Literatur

Die Schweizer Autorin Zora del Buono deckt bei der Romanrecherche ein dunkles Familiengeheimnis auf

Die Schriftstellerin, Architektin und Redaktorin Zora del Buono mit ihrem Hund Mica vor dem Pavillon Le Corbusier in Zürich.

Die Schriftstellerin, Architektin und Redaktorin Zora del Buono mit ihrem Hund Mica vor dem Pavillon Le Corbusier in Zürich.

Die Schweizer Autorin Zora del Buono wird seit Jahren unterschätzt. Auch, weil die Schweiz so selten in ihren Büchern vorkommt. Nach ihrem neuen Familienroman sollte man sie unbedingt ernst nehmen. Eine Begegnung in Zürich.

Wäre die alte Frau, die auf den letzten sechzig Romanseiten völlig unerwartet in eine wütende Litanei über eine ungerechte Welt ausbricht, ein Mann, das Urteil der Leserschaft wäre gefällt: Da brüllt ein alter weisser Patriarch am Ende seines Lebens den Zorn über den Verlust seiner Privilegien in die Welt. Doch so einfach ist es nicht. Denn diese angry white woman hat Grund zum Zorn. Für die Privilegien, die ihr genommen wurden, hat sie gekämpft. Auf über 300 Seiten haben wir ihren Aufstieg vom slowenischen Dorfkind zur italienischen Arztgattin verfolgt. Drei Geburten miterlebt. Sie und ihre Familie durch zwei Weltkriege begleitet. Haben gesehen, wie die glühende Tito-Verehrerin als Hausdame eines kommunistischen Intellektuellezirkels an der Weltgeschichte mitschrieb, Faschisten bekämpfte und ihre Familie opferlos durch Weltkriege bugsierte.

Und dann das. Die brillante Erzählarchitektin Zora del Buono (57), die vor ihrer Schriftstellerinnenkarriere das Nachwende-Berlin mit aufbauen half, wirft uns am Ende dieses bislang so ruhig dahinplätschernden Familienromans mit seinem breiten Figurenpersonal völlig überraschend aus der Bahn: Ein Verbrechen passiert, der Verrat an den eigenen Idealen hebt das Schutzschild der Familie auf, und ein Del Buono nach dem anderen stirbt bei einem Autounfall. Das geht über Jahrzehnte. Und das ist nicht nur literarisch ein genialer Kniff, sondern leider auch ein trauriger Fakt. Zora del Buono erzählt im Roman «Die Marschallin» nichts weiter als die Geschichte ihrer Familie. Vater Manfredi del Buono starb auf einer Schweizer Autostrasse, da war die Autorin acht Monate alt.

Zürich war für sie
der langweiligste Ort der Welt

Vielleicht, sagt del Buono, die von ihrer Grossmutter nicht nur den Namen, sondern auch die roten Haare, das Temperament («im Alter ist es besser geworden») und den Gestaltungswillen geerbt hat, vielleicht war diese in der Verwandtschaft nur mit Seufzern angedeutete und erst mit diesem Roman restlos aufgeklärte Tragödie der Grund, warum sie als Architekturstudentin in den 1980ern nach Westberlin floh. Anders als ihre verschwiegenen Verwandten und die über ihre Nazi-Vergangenheit sich damals noch ausschweigende Schweiz beschäftigten sich die Deutschen obsessiv mit ihrer Kriegsschuld. «Ich hielt Zürich für den langweiligsten Ort der Welt», sagt sie. In Berlin hingegen war Vieles noch Geheimnis, hier fand das Leben im Untergrund statt. Und das Untergründige, Verborgene, dazu gehören auch ausschweifende sexuelle Fantasien, gestaltet seit Jahren del Buonos Romane mit. Dass die Schweiz lange Zeit nur wenig von ihr Notiz nahm, hat auch damit zu tun, dass die Handlungsorte ihrer Bücher keine Schweizerischen waren: Sie spielen in Deutschland, den USA, nicht in einem Berner Dorf oder am Finanzplatz Zürich. Man ignoriere sie wohl auch, weil sie nicht hier lebt, hat Alain Claude Sulzer mal gemutmasst. Der Autor hat del Buono, die erst jenseits der Vierzig literarisch aktiv wurde - davor war sie Architektin, Szenografin und Redaktorin der von ihr mitbegründeten Meereszeitschrift Mare - auf ihrem Weg früh unterstützt.

Er sollte Recht behalten. Als ein Jahr vor der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels eine «Gotthard»-Novelle von ihr erschien, schenkte man ihr plötzlich mehr Aufmerksamkeit.

Manfredi del Buono mit seiner Tochter Zora kurz vor seinem Unfalltod.

Manfredi del Buono mit seiner Tochter Zora kurz vor seinem Unfalltod.

Ihr Romandebüt «Canitz’ Verlangen» aus dem Jahr 2008 fusst ebenfalls auf einem Trauma: Ende des Zweiten Weltkriegs verübten in der Kleinstadt Demmin in Vorpommern Hunderte Menschen aus Angst vