibt Haensler dazu. «Drei Spazierende nehmen Bilder, Geräusche und Gerüche auf, werden beeinflusst durch das, was sie umgibt. Gleichzeitig nehmen sie wiederum Einfluss, hinterlassen Spuren – klingende Fussabdrücke, umgeknickte Grashalme und Zweige…»

«durch streifen» wird in einem reizvollen Camerata-Programm uraufgeführt: neben zwei für Streichorchester arrangierten Werken von Dmitri Schostakowitsch ist auch Olli Mustonens «Tripelkonzert» für drei Violinen und Orchester zu hören, mit den Geigern Sebastian Bohren, Pascal Druey und dem Konzertmeister Igor Karsko. Nach dieser Uraufführung in Zürich und Brugg werden dann alle vier neuen Jubiläums-Werke (von Thomas Demenga, Jürg Wyttenbach, Alfred Zimmerlin und Stephanie Haensler) am 23. Juni an den Zürcher Festspielen präsentiert. Der Klangkünstler Cyrill Lim wird sie mit elektroakustischen Intermezzi zu einem Ganzen verbinden. Eine originelle Idee.