Kolumne

«Die Sprachstilistin»: Unsere Autorin hat mit gendergerechter Sprache experimentiert – sofort wurde Protest laut

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller. Auch Regionalleiterin und stellvertretende Chefredaktorin des «St.Galler Tagblatts».

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller. Auch Regionalleiterin und stellvertretende Chefredaktorin des «St.Galler Tagblatts».

Odilia Hiller verstand in jüngeren Jahren die Aufregung um weibliche Endungen nicht. Das ist nun vorbei. Die Sprache darf und soll die wachsende Bedeutung von Frauen in herrschenden Machtstrukturen abbilden. Experimente mit überraschendem Ausgang zeigen, warum.

Für den «Gender Intelligence Report 2020» hat die Universität St. Gallen zusammen mit der Gleichstellungsorganisation Advance Daten von 3020'000 Mitarbeitenden aus 75 Schweizer Firmen ausgewertet. Der Bericht beobachtet die Entwicklung des Frauenanteils in der Schweizer Wirtschaft. Das Fazit, einmal mehr: Es tut sich etwas, einfach sehr, sehr langsam.

Anstatt an dieser Stelle die unselige Diskussion zu vertiefen, ob die Frauen allenfalls an allem selber schuld sind, fragen wir uns lieber, was Sprache damit zu tun hat. Überhaupt nichts? Wenig? Viel? Von (männlichen) Lesern wurde ich gebeten, mich zu gendergerechter Sprache zu äussern. Das mache ich gern, dem Risiko zum Trotz, den Erwartungen nicht ganz gerecht zu werden.

Als klassisch ausgebildete Romanistin dachte ich lange: Wo die Französinnen keinen grossen Tanz um weibliche Suffixe und Ähnliches aufführen, müssten es die deutschsprachigen Gefährtinnen doch eigentlich auch nicht.

In Paris fand ich es als junge Frau amüsant, mit «Mademoiselle» angesprochen zu werden. «Madame» wäre schlicht absurd gewesen. Weder war ich eine, noch fühlte ich mich als solche. Nichts deutete darauf hin, dass die Französinnen deswegen weniger selbstbewusst auf die wirklich wichtigen Frauenrechte pochten als ihre Gefährtinnen aus deutschsprachigen Landen. Diese hielten es für nötig, sich schrecklich zu empören, wenn in einem Zeitungsartikel bei Pluralnomen nicht durchgehend die männliche und die weibliche Endung Platz fand. Und «Fräulein» war sowieso längst des Teufels.

Nun werde ich langsam alt, eine Art Madame. Fähig, zu merken, wenn Sprache sich aus guten Gründen wandelt. Und stelle fest: Die Genderfrage hat sich verändert. Sei es nun der Zeitgeist oder wachsende persönliche Erfahrung mit verkrusteten patriarchalen Strukturen – jedenfalls verspüre ich den Drang, beim Schreiben öfter die weibliche Form zu berücksichtigen und damit zu spielen.

So schrieb ich diese Woche in einem Kurs, wo ich die einzige Frau im Raum war, für eine allgemeine Aussage probehalber ausschliesslich von «Chefinnen». Und wurde Zeugin heftigen Protests: Da sei Mann ja dann gar nicht mitgemeint!

Von Frauen wird stets erwartet, sich mitgemeint zu fühlen. «Container und Zelte von Migrantinnen wurden zerstört», lesen wir nirgends, obwohl überall Bilder von Tausenden umherirrenden Frauen und Kindern auf Lesbos vorbeiflimmern. Der «Flüchtling» ist immer männlich, egal, wie man es dreht und wendet. Und wollen Studierende die HSG-Studentenschaft in Studierendenschaft umtaufen, hagelt es Häme aus der Generation Babyboomer.

Der «Gender Intelligence Report 2020» sagt dazu: Die werden bald pensioniert. Eine einmalige Chance für Frauen. Ich sage: Sprache, die in Bezug auf Geschlechterzuordnungen offener wird, kann es allein nicht richten. Aber sie kann helfen. Probieren Sie es aus. Männer mitgemeint.

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