Mitten in der Strassenschlucht lag eine grosse Kreuzung. Darauf herrschte – um mit Kafka zu sprechen – «ein geradezu unendlicher Verkehr». Wer zu Fuss ging, musste warten zu beiden Seiten der Betonschlucht, an roten Ampeln. Hüben wie drüben sammelte sich rasch ein geradezu unendliches Meer von Menschen.

In der Menge standen zwei kleine Männer. Und «klein» meint hier beides: klein an Gestalt und an Bedeutung. Der eine trug eine Halsschleife, der andere einen Hut – nur so waren sie voneinander zu unterscheiden. Der mit dem Hut blickte auf die Menge gegenüber und sagte zum Mann mit der Schleife: «Sobald die Ampel auf Grün wechselt, strömen wir von beiden Seiten auf engstem Raum durcheinander. Männer und Frauen. Da geht womöglich eine Frau eng an mir vorbei, die Frau meines Lebens. Und ich werde sie im Durcheinander nicht einmal erkennen.»

Genau so ist das: die Aussicht, seinem «Traumpartner» zu begegnen in der eiligen Masse. Den ein und einen Menschen für sich zu entdecken, unter Abertausenden gleich flacher, gleich flüchtiger Gesichter. So läuft das: beim Fischen nach dem idealen Partner – im Internet, diesem Ozean von Menschen.

Genau so? Moment mal ...

Rechnen mit einer Art Glücks-Mengenrabatt

Unser Bild von der Strassenschlucht und den kleinen Männern in der grossen Menge ist entlehnt. Genauer: einer Zeichnung nacherzählt. Gezeichnet hat die Szene der französische Cartoonist Sempé (der berühmte, sehr zurückgezogen lebende Mann ist im letzten August achtzig geworden). Erschienen ist Sempés Cartoon, wovon wir hier reden, freilich schon in den Siebziger- jahren des vorigen Jahrhunderts – lange vor dem Internet.

Also muss das älter sein als das Internet – und zwar beides: die Furcht und die Hoffnung in Bezug aufs private Glück. Die Furcht, den richtigen Partner ein Leben lang nicht zu finden; die Angst, einsam zu bleiben. Und die Hoffnung, dieses Schicksal abzuwenden, dank einer Vielzahl «moderner» Möglichkeiten.

Je mehr Optionen der Mensch hat, desto besser, glaubt er, fühle er sich. Schiere Menge soll den Glücksfall zünden. Bewirkt Quantität also doch auch Qualität? Niemand gibt das offen zu. Doch jeder rechnet insgeheim mit einer Art Glücks-Mengenrabatt. Weil keiner stark oder fröhlich genug ist, den gewöhnlichen Fall für sich selbst anzunehmen, nämlich die längste Zeit im Schatten des Glücks kutschieren zu müssen.

Bei Sempé brachte die Stadt Quantität, über ihr Menschengewimmel. Nirgends scheint es leichter, in kürzerer Zeit mehr Leuten zu begegnen. Und nirgends wahrscheinlicher, die «Traumfrau» oder «Mister Right» gerade darum zu verpassen. Beides hat sich im Internet nicht verändert, im Gegenteil: Das Gewimmel hat sich nur gesteigert. Und mit ihm des Menschen älteste Furcht und Hoffnung.

Möglichkeiten durch «Matching» beschränkt

Lange konnten selbst Romantiker der Verlockung nicht widerstehen: Warum die Möglichkeiten nicht erweitern? Also loggten sie sich ein – in ein Kupplungssystem der Herzen, das nie zuvor so viele Kombinationen zur Verfügung stellte, über alle nationalen, kulturellen und sozialen Schranken hinweg. Schnell wuchsen die einschlägigen Partnerbörsen. Ebenso schnell die Verzweiflung, sich vor lauter Möglichkeiten nicht mehr entscheiden zu können.

