Bilanz
Die Solothurner Filmtage mussten komplett online gehen, das barg auch Chancen – wurden sie gepackt?

Kein Anstehen, keine kalten Füsse, kein Menschentrubel: Am Mittwoch geht der wichtigste Anlass für den Schweizer Film zu Ende. Vier Schlüsse, die sich aus dem Online-Festival ziehen lassen. Unsere Kulturredaktoren ziehen Bilanz.

Daniel Fuchs und Regina Grüter
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Die Festivalstimmung fehlt, aber zumindest pfeift einem nicht der kalte Wind um die Ohren. So sahen die Online-Filmtage wohl bei vielen aus.

Die Festivalstimmung fehlt, aber zumindest pfeift einem nicht der kalte Wind um die Ohren. So sahen die Online-Filmtage wohl bei vielen aus.

Zur Verfügung gestellt

1. Der Ansturm blieb aus. Trotzdem erweitert die Online-Version den Bekanntheitsgrad der Filmtage

Eines vorweg: Ausverkauft waren laut Festivaldirektorin Anita Hugi gerade einmal zwei Vorstellungen. 1000 Eintritte gab es pro online angebotenen Film. Einzig bei den Spielfilmen «Nachbarn» von Mano Khalil und «Wanda, mein Wunder» von Bettina Oberli gingen alle Tickets weg. Der Preis pro Film: 10 Franken.

Fast ausverkauft waren zudem «Beyto» und das Debüt «Von Fischen und Menschen» mit «Wilder»-Kommissarin Sarah Spale. Milo Raus Passionsverfilmung «Das neue Evangelium» war der am häufigsten gebuchte Dokumentarfilm.

Direktorin Hugi darf zufrieden sein mit der vorläufigen Bilanz – noch ist das Festival nicht vorbei. 25'000 Tickets konnten bis anhin vergeben werden, wobei für etwas mehr als die Hälfte kein Geld floss. Sie gingen als Voucher für Sponsoren, Filmschaffende und Journalisten weg.

Kann zufrieden sein mit ihrer zweiten Ausgabe als Filmtage-Direktorin: Anita Hugi.

Kann zufrieden sein mit ihrer zweiten Ausgabe als Filmtage-Direktorin: Anita Hugi.

Christian Beutler / KEYSTONE

Wie die Bilanz finanziell ausfällt, wird sich zeigen. Die Einnahmen fallen wegen der günstigeren ­Ticketpreise tiefer aus, treffen aber auf niedrigere Auslagen aufgrund der gestrichenen Veranstaltungen vor Ort. Rund die Hälfte der täglich bis zu 14'000 Besucher der Festivalwebsite klickte sich laut Direktorin Hugi in das virtuelle Kino. Rückmeldungen haben der Festivalleitung gezeigt: Es sind zum einen die älteren Solothurn-Stammgäste, die sich die Filme anschauten; zum anderen meldeten sich auch junge Leute, die noch nie etwas von den Filmtagen gehört hatten, aber auf das Online-Angebot neugierig wurden.

2. Solothurn büsste trotz Verlagerung ins Netz nichts an seiner Bedeutung für den Schweizer Film ein

Die Solothurner Filmtage sind ein Schaufenster für den Schweizer Film – auch online während einer Pandemie. Und der ideale Ort für hiesige Filmemacherinnen und Filmemacher, ihre Werke zu lancieren, sofern dies nicht an einem anderen Festival bereits geschehen ist. Internationale Festivals wie das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon oder das Locarno Film Festival hatten mehr Mühe, Weltpremieren zu zeigen, oder waren diesbezüglich bewusst zurückhaltend.

Eine Onlineausgabe, war man überzeugt, könne den neuen Filmen nicht zur gleichen Sichtbarkeit verhelfen wie ein physisches Festival. Zu diesem Zeitpunkt der Pandemie war das richtig. Dachte man im Frühling und Sommer noch, die Situation werde sich bald bessern, verschieben Berlin und Cannes jetzt ihre Festivals nach hinten.

Ein weiteres Plus für Schweizer Filme, die in Solothurn ihre Weltpremiere feiern, ist, dass sie für einen Schweizer Filmpreis nominiert werden können. Viele davon sollen im Frühling in unsere Kinos kommen und sind jetzt schon mal in den Köpfen der Leute. Die Hoffnung, dass die Lichtspielhäuser in absehbarer Zeit wieder öffnen können, ist grösser als die auf ein Livefestival. Aber auch Filmen, die letztes Jahr zwangsläufig nur sehr kurz im Kino liefen, versetzt Solothurn nochmals einen Schub.

3. Das Stammpublikum versetzte sich auch im Heimkino in eine Art Festivalstimmung

Es sei schon anders, als wenn man in Solothurn von Kino zu Kino durch die Gassen zöge, einem der kalte Wind um die Ohren brause und man kaum Zeit zum Essen habe, hörte man von treuen Festivalbesuchern.

Viele aber haben aus der Not eine Tugend gemacht und sich im Bereich des Erlaubten zum Filmhappening verabredet: Ein Beamer, eine weisse Wand und ein Glas Wein, das man nicht alleine trinken muss, reichen für ein bisschen Festivalfeeling. Ein Festivalgefühl stellt sich aber auch rein dadurch ein, dass man für sich ein individuelles Programm erstellt. Es versteht sich von selbst, dass einem die persönlichen Kontakte fehlen und die Ablenkungen mehr oder minder gross sein können, wenn man zu Hause vor dem Bildschirm sitzt statt im Kino.

Filmgespräche gehören zu einem Online-Festival. Dasjenige zum Eröffnungsfilm «Atlas» als Beispiel:

Die Filmtage haben die Zuschauer aufgefordert, ihnen Bilder von ihren persönlichen Heimkinos zu schicken. Hier geht es zur Galerie.

Ein Festival definiert sich aber auch über ein Rahmenprogramm, das über das reine Filmerlebnis hinausgeht. Ob Gespräche mit Filmschaffenden im Allgemeinen oder zu den Programmschwerpunkten Filmpionierinnen und Filmkritik im Besonderen: Die Diskussionen waren engagiert und anregend, obwohl hier die sonst so ungezwungene Interaktivität mit dem Publikum an enge Grenzen stiess.

4. Mit der Übertragung des Eröffnungsfilms via TV-Kanäle der SRG gelang dem Festival ein Coup

Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Filmtage verhalf zudem zu mehr Sichtbarkeit: Die Sender der SRG zeigten den Eröffnungsfilm vor einer Woche im Hauptprogramm. Der Tessiner Spielfilm «Atlas» über die schwierige Rückkehr einer Überlebenden eines Terroranschlags in die Normalität sorgte für gute Einschaltquoten – primär im Tessin. Selbst in der Deutschschweiz waren es 64'000 Zuschauer. Daran nicht ganz unschuldig war wohl der «Tagesschau»-Bericht zum Film wenige Minuten vor Beginn. Man darf es als Win-win-Situation bezeichnen.

Die Solothurner Filmtage haben ihre Chance genutzt und ein positives Signal ausgesendet. In einer Zeit, in der es gerade in der Kultur an guten Nachrichten fehlt.