„Wer sich je die Frage gestellt hat, was Soul eigentlich bedeutet, braucht sich nur Aretha Franklin anzuhören“, schrieb Nelson George, einer der bedeutendsten Musikkritiker der USA. Aretha Franklin war die unbestrittene „Queen of Soul“ und wurde in den bewegten Jahren der Bürgerrechtsbewegung zu einer Identifikationsfigur. Dabei war sie eigentlich völlig unpolitisch, und sang in ihren Liedern nur von Herzensangelegenheiten. Aber wie! Wie keine andere vermochte sie mit ihrer Art und ihren Liedern, eine positive Energie zu transportieren.

Aretha Franklin war aber noch viel mehr. Sie war die erste schwarze Frau, die sich im von weissen dominierten Pop-Markt festsetzen konnte. Sie war die Frau, auf die sich alle einigen konnten. Das hat natürlich vor allem mit ihrem Gesang zu tun. „Sie hatte zweimal so viel Stimme, doppelt so viel Leidenschaft und mehr Haltung als auch nur eine der dünnen Diven, die vor ihr oder nach ihr sangen“, schrieb die „New York Post“.

Aretha ist unerreicht und hat bis zuletzt alle grossen Sängerinnen beeinflusst. Völlig zu Recht wählte sie die Musikzeitschrift „Rolling Stone“ 2010 zur besten Sängerin aller Zeiten.

Weltberühmt: Aretha Franklins "Respect"

Quelle: Youtube/TatanBrown

Wie so viele andere bedeutende Musiker und Musikerinnen, ist Aretha Franklin 1942 in der Musikstadt Memphis, Tennessee geboren, wuchs aber mit ihren vier Geschwistern in der Industriemetropole Detroit auf. Ihr Vater Clarence LaVaughn Franklin, war ein ebenso bekannter wie lautstarker Baptistenprediger. Aretha kam deshalb schon früh mit der Musik der Kirche, mit Gospel, in Verbindung und mit ihr die Vorstellung von Erlösung durch Musik.

Die Mutter war ebenfalls Gospelsängerin, verliess die Familie aber als Aretha sechs Jahre alt war. Mit ihren beiden Schwestern Carolyn und Erma sang sie im Chor der „New Bethel Baptist Church“ ihres Vaters, wurde mit 10 Jahren Vorsängerin und mit 14 Jahren (1956) erschien ihr erstes Album – ein Gospelalbum natürlich.

Inspiriert von Sam Cook liess sie sich im Alter von 18 Jahren aber auf Popmusik ein. Ein Desaster. Das Majorlabel Columbia/CBS kündete sie zwar als „grösste Begabung seit Bessy Smith und Billie Holiday“ an, liess die Hochbegabte aber seichte amerikanische Schlager singen, die weder dem Pop-Standard jener Zeit entsprachen, noch das vorhandene Feuer in Franklins Stimme entfachen konnten.

Musikalische Eröffnung eines Filmfestivals: Aretha Franklin singt nach der Premiere des Films "Clive Davis: The Soundtrack of Our Lives" an der Eröffnung des 16. Tribeca Film Festival.

Musikalische Eröffnung eines Filmfestivals: Aretha Franklin singt nach der Premiere des Films "Clive Davis: The Soundtrack of Our Lives" an der Eröffnung des 16. Tribeca Film Festival.

Der grosse Durchbruch folgte dann 1967, im Jahr des grossen Umbruchs. Gesellschaftlich und musikalisch. Aretha Franklin wechselte zum Label Atlantic und Jerry Wexler. Der renommierte Produzent vermittelte ihr eine Studiosession mit der berühmten Muscle Shoals Rhythm Section und liess den Musikern weitgehend freie Hand. In Aufnahmen in Alabama und New York entstand das Album „I Never Loved A Man The Way I Love You“ – ein Meilenstein der Musikgeschichte und die Geburtsstunde des modernen Soul.

Quelle: Youtube/Rebel Songbird

Der Schlüssel zum Erfolg

Der Schlüssel zum Erfolg war, dass sie sich wieder auf ihre Wurzeln im Gospel besann. Die Songs, die ihr auf den Leib geschrieben wurden oder die sie selbst schrieb, wurden in ein zeitgemässes Kleid gekleidet und  Aretha sang sich die Seele aus dem Leib. „In den Songs verwandelten sich die religiösen Ermahnungen des Gospel in einen sexuellen Kriegsruf“, schrieb „Newsweek“. Ihre Stimme gab eine fast unglaubliche Bandbreite von Emotionen wieder. „Franklin drückte alles aus, was eine schwarze Frau sein konnte“, schrieb Nelson George.

