Macbeth

Die Toten lassen ihren Mörder nicht mehr los

Meisterhafte Körpersprache: Der Bariton Vladislav Sulimsky als Macbeth und die Sopran-Sängerin Katia Pellegrino als Lady Macbeth. Sandra Then

Meisterhafte Körpersprache: Der Bariton Vladislav Sulimsky als Macbeth und die Sopran-Sängerin Katia Pellegrino als Lady Macbeth. Sandra Then

Olivier Py inszeniert Giuseppe Verdis «Macbeth» im Theater Basel als lustvolle Graphic Novel – eine deutlich opulentere Umsetzung als die des Zürcher Opernhauses.

Was fühlt ein Mörder? Was eine Anstifterin zum Mord? Wie klingt Angst? Und wieso macht töten nicht glücklich? – Shakespeares blutiges «Macbeth»-Drama wirft viele Fragen auf; Giuseppe Verdis gleichnamige Oper noch mehr: Denn hier kommt die Musik dazu, die die Mörder singen lässt und den Toten eine Stimme gibt.

Barry Kosky hatte sich Anfang April in seiner Neuinszenierung von Verdis «Macbeth» am Opernhaus Zürich für nur einen Fokus entschieden: das psychische Drama der symbiotisch ineinander verketteten Eheleute Macbeth. Wann immer möglich, waren die beiden allein auf der kahlen Bühne – so allein, als sei all das Schlachten und Morden nur ein einziger monströser Traum gewesen (die «Nordwestschweiz» berichtete).

Olivier Py hat nun in Basel dieselbe Oper inszeniert – und ihr deutlich mehr Fleisch am Knochen gelassen. Er erzählt die Oper als Geschichte, die vorherbestimmt ist – und dennoch zahlreiche Überraschungsmomente bereithält.

Grossartig ist das optische Konzept (Bühne: Pierre-André Weitz). Wie die gestochen scharfe Bleistiftzeichnung einer Graphic Novel sieht das Bühnenbild aus. In der Mitte rotiert ein fensterloser Kubus aus schwarzen Klinkersteinen (eine nette Anspielung auf das Kleid des gleichentags eröffneten neuen Anbaus des Basler Kunstmuseums), kahle Bäume deuten schon am Anfang den todbringenden Wald von Birnam an. Und immer wieder dreht sich die Drehbühne, die gleichsam Rad des Schicksals sein will.

Morden ohne spritzendes Blut

Diese Bühne ist kein starres Plateau wie in Zürich, sondern ein lebendiger Schauplatz. Der Kubus wandelt sich zum Stockwerkquerschnitt, der Macbeths Morden sichtbar werden lässt – auch ohne dass das Blut spritzt. Viel wichtiger ist ohnehin das überraschend unmittelbar einsetzende Entsetzen ob der eigenen Tat: Macbeth wankt, zittert, heult wie ein kleines Kind – und erntet eine Ohrfeige von seiner Lady Macbeth, die ihn an die Hand nimmt wie eine tyrannische Mutter ihr manipuliertes Kind.

Die Körpersprache der beiden Hauptdarsteller ist meisterhaft, und auch stimmlich sind sie ein Genuss: Vladislav Sulimsky mit seinem dunklen Bariton, der ängstlich wimmern und sich kraftvoll aufplustern kann; und Katia Pellegrino mit ihrem so verführerischen, dunkel schimmernden Sopran, der, wann immer nötig, ins Hässlich-gellende wechseln kann.

Basel versus Zürich

Den für die Story so wichtigen Hexen sind wie schon in Zürich nackte Statistinnen zur Seite gestellt – das Unterbewusste kennt kein Modediktat. Doch musikalisch spielen die Basler Hexen eine deutlich gewichtigere Rolle als ihre Zürcher Kolleginnen: Wie ein Schwarm umringen sie Macbeth – und wie herrlich scharf artikulieren diese Damen des Basler Theaterchors. Ein Jammer, was Zürich hier musikalisch verschenkt hat, indem der Chor hinter die Bühne verbannt wurde.

Überhaupt macht die Basler Inszenierung sehr viel sichtbar, indem sie wirklich Theater spielt: Nicht nur sind alle Handelnden sinnvoll in das Bühnengeschehen integriert, sondern auch die Toten treten immer wieder auf, als leichenblasse Gespenster, deren klagende Stimme das eindringliche Spiel des Sinfonieorchester Basel übernimmt. Die Toten lassen ihre Mörder nicht mehr los – und das ist es schliesslich, was die Eheleute Macbeth in den Wahnsinn treibt. Anders als erwartet macht ihre neue Macht sie nicht glücklich – weil Töten nicht glücklich macht.

Wo die Zürcher Produktion mit ihrer Reduzierung und ihrem scharfen Fokus beeindruckt – und wohl vor allem für Macbeth-Kenner eine wohltuende Entschlackung darstellt –, so zeigt die Basler Inszenierung, wie sinnvoll das Beibehalten der Shakespeareschen Figurenkonstellation auf der Bühne ist, um das Wachsen des Wahnsinns durch das brutale Handeln nachvollziehbar darstellen zu können. Musikalisch sind beide Produktionen auf höchstem Niveau: scharf und explosiv das Zürcher Opernorchester unter Theodor Currentzis, eindringlich und klangvoll das Sinfonieorchester Basel unter dem designierten Musikdirektor Erik Nielsen.

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