«Wir brauchten einen Namen, wie eine Band. So fuhren wir 1969 als ‹Aarau I› in Zürich ein». So erzählt Markus Müller, einer der Protagonisten der Schweizer Pop-Art-Szene, vom Erfolg der vier Aarauer Ziegelrain-Künstler. Mit Lokalstolz habe der Band-Name gar nichts zu tun: «Wir stammten zufällig aus der Region, und als Christian Rothacher 1967 in der alten galvanischen Fabrik in Aarau Atelierraum für alle fand, arbeiteten wir am Ziegelrain.» «Es war dreckig und versifft, aber hier entstand dank der Gemeinschaft Neues», erinnert sich Max Matter, «weil die Stimmung anregend war und vor allem weil Material, Werkzeug und Platz zur Verfügung standen.» So experimentierte er bald mit Spraydosen, Klebebändern, Plexiglaskuppen oder Kellco-Platten.

Werke von Matter, Müller und Rothacher sind aktuell in der Ausstellung «Swiss Pop Art» im Aargauer Kunsthaus zu sehen. Dort wollten am Mittwochabend gegen hundert Leute von Markus Müller und Max Matter hören, wie es damals war, als die Funken stoben und Aarau eine Keimzelle der jungen Kunst war. Moderator Stephan Kunz lieferte souverän die historischen Fakten, die Künstler die Erinnerungen, Erklärungen und Anekdoten. Kurzweilig wars. Aber vor allem staunte man darüber, wie die Kunstszene vor wenigen Jahrzehnten noch so anders tickte.

Unglaublich jung

Die Protagonisten waren jung, unglaublich jung, stellte Kunz fest. Sie besuchten gerade erst die Kunstgewerbeschule. Matter in Basel («weil ich die Matur hatte»), Müller, Suter und Rothacher in Zürich («weil wir keine Matur hatten»). Aber sie alle mussten zeichnen, zeichnen, zeichnen. Das galt für angehende Zeichenlehrer als das einzig Richtige. «Amerikanische Signalkunst in der Kunsthalle war für die Lehrer das Ende der Kunst, für uns das aufregend Neue», erinnert sich Matter.

Rothacher landete in Zürich zufällig bei einem anderen Lehrer, bei Hansjörg Mattmüller, der sich 1965 von der Kunstgewerbeschule verabschiedete und die F+F Kunstschule gründete. So konnte er seinen Kollegen von Experimenten, vom Neuen erzählen.

Müller als ausgebildeter Lithograf wollte malen, nicht zeichnen. Er flüchtete nach Urbino, malte Fischerboote und Autos ab Prospekten. Auch Matter reiste nicht zu seinen Sujets: «Schloss Chillon war zufällig auf der Caran- d’Ache-Schachtel, Landschaften fand ich im Postkartenständer am Kiosk, die Inspiration für futuristische Bauwerke in Architekturzeitschriften.» So farbig, so peppig die Bilder erscheinen, Matter agierte kritisch und ironisch, wenn er Schloss Chillon mit der Autobahn und Mirage-Flugzeugen paarte oder den Bauboom am Aarauer Hungerberg als Postkartenidyll darstellte.

«In den 1960er-Jahren fand ein Paradigmen- und Generationenwechsel statt», stellte Kunz fest. In der Schweiz habe man die neuen Tendenzen spät aufgenommen, aber die Documenta in Kassel 1968 habe Pop Art breit gezeigt. «Dorthin machten wir einen Betriebsausflug», erzählte Müller lachend. «Es war toll und bestärkte uns.»

Am Erfolg nicht interessiert

Dass die vier in der Galerie Palette in Zürich als «Aarau I» ausstellen konnten, sei Zufall gewesen. «Ein Aarauer Sammler schleppte den Galeristen zu uns.» Der verkaufte so ziemlich alles, was die Künstler – Max Matter, Markus Müller, Christian Rothacher und Hugo Suter – anlieferten. Das war nun aber kein Zufall, war in der Schweiz solch neue Kunst doch Mangelware.

Der Markt-Erfolg beflügelte die Künstler aber nicht etwa, so weiterzumachen. Im Gegenteil: Markus Müller fand schon 1970, er habe genug Autos, Motorräder, Boote und Badehosen gemalt. Max Matter schreckte der Erfolg geradezu ab. «Als eine meiner Lichtkuppeln im Hallenbad einer Zürichberg-Villa aufgehängt wurde, weil die reiche Witwe fand, das hinterleuchtete Bild spiegle sich so schön in ihrem Pool, hat mir das abgelöscht.» Die noch vorhandenen Plexikuppeln im Atelier liess er unbemalt liegen. Adieu Pop Art, also. Es war wieder Zeit für neue Experimente. Gut nur, haben die Werke in den Kellern von Museen und an den Wänden von Privathäusern überlebt.

Swiss Pop Art Aargauer Kunsthaus, bis 1. Oktober.