Ikone der Frauenbewegung: «Respect»

Das vermutlich beste Soulalbum aller Zeiten veränderte nicht nur Aretha Franklins Leben. Ihre grandiose Interpretation von Otis Reddings „Respect“ wurde zur Hymne der aufkeimenden Frauenbewegung und Aretha zur Ikone der Bürgerrechtsbewegung und des Feminismus. „Dieses Album ist mehr als Musik“, schrieb Jahre danach die österreichische Schriftstellerin Vea Kaiser. Es habe „dazu beigetragen, dass Frauen all das tun können, was sie heute so tun“ und: „dass Präsident Barack Obama gewählt wurde“.

Rassenschranken

Amerika war wie die ganze westliche Welt im Wandel. Die Rassenschranken wurden abgebaut und es kam zu einer gegenseitigen Annäherung. Das Soullabel Motown mit ihren Aushängeschildern Diana Ross, Stevie Wonder, Michael Jackson und Smokey Robinson richtete sich ganz bewusst auch auf einen weissen Markt und ein weisses Establishment aus. Umgekehrt war gemäss Nelson George „das weisse Amerika mehr als je zuvor bereit, auch echte schwarze Musik zu akzeptieren“. So wurde Aretha Franklin die Erste, die mit schwarzer Musik den weissen Mainstream ohne Zugeständnisse an den Massengeschmack erreichte. Die kompromisslose Sängerin wurde zum Star von Schwarzen und Weissen.

Bis 1972 reihte die Soulsister Nr.1 einen Erfolg an den anderen. Produzierte zwölf Alben und ebenso viele Hits wie etwa „Chain Of Fools“, „Think“ und „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“.

Auch danach blieb die „Queen of Soul“ immer noch gefragt, wie etwa in den beiden „Blues Brothers“-Filmen (1980 und 2000). Ihre Alben und Songs waren aber keine Topseller mehr.

1985 passte sie ihren Sound der Zeit an, wie etwa auf dem Album „Who’s Zoomin You“, und feierte in Duetten mit den Eurithmics (1985: „Sisters Are Doin It For Themselves“), George Michael (1987: "I Knew You Were Waiting (For Me) und im Album „Through The Storm“ (1989) mit Elton John, James Brown und Whitney Houston noch einmal Riesenerfolge. Was „Newsweek“ zum Kommentar verleitete: „Was auch immer sie singen, sie (Aretha) singt besser“.

Quelle: Youtube/TatanBrown

Franklin kehrte immer wieder zu den Wurzeln zurück

Aretha Franklin kehrte im Laufe ihrer Karriere immer wieder zu ihren Ursprüngen zurück, zur Freude ihres Vaters. Besonders eindrücklich im Album „Amazing Grace“, aufgenommen 1972 Live in der New Temple Missionary Babtist Church in den Ghettos von Los Angeles oder One Lord, One Faith, One Baptism, aufgenommen in der New Bethel Church ihres Vaters mit ihren Schwestern Erma und Carolyn sowie der grossartigen Sängerkollegin Mavis Staples. „Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen“, sagte Vater Franklin, „dann hat Aretha die Kirche nie verlassen. Wenn Sie die Fähigkeit zu hören und fühlen haben, dann ist Aretha immer noch eine Gospelsängerin“.

Aretha hatte mit massiven Gewichtsproblemen zu kämpfen. In mehreren Schockdiäten nahm sie jeweils bis zu 40 Kilo ab. Ohne bleibende Wirkung. Ab 2010 nahmen ihre gesundheitlichen Probleme zu und sie musste immer wieder Konzerte absagen. 

Am 16. August starb Aretha Franklin im Alter von 76 Jahren in Detroit an Krebs.

Und so ordnet Musik-Redaktor Stefan Künzli Aretha Franklins Werk ein:

Ihre 10 besten Alben

  1. I Never Loved a Man the Way I Love You (1967)
  2. Aretha: Lady Soul (1968)
  3. Aretha Now (1968)
  4. Soul 69 (1969)
  5. Aretha Live at Fillmore West (1971)
  6. Young, Gifted & Black (1972)
  7. Amazing Grace (1972)
  8. Who’s Zoomin’ Who? (1985)
  9. Aretha (1986)
  10. Through The Storm (1989)

Prominente Verstorbene 2018:

Die 10 besten Sängerinnen

  1. Aretha Franklin (1942 – 2018)
  2. Ella Fitzgerald (1917 – 1996)
  3. Billie Holiday (1915 – 1959)
  4. Mahalia Jackson (1911 – 1972)
  5. Maria Callas (1923 – 1977)
  6. Janis Joplin (1943 – 1970)
  7. Dinah Washington (1924 – 1964)
  8. Tina Turner (78)
  9. Sarah Vaughan (1924 – 1990)
  10. Bessie Smith (1894 – 1937)

Arethas musikalische Töchter

  • Adele (30)
  • Beyonce (37)
  • Amy Winehouse (1983 – 2011)
  • Whitney Houston (1963 – 2012)
  • Alicia Keys (37)
  • Rihanna (30)
  • Christina Aguilera (37)
  • Mariah Carey (48)
  • Mary J. Blige (47)
  • Joss Stone (31)