Viele, die im Internet Partner suchen, sind froh, werden sie von Agenturen «gematcht», einander zugeordnet. Die Verheissung geht dahin, Eigenschaften und Vorlieben der Suchenden zu vergleichen und danach passgenaue Kandidaten vorzuschlagen (wer gern jasst und wandert, wird nicht mit einem Kartenspiel-Hasser und Töfftour-Fan verkuppelt). Oft wird das als «wissenschaftlich fundiert» verkauft. Wie «wissenschaftlich» das ist, ist schwer abzuschätzen und bleibt, allein schon vom naiven Spielglauben her, fraglich. Einen Aufpreis kann man fürs «Matching» jedenfalls verlangen.

Zu Erfahrungen im Internet kennt jeder reichlich Berichte

Wie fündig werden die Leute im Internet? Glückt die Suche nach dem Herzensmenschen – für ein «Zeitfenster» oder gar fürs Leben? Gibts viele Treffer, mehr als aus dem gewöhnlichen Gewimmel heraus?

Darauf eine Antwort zu geben, ist etwa das Gleiche, wie den Finger in den Himmel zu strecken, um zu merken, woher der Wind weht. Jeder von uns ist mittlerweile reich versorgt mit Einzelgeschichten. Aber in der Summe bleibts nebulös: Fluch und Segen sind unfasslich.

Die einen schwärmen, wie leicht ihnen das Internet zu einem Partner verholfen habe. Im Virtuellen angebahnte Beziehungen können im Durchschnitt genauso lange halten wie andere. Längst gibts Kinder aus Fleisch und Blut, die ihr Dasein ursprünglich mathematischer «Profilangleichung» verdanken. Das Leben will nichts als seine Fortpflanzung, egal, ob hors-sol oder verwurzelt auf der alten Scholle.

Da sind indes auch die anderen: die Gedemütigten, ja Traumatisierten. Leute, die es unzählige Male versuchten, um nichts als Traurigkeit zu ernten, die bejammernswerte Banalität immer gleich ablaufender Enttäuschung. Des Internets müde geworden, sagen sie, wieder zurückzubuchstabieren – aufs reale Leben. Es fehlt nicht an Stimmen, die das sogleich wieder zum Trend erklären. Vor kurzem streiften sich Singles T-Shirts über mit Nummer und E-MailAdresse, um im Gewimmel Zürichs auf sich aufmerksam zu machen.

Zu Hause warten, bis der Blitz einschlägt ...

Ich erinnere mich an eine Spätsommer-Party an den Gestaden eines Sees: Schnell stellte ich fest, dass ich die einzige Einzelmaske war unter lauter Paaren. So was kann man aushalten oder abfedern, sofern die Gespräche gut sind und der Whisky. Gschmuuch wurde es mir erst, als sich der Reihe nach jedes Paar als Internet-Paar outete. Wo war ich da hingeraten? In einen Erweckungskreis, eine Parship-Sekte?

Da läutete mein Handy: Ob ich «auch einsam» sei, meldete sich eine mir völlig unbekannte Stimme. Eine gemeinsame Freundin, sagte die Stimme, habe sie angeregt und das mal vermittelt. Nun waren an der Party beide Seiten baff: Ich, weil das Internet so viele Paare zusammenbrachte. Und alle diese Paare, weil «draussen» das Leben offenbar immer noch mit ollem Zufall und althergebrachter Kuppelei spielte.

Man lernt sich vorsichtig kennen

Damit könnte man doch leben: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Das aber kann man, im Gegensatz zu unseren Vätern und Müttern, heute auch online erfahren.

Zum Beispiel beim Mailen, nachdem man im Netz, zu einem fremden Menschen, vorsichtig einen Kontakt geknüpft hatte. Jeder gibt Stück um Stück mehr preis, lange noch geschützt durch Anonymität. Dann mailt man verbindlicher, nähert sich dem Unbekannten Schritt für Schritt, erhält Strich um Strich ein besseres Bild von ihm. Endlich wagt man es, dem mittlerweile bekannt Unbekannten zu begegnen. Und fällt aus allen Wolken – Wolken des eigenen Bildes, das man von diesem Menschen gemacht hat, gemischt aus eigenen Träumen, Vorstellungen, Erinnerungen und sonstigen Fetzen.

