Wie kommt es, dass man noch nie jemanden ein schlechtes Wort über Meryl Streep hat reden hören? Die Frau eckt nicht an, spaltet nicht die Meinungen (okay, wir wissen, es gibt da jemanden, der findet, Meryl Streep werde gewaltig überschätzt). Im Gegenteil hört man die Leute dann eher noch sagen: «Der Film war zwar nicht besonders, aber die Streep, die war gut.» Langweilig ist sie eben auch nicht. Alle interessieren sich für Meryl Streep.

Wir nehmen den morgigen 70. Geburtstag der US-amerikanischen Schauspielerin zum Anlass, um über eine Frau nachzudenken, die seit nunmehr 40 Jahren praktisch zu jeder Hollywood-Award-Show gehört. Ohne Moderator: Das geht. Ohne Meryl Streep: no way!

21 Mal war sie für einen Oscar nominiert, 30 Mal für einen Golden Globe – so oft wie sonst niemand. Gewonnen hat sie den Oscar «erst» dreimal: erstmals für ihre Nebenrolle an der Seite von Dustin Hoffman im Scheidungsdrama «Kramer vs. Kramer», letztmals für ihre Margaret Thatcher in «The Iron Lady»; den ersten Hauptrollen-Oscar bekam sie 1983 für ihre zutiefst bewegende Darbietung der ehemaligen KZ-Insassin in «Sophie’s Choice». Aber das geht schon in Ordnung. Mit Sicherheit für Meryl Streep. So gelassen wie sie sitzt jeweils keine der Mitnominierten im Publikum.

Der offizielle Filmtrailer zu «Sophie's Choice» (1982).

Hollywood-Ikone, aber null Diva

Meryl Streep gilt als Hollywood-Ikone, sie ist eine der grössten lebenden Schauspielerinnen, hat aber nichts von einer Diva. Dass sie derart respektiert und bewundert wird, von Kollegen, Kritikern und Zuschauern gleichermassen, liegt auch in diesem Widerspruch begründet: Sie hasst den roten Teppich und das ganze Tamtam um das Äussere, liebt aber ihre Kolleginnen und Kollegen, gibt sich stets bescheiden und humorvoll.

Diese Gelassenheit musste sie erst lernen. Heute braucht die Schauspielerin niemandem mehr etwas zu beweisen, auch sich selbst nicht. Was nichts daran ändert, dass sie sich auf jede Rolle akribisch vorbereitet, angetrieben von Neugierde und einer kleinen Portion Versagensangst.

Sicher, auch Meryl Streep durchlebte berufliche Tiefen, doch so richtig bergab ging es in ihrer Karriere nie. Sie hat in Meisterwerken wie Michael Ciminos «The Deer Hunter» an der Seite von Robert De Niro mitgewirkt, «Silkwood» von Mike Nichols oder «Out Of Africa» von Sidney Pollack.

Der offizielle Filmtrailer zu «The Deer Hunter» (1978).

Nachdem es Anfang der Neunziger kurz ein bisschen ruhig um sie geworden war, wurde sie 1996 für die Rolle der verheirateten Geliebten in Clint Eastwoods «The Bridges Of Madison County» für einen Oscar nominiert, hat aber fortan vermehrt auch eher mittelmässigen Komödien wie «Couchgeflüster» oder «The Devil Wears Prada» ihren Stempel aufgedrückt.

Auch wenn man nicht mehr genau weiss, um was es in dem jeweiligen Film genau ging, an Meryl Streep erinnert man sich. Wieso ist das so? Katja Nicodemus hat das in einem der raren Interviews mit der Schauspielgrösse für die «Zeit» schön formuliert. Die deutsche Filmkritikerin spricht von einer «unhintergehbaren Meryl-Streepness»: Dadurch entstehe, bei aller darstellerischen Brillanz, eine kleine Distanz zur Rolle, die uns das Wesen oder die Essenz der Figur begreifen lasse.

Sie blieb sich immer treu

Man kann von einer beruflichen Konstanz sprechen. Diese geht einher mit einer privaten. Seit 40 Jahren ist Meryl Streep mit dem Bildhauer Don Gummer verheiratet. Sie haben vier gemeinsame erwachsene Kinder.

Geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen ist Mary Louise Streep in New Jersey. Sie hat einen Master of Fine Arts der School of Drama der Universität Yale und soll eine hervorragende Studentin gewesen sein. Seit Beginn ihrer Karriere macht sie sich für politische Anliegen stark – für Frieden, Umweltanliegen und Gleichberechtigung. «Ich fühlte mich berufen. Ich war ein wahres Kind der 60er», sagte sie rückblickend.

Streep ist ein Vorbild und eine Vorreiterin für ihre Kolleginnen und Frauen im Allgemeinen und hat gezeigt, wie sich Beruf und Familie vereinbaren lassen – und dass das eben auch gewisse Opfer erfordert: Für ihre Kinder habe sie vorübergehend auf Theaterengagements verzichtet, sagte sie 1998 gegenüber Harry Smith vom Fernsehsender CBS.

2014 bekam sie von Barack Obama die Freiheitsmedaille des Präsidenten überreicht, 2016 unterstützte sie die Präsidentschaftskampagne von Hillary Clinton und hielt mit ihrer Abneigung gegen deren Konkurrenten, der sich über einen behinderten Journalisten lustig machte, nicht hinterm Berg. Was dazu führte, dass Trump gegen sie twitterte.

Auf die Frage von Harry Smith, ob die Schauspielerei Kunst, ein Handwerk oder einfach ein Job sei, antwortete sie: «Manchmal, wenn ich anderen zuschaue, übersteigt es für mich die Kunst.» Und wie ist es für sie selber? «Im besten Fall ist es wie fliegen.» Happy birthday, Meryl Streep, flieg weiter!