Kunst

Die vergessene Hexe

Doris Stauffer unter der «Misswa(h)l»-Puppe, 1965.

Doris Stauffer unter der «Misswa(h)l»-Puppe, 1965.

Doris Stauffer ist hierzulande kaum bekannt. Völlig zu Unrecht, wie eine Ausstellung im Pariser Centre culturel suisse zeigt.

Eigentlich erklärt sich alles auf diesem kleinen Schmierzettel. «Ich, Doris? Kann einen L+wen zum Verschwinden bringen» steht da, in Grossbuchstaben, schreibmaschinengetippt. Darüber eine Reihe von gestempelten Löwen, die von rechts nach links zunehmend verblassen. Doris Stauffer hat nur einmal den Stempel aufs Kissen gedrückt und danach so lange aufs Papier gestempelt, bis nichts mehr vom König der Tiere zu sehen ist.

Der Zettel ist bezeichnend für das Werk einer Künstlerin, die es nie ganz ins Rampenlicht schaffte, aber mit ihrer Arbeit und Herangehensweise eine Generation von Studentinnen und Studenten nachhaltig prägte. Eine Frau, die den Inbegriff des männlichen Oberhaupts geduldig wegstempelt – und das Resultat als eine Übung von vielen in einen Bundesordner steckt und für vermeintlich immer weglegt.

Starke Worte auf einem Schmierzettel:  «Ich, Doris? Kann einen L+wen zum Verschwinden bringen».

Starke Worte auf einem Schmierzettel: «Ich, Doris? Kann einen L+wen zum Verschwinden bringen».

Doris Stauffer ist 1934 im St. Galler Amden geboren. Mit siebzehn kommt sie nach Zürich an die Kunstgewerbeschule. Hier lernt sie in der Fotofachklasse Serge Stauffer kennen, den sie zwei Jahre später heiratet. Hochschwanger macht sie das Diplom und schliesst mit Bestnoten ab. Tochter Salome wird geboren, in den nächsten drei Jahren kommen eine weitere Tochter und ein Sohn dazu. Die fünfköpfige Familie wohnt in diesen ersten paar Jahren unter prekären finanziellen Verhältnissen in einer Zweizimmerwohnung beim Grossmünster. Doris kümmert sich um die Kinder, während Serge als Lehrer für Fotografik an der Kunstgewerbeschule Zürich arbeitet.

Er Künstler, sie Hausfrau

Es herrscht reger Betrieb, nicht nur wegen der Kinder: Prominente Gäste gehen bei Stauffers ein und aus, Daniel Spoerri, Meret Oppenheim, André Thomkins. Doris würde sich gern auch an diesen inspirierenden Gesprächen beteiligen, aber dann schreit das Kind oder kocht das Spaghettiwasser, irgendwas ist immer. Ihr wird die Rolle der Hausfrau und Mutter zuteil, ihm gebührt die des Künstlers und kreativen Vaters, der den Kindern vorlesen darf, während die Frau im Nebenzimmer Kleider flickt. «Meine ganze Kreativität floss in das tägliche Leben», wird Stauffer später sagen.

1959 zieht die Familie nach Seebach in ein altes Bauernhaus. Die Besuche von befreundeten Künstlern halten an. Doris bekocht die Männer und räumt danach auf. Die Zeichen stehen auf Hausfrau – aber sie kehrt der Kunst nicht den Rücken. In ruhigen Stunden liest sie viel und macht Assemblagen aus dem Material, das sie umgibt: Besteck, Nadeln, Garnrollen, Brettspiele. 1968 hat sie ihre erste Einzelausstellung im Club Bel Etage. Kurze Zeit später verkündet Serge, er wolle sein Arbeitspensum an der Kunstgewerbeschule um einen halben Tag reduzieren. Da die Familie auf das Einkommen angewiesen ist, schlägt Doris vor, seinen Unterrichtsteil zu übernehmen.

Spätestens da ist es mit ihrer Hausfrauenrolle vorbei. Sie ruft das Fach «Teamwork» ins Leben, in dem sie die Studentinnen und Studenten einen Nachmittag in der Woche vom vorherrschenden Konkurrenzdruck befreien will. Sie macht mit ihnen Körperarbeit, Happenings, Improvisationstheater. Aktionen, in denen man gemeinsam etwas auf die Beine stellt, statt einsam im Kämmerchen vor sich hinzukünstlern. «Wir wollen unsere eigenen Möglichkeiten wieder entdecken. Unsere Stärke ist die Praxis, nicht die Theorie», sagt sie in einem Filmbeitrag. Worte, die für Kunststudenten und -studentinnen nach Befreiung klingen. Für die Schuldirektion bedeuten sie Konflikt: Ein Fach, das nirgends zuzuordnen ist und sich jeder Theorie verweigert, wo soll das nur hinführen!

Wir sind keine Kühe!

Neben ihrer Lehrtätigkeit beginnt Stauffer, sich politisch zu engagieren und gründet die Zürcher Frauenbefreiungsbewegung FBB mit. Das politische Engagement färbt auch auf ihre Arbeit als Dozentin ab. Sie veranstaltet mit ihren Studenten und Studentinnen feministische Aktionen wie die «Misswa(h)l»: In Reaktion auf einen Schönheitswettbewerb der «Annabelle» ziehen sie im Sommer 1969 mit einer überdimensionierten Puppe aus Kleister durch die Stadt und rufen: «Wir sind keine Kühe, die man für die Grösse ihres Euters prämiert!». Sie nimmt an Demonstrationen teil, malt Transparente, schreibt Artikel für die Zeitschrift «Apodaten» oder die «WOZ».

«Patriarchalisches Panoptikum» von 1975.

«Patriarchalisches Panoptikum» von 1975.

Dem Direktor der Kunstgewerbeschule passt das wohl nicht: Im September 1969 erhält Doris Stauffer die Kündigung. Was folgt, geht in die Annalen der Schule ein: Die Fachklasse organisiert einen Protest mit Bannern und Sit-ins, der Direktor zieht die Kündigung zurück, fordert aber die Auflösung der Klasse. Darauf kündigen fünf Lehrer, darunter Serge und Doris – und gründen nur ein Jahr später die F + F Schule für experimentelle Gestaltung. Hier nimmt Doris wieder den Kurs Teamwork auf. 1975 nimmt sie zusammen mit anderen Frauen an der Ausstellung «Frauen sehen Frauen» im Strauhof teil. Sie zeigt ihr «Patriarchalisches Panoptikum»: Acht Guckkästen mit Männerfantasien. Krieg, Religion, Prostitution, Familie – jeder Kasten bedient ein Thema. Dazu strickt sie «Peniswärmer», «für Männer, die sich zur Aufrechterhaltung der Männerherrschaft ausgezeichnet haben».

Vom Bundesordner nach Paris

Ab 1977 führt sie an der F + F den «Hexenkurs» ein, ein feministischer Kurs für Frauen, in dem diskutiert und künstlerisch experimentiert wird. Doris Stauffer wird sich von jetzt an vermehrt feministischen Themen widmen und 1978 eine «Frauenwerkstatt» eröffnen. Ab Ende der Siebzigerjahre aber zieht sie sich aus dem Kunsttrubel zurück. Die vielen «Schmierzettel» und Dokumentationen der Hexenkurse wandern in Bundesordner.

Hier findet die Schweizer Kuratorin Claire Hoffmann vom Centre culturel suisse in Paris über 40 Jahre später den Zettel mit den gestempelten Löwen, der der geplanten Einzelausstellung ihren Namen geben wird. Und jetzt ist das Vermächtnis dieser engagierten Künstlerin, deren Erfolg in der Schweiz nie kommerzielle Masse angenommen hatte, in der Ausstellung «Je peux faire disparaître un lion» in Paris zu sehen. Ein Raum nur, aber klug und reich mit Schlüsselwerken Stauffers kuratiert. Die Guckkästen sind zu sehen, wie auch die Peniswärmer und Assemblagen aus der Zeit in Seebach. Dazu Fotografien der Jahre als Lehrerin und Dokumente von Stauffers politischem Wirken. Ein ganzes künstlerisches Leben ausgebreitet in einem Raum.

Ein beachtlicher Einstand Hoffmanns, die im Januar von Basel ans Centre culturel suisse kam und sich vorgenommen hat, Positionen von Schweizer Künstlerinnen zu zeigen, die in der Schweiz unverdienterweise unter dem Radar geblieben sind. Ein lohnenswerter Ansatz, wie sich in dieser ersten Einzelausstellung zeigt. Viele der gezeigten Arbeiten haben in der heutigen feministischen Debatte wieder ungeheure Aktualität. Wie sagte Doris Stauffer 2015, zwei Jahre vor ihrem Tod, noch zur «WoZ»: «Ich bin ein Schneepflug. Ich bahne den Weg frei für die, die nach mir kommen.»

Doris Stauffer: Je peux faire disparaître un lion bis 12. Mai im Centre culturel suisse, Paris. 

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