So spielte das reale Leben schon immer, besonders bei Fantasiebegabten. So wirken Geist, Idee und Stimmung, bilden Welt im Kopf. Und diese ist nicht genau zu unterscheiden von Welt ausserhalb des Kopfs, obwohl es dazu auch eine scharfe Trennung gibt. Das hat man an diesem plötzlich realen Internet-Menschen gerade wieder mal erfahren.

Kurz: Man muss gewiss keinen Glaubenskampf führen – entweder fürs reale Leben (wo ist das?) oder für die «wissenschaftlich abgestützte» Lebens-Wahrscheinlichkeit im Netz. Beides ist so wahr wie trügerisch. Beides kann einem die Bangigkeit nicht nehmen, den steten Gegensatz von Konfrontation und Vorstellung, von Traum und Wirklichkeit nicht lösen. Klarheit schafft immer nur der Einzelne, in seinem Kopf und in seinem Herz; man kann es Erziehung des Gefühls nennen. Mit dieser Aufgabe steht zwar jeder allein, aber er wird nicht allein gelassen.

Dicke Haut und langer Atem

Das Internet hat dem Menschen keine neuen Räume erschlossen, aber weitere, vorher nicht vorhandene Türen dazu geöffnet.

Angesichts der – theoretisch – Millionen von Möglichkeiten heute, kann man nur staunen: Wie haben es eigentlich unsere Vorfahren im Vakuum geschafft, sich zu vermählen? Aus ein paar, nicht gerade glamourösen Kandidaten und Bauernmädel innerhalb ihres Dorfweltkreises fanden sie – anscheinend unfehlbar – den Partner fürs Leben. Ihre Ehen dauerten entschieden länger als die Ehen heute, im Weltdorfkreis. Denn paradoxerweise empfinden immer mehr Leute das Füllhorn von Möglichkeiten im Netz als Einheitsbrei.

Umso rascher fällt auf, was anders erscheint, anders klingt als das tausendfach Ordinäre, ja Vulgäre: eleganter Ausdruck, Charme, Witz, Subtilität. Viele Männer bereuen spätestens jetzt ihr jahrelanges Desinteresse an «schöngeistiger Bildung». Mit Argwohn und Scham beobachten sie, wie Frauen im Internet langsam ein untrügliches Gespür entwickeln für den Zusammenhang von Wort und Seele. Brachiales oder dummdreistes Blendwerk löschen sie so instinktiv wie ungerührt. Man(n) landet nicht mehr ganz so einfach mit den üblichen Gockelsprüchen. Umgekehrt ist die Konkurrenz mörderisch gross an Teint, Figur und Jugend.

Für die Suche im Netz braucht es einen langen Atem und eine dicke Haut. Drei Jahre, so haben Untersuchungen ergeben, dauere es gewöhnlich, bis die Online-Suche Erfolg zeitige. Ältere Frauen und arbeitslose Männer haben es besonders schwer. Nicht von ungefähr, sind die meisten Pappenheimer «kultivierte Akademiker mit S-Klasse und halbjährlichem Urlaub auf Gran Canaria».

Das mühsame Herausfiltern im Netz von ein wenig Goldstaub unter so viel Kies und Brühe lassen inzwischen viele bleiben. Ihre letzte Tapferkeit verwenden sie auf Single-Veranstaltungen: Ausflüge, Museumsführungen, Tanztage, «Kuschel-Weekends» und «Fast-Dating-Shows». Da kann man an einem Abend ein Dutzend Singles prüfen: «Hot or not!» Der meist gehörte Satz am Ende solcher Hoffnungsläufe lautet so: «Es war ganz gut, auch wenn der Traumprinz wieder mal nicht dabei war.»

Liebe ist immer möglich – und wird immer unwahrscheinlicher.