Weltliteratur
Die Apartheid wirkt als Fluch nach: Für den Roman «Das Versprechen» hat Damon Galgut den Booker Prize erhalten

Sein neuer Roman «Das Versprechen» macht Damon Galgut nobelpreiswürdig. Der Niedergang einer Farmerfamilie in Südafrika wird bei ihm zur universellen, bitteren Groteske vor dem Hintergrund der Zeit von der Apartheid bis in die unmittelbare Gegenwart.

Hansruedi Kugler
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Weisse und Schwarze unter der Mandela-Statue versöhnt? In Damon Galguts Roman hält die Entfremdung an.

Weisse und Schwarze unter der Mandela-Statue versöhnt? In Damon Galguts Roman hält die Entfremdung an.

Getty

Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu gestorben, Omikron, das Parlamentsgebäude in Kapstadt in Vollbrand – Südafrika hat dramatische Tage hinter sich. Zeichen des Niedergangs? Wahrheit und Versöhnung war das Ziel der von Nelson Mandela eingerichteten Kommission. Ist die Versöhnung gescheitert? Ein Blick in den aktuellen Bestseller des südafrikanischen Schriftstellers Damon Galgut stimmt jedenfalls nicht gerade zuversichtlich. Für den Roman «Das Versprechen» hat er Ende 2021 den Booker Prize erhalten und somit den wichtigsten und besten englischsprachigen Roman des Jahres veröffentlicht. Worin er das Thema der Versöhnung weit über die Bewältigung der Apartheid auf geniale Weise zu einem universellen macht.

Die dysfunktionale Familie als Spiegel der Apartheid

Damon Galgut: Das Versprechen. Roman. Aus dem südafrikanischen Englisch von Thomas Mohr. Luchterhand, 366 Seiten.

Damon Galgut: Das Versprechen. Roman. Aus dem südafrikanischen Englisch von Thomas Mohr. Luchterhand, 366 Seiten.

PD

Literarisch ist dieses Buch ein psychologisch dichtes, stilistisch opulentes Epos: Aus mehreren Perspektiven in vier historischen Etappen zwischen 1986 bis 2018 schildert Galgut den Niedergang der weissen, holländischstämmigen Farmerfamilie Swart vor dem Hintergrund der neueren Geschichte Südafrikas. Nacheinander sterben Mutter, Vater, Tochter und Sohn makaber-groteske Tode. Nahe an den Figuren und aus deren Sicht erfährt man vom traumatischen Erbe einer tief gespaltenen Gesellschaft. Und wenn man hierzulande von einer sogenannten Spaltung der Gesellschaft durch Coronamassnahmen hört, wird man angesichts der realen Apartheid wohl recht kleinlaut. Wie sich in der Familie Swart Verachtung und Selbsthass in die Seelen dieser durchschnittlichen Menschen eingenistet haben, ist erschütternd. Sie scheitern wie an einem Fluch. «Das Überleben lehrt einen nichts, ausser Erniedrigung», sagt einmal der Sohn hellsichtig. Damon Galgut macht aus dem Epos ein Drama in vier Akten und sagt:

Wenn man eine Geschichte von vier Beerdigungen erzählt, hat das was Theatrales. Wie vier Akte eines Dramas.

Damon Galgut macht daraus aber kein depressives Buch. Er meistert die hohe Kunst, seine ambivalenten Figuren mit phänomenaler Empathie als liebenswürdige Gescheiterte, als trottelige, bigotte, weinerliche Typen zu zeichnen, und sorgt mit Groteske, Satire und hohem Tempo immer wieder für erfrischend lakonische Distanz.

Damon Galgut.

Damon Galgut.

Tim P. Whitby / Getty Images Europe

Hierzulande kaum bekannt, wird Damon Galgut im englischsprachigen Raum bereits als Nachfolger des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J.M.Coetzee («Disgrace») gehandelt. Dass er «eine gewöhnliche Bande weisser Südafrikaner» ins Zentrum stellt, sei zunächst einfach Resultat seiner eigenen Lebenserfahrung, sagte Galgut kürzlich in einem Interview. Dysfunktionale weisse Familien kenne er bestens von innen her.

Eine grosse Parabel auf uneingelöste Versprechen

Das Leitmotiv des Romans ist ein Versprechen. Auf dem Totenbett ringt die sterbende Mutter ihrem Mann das Versprechen ab, der treuen, schwarzen Haushälterin das Haus zu schenken, in welchem sie zur Miete wohnt. Dass dieses Versprechen erst dreissig Jahre und drei Begräbnisse später eingelöst wird, ahnt man sofort und sieht darin eine politische Parabel. Zuerst aber versinkt der Sohn im Aberglauben, er sei am Tod der Mutter schuld, weil er als Soldat am gleichen Tag eine Demonstrantin erschossen hat. Später wird er zum Zyniker. Dann stirbt der Vater an einem Schlangenbiss, weil er den Weltrekord im Leben mit Giftschlangen in einem Terrarium brechen will. Die eine Schwester, ein egoistisches Lästermaul, wird Opfer eines Raubüberfalls. Auf Beerdigungen eskalieren immer wieder mühsam unterdrückte Zerwürfnisse, Erbschaftsstreit und desaströse Lebensbilanzen vergiften die Stimmung. Und dass einmal wilde Paviane das Abdankungsbuffet plündern, passt zur bitteren Groteske, die uns Damon Galgut präsentiert.

Die thematische Dichte ist berauschend: In das tragikomische Drama in vier Akten baut Galgut abgründige Innensichten ein und erzählt nebenher Südafrikas Gegenwartsgeschichte von der Apartheid bis zum korrupten Präsidenten Jacob Zuma. Erhellend ist auch, dass der Rassismus unter Weissen aus ganz ähnlichen Ressentiments sich speist wie jener der Weissen gegenüber den Schwarzen. Nur dass hier Herkunft und Religion statt Hautfarbe Anlass ist: Buren gegen Briten, Christen gegen Juden – in der Familie Swart (in Afrikaans: «schwarz») prallen diese unversöhnlich aufeinander. Verbitterung als Übertragung und Reaktion auf die Verlogenheit und das eklatante Unrecht in der Apartheid – psychologisch ist das als Symptom verdrängter Schuldgefühle deutbar. Die Geschichte der von der Apartheid korrumpierten Nation kann man so zugleich als moralische Zerrüttung aufgrund ethnischer und religiöser Intoleranz lesen, die überall spielen könnte. Ein universelles Buch also.

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