Drama

Die Sehnsucht nach Freiheit und ein Leben für die Katz

The Future - der offizielle Trailer zum Film

The Future - der offizielle Trailer zum Film

Bis 2005 war die US-Performancekünstlerin Miranda July ein weitgehend unbeschriebenes Blatt - dies sollte sich mit ihrem Erstlingsfilm «Me and You and Everyone We Know» schlagartig ändern.

Lobeshymnen der Kritik, internationaler Erfolg und eine breit gestreute Fanbasis hoben sie in Windeseile auf ein gar hohes Podest: Sie hatte mit ihrem intim-skurrilen Erzählstil die passende Sprache für eine neue Generation gefunden oder zumindest genau denjenigen amerikanischen Arthouse-Film gedreht, den zu diesem Zeitpunkt alle sehen wollten.

Sechs Jahre später folgt nun ihr zweiter Spielfilm, an den die entsprechenden Erwartungen geknüpft sind. Wie schon der Vorgänger trägt auch «The Future» wieder einen trügerisch unbescheidenen Titel, aber auch diesmal versteckt sich dahinter ein sehr persönliches, streckenweise gar autobiografisch angehauchtes Projekt, das in einem eng gesteckten Mikrokosmos angesiedelt ist.

Ein seltsames Paar

Kern der Handlung ist die fragile Ehebeziehung zweier entfremdeter Mittdreissiger, Sophie (Miranda July) und Jason (Hamish Linklater). Die beiden verständigen sich in einer Art Kunstsprache und unterhalten sich schon in der ersten Szene lieber über metaphysische Fantasien als über ihr reales Leben. Denn diesbezüglich gibt es - Hand aufs Herz - nicht viel zu berichten: Sophie gibt Kinderkurse an einer Tanzschule, wo sie mit ihrem Hang zum verträumten Ausdruckstanz neben all den Tecktonic-, Footwork- und Shuffle-Freaks eher fehl am Platz wirkt. Und Jason sitzt derweil in der spärlich möblierten Wohnung und erteilt Fernauskunft zu einfachen Informatikfragen, sofern das Telefon überhaupt klingelt.

Auf den ersten Blick sind Sophie und Jason einfach zwei introvertierte, unehrgeizige Slacker. Auf den zweiten Blick jedoch sind sie Menschen, die krankhaft vor jeglicher Verantwortung fliehen und dabei von immensen Zukunftsängsten geplagt sind. Daran soll sich nun etwas ändern, denn die Adoption einer sterbenskranken Katze namens Paw Paw steht ins Haus. Doch nur schon dieser kleine Schritt lässt bei den beiden eine regelrechte Panik aufkommen: Das Tier könnte bei guter Haltung noch ganze fünf Jahre leben, ergo wären Sophie und Jason dann 40 Jahre alt und ihr freies Leben wäre abgehakt. So viel befürchten sie zumindest, in einem von vielen absurden Dialogen.

Magie im Alltag

Bis nun aber Paw Paw im Tierheim abgeholt werden kann, wollen sich die beiden voll und ganz ihrer individuellen Erfüllung widmen: Beide schmeissen ihren Job, Sophie tanzt nur noch zu Hause für Youtube via Webcam, und Jason wird zum erfolglosen Haustürvertreter in einer erfolglosen Umweltorganisation. Zudem wittert Sophie ihre letzte Chance auf einen Seitensprung ... Natürlich ist das alles sehr deprimierend. Wer will schon zwei Quasi-Autisten dabei zusehen, wie sie selbst verschuldet ihr kärgliches Leben verbocken? Beide Figuren mögen zwar menschliche Unsicherheiten verkörpern, wie wir sie kennen und bekämpfen müssen, aber in dieser gebündelten Form taugen Sophie und Jason nur noch bedingt als Identifikationsfiguren.

Miranda July geht es allerdings nicht allein darum, die Trübsal der Entfremdung zu blasen. Sicher erzählt sie eine traurige Geschichte, aber sie bemüht sich dabei auch redlich, diese bittere Grundlage mit lebensbejahenden Zeichen aufzulockern. Da ist einerseits eine diffuse Form von schwarzem Humor, die das Geschehen oft erträglicher macht, und andererseits Miranda Julys eigentliche Spezialität: die zauberhafte Überhöhung ihres Stoffes.

Das Fantastische dringt wie selbstverständlich in diese Geschichte ein und begleitet sie von der ersten Szene an: Sophie hat - vielleicht - telekinetische Fähigkeiten, und Jason kann - vielleicht - die Zeit anhalten. Und da ist auch noch die wartende Katze Paw Paw: Sie kommuniziert persönlich mit dem Publikum, aus dem Off, ebenfalls gesprochen von Miranda July in einer betont schrulligen Stimme.

Die Sinnfrage umdrehen

Diese und zahlreiche andere bizarre Einfälle machen aus «The Future» ein höchst unkonventionelles, manchmal vergnügliches, aber qualitativ auch ziemlich durchzogenes Werk. Den Film zu deuten, bleibt schliesslich dem Publikum überlassen - wofür etwa die übernatürlichen Kräfte stehen mögen oder ob Paw Paw als Symbol für einen Schwangerschaftswunsch eingebaut wurde. Zum Schluss kann man diese völlige Offenheit der Sinnfrage umarmen oder die Münze umdrehen und sich fragen, ob July nicht einfach mit forcierter Originalität von ihrem larmoyanten Grundton abzulenken versucht.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1