Literatur

Die zwingende Wahl: Jonas Lüscher gewinnt den Schweizer Buchpreis

Viel Welt, viel Skepsis, viel gesellschaftspolitische Relevanz: Jonas Lüscher wurde ausgezeichnet.

Viel Welt, viel Skepsis, viel gesellschaftspolitische Relevanz: Jonas Lüscher wurde ausgezeichnet.

Der Favorit Jonas Lüscher hat den zehnten Schweizer Buchpreis gewonnen. Zu Recht.

Kaum lag es in den Buchläden, war klar: Dieses Buch wird für Furore sorgen. Mit grosser Spannung war das Romandebüt von Jonas Lüscher erwartet worden. Seine Novelle «Frühling der Barbaren» hatte den Literaturbetrieb vor vier Jahren in Aufregung versetzt. Mit tiefschürfender Leichtigkeit und unterhaltsam böse sprach da eine neue Stimme über einen Themenbrocken der heutigen Zeit: die Finanzkrise. Lüschers erster Roman, «Kraft», enttäuscht die Erwartungen nicht, die an den heute 41-jährigen Autor gestellt wurden. «Kraft» wurde auf den Kulturseiten der grossen Zeitungen in Deutschland und Österreich gefeiert, es gab fast nur positive Stimmen, der Roman stand auf der Longlist für den deutschen Buchpreis und festigte den Ruf des Autors als gefragter Interviewpartner, Redner und Essayist zu gesellschaftspolitischen Fragen. Nicht dass die anderen Bücher der Shortlist für den Schweizer Buchpreis nicht auch gut gewesen wären. Doch wäre dieser Autor übergangen worden, hätte sich die Jury ein Glaubwürdigkeitsproblem eingehandelt.

Das hat sie nicht. Die Jury würdigte das Buch als «welthaltiges, dringliches und sprachmächtiges Werk». Sie erkennt darin «einen fulminanten Text, der durch seine erfrischende Bösartigkeit ebenso überzeugt wie durch seinen philosophischen Tiefgang und die kluge Gegenüberstellung von alter und neuer Welt».

Neoliberale Welt

Lüscher, der in Bern aufgewachsen ist und seit mehr als zwanzig Jahren in München lebt, erfindet darin den deutschen Rhetorikprofessor Richard Kraft. Dieser hat sich im Studium die Maxime des Neoliberalismus zu Eigen gemacht – nicht aus Überzeugung, sondern aus Geltungsdrang, auf der Suche nach einem «Mittel der Distinktion». In den 1980er-Jahren jubelt er Ronald Reagan zu und beklatscht Margaret Thatcher. Doch als das wirtschaftsliberale Denken in der Mitte der Gesellschaft ankommt, ist sein «Alleinstellungsmerkmal» verloren. Zweifel stellen sich ein.

Auch privat geht einiges schief. Um sich zu retten, nimmt Kraft im Silicon Valley an einem Wettbewerb teil. Dort soll er erklären, warum die Welt, in der wir leben, gut ist und wie wir sie dennoch verbessern können. In der Zukunftsgläubigkeit und im Machbarkeitswahn der Techcommunity lässt Lüscher seinen Helden die Entfesselung der neoliberalen Ideale erkennen und kolossal an dieser Realität scheitern.

Lüscher selbst hat 2013 im Silicon Valley gelebt. Damals arbeitete er noch an seiner Dissertation. Die akademische Philosophie hat er zugunsten der Literatur aufgegeben, den Stoff in seinen Roman gepackt. Viel Welt, viel Skepsis, gesellschaftspolitische Relevanz, aber auch viel Ironie und Witz stecken in dem Buch. Auch sprachlich überzeugt es, mit seinen kühn gebauten Sätzen und dem souveränen Spiel mit der Erzählperspektive.

30'000 Franken beträgt das Preisgeld, das Jonas Lüscher erhält. Vor allem aber wird der Preis sein Buch noch einmal ins Gespräch und an die Spitze der Bestsellerlisten bringen. Je 2 500 Franken gehen an die vier Nominierten Martina Clavadetscher, Urs Faes, Lukas Holliger und Julia Weber. Auch bei ihnen geht die Wirkung des Preises über das Preisgeld hinaus. Allein die Nomination hat vor allem Martina Clavadetscher ins Rampenlicht geholt.

Erneuter Eklat

Jeder Erfolg hat eine Schattenseite. Mit dem strahlenden Schweinwerferlicht wächst auch der Druck auf die Autoren. Schon beim ersten Schweizer Buchpreis 2008 gab es einen Eklat. Adolf Muschg zog sich am Vorabend der Preisverleihung aus dem Rennen. Letztes Jahr verliess der Gewinner Christian Kracht fluchtartig die Veranstaltung. Und dieses Jahr blieb Urs Faes der Preisverleihung fern. Gegenüber den Veranstaltern erklärte er, physisch und psychisch fühle er sich nicht in der Lage, teilzunehmen. Im Rahmen der Feier zum 10-Jahr-Jubiläum des Schweizer Buchpreises am Vorabend war an einem Podium die Rede auf sein Buch «Paarbildungen» gekommen, mit dem der Aargauer Autor 2010 für den Preis nominiert war. Martin Ebel, Kritiker des «Tages-Anzeigers» und damals Mitglied der Jury, schrieb über das nominierte Buch in seiner Zeitung einen Verriss. Seither gilt die Regel, dass sich die Juroren auf ihren jeweiligen Plattformen nach Bekanntgabe der Shortlist nicht mehr zu den einzelnen Nominierten äussern dürfen.

Der Vorfall veranschaulicht zwei Dinge: Die Jury setzt sich zusammen aus Wortführern der Schweizer Literaturszene, was nicht unproblematisch ist. Und: Das Auswahlverfahren schickt die Autoren auf eine emotionale Achterbahn, was nicht alle ertragen. Urs Faes’ Buch wurde an der Preisverleihung trotzdem mit einer Laudatio gewürdigt. Gewinner aus früheren Jahren, die zum Jubiläum auf die Bühne kamen, solidarisierten sich mit dem Autor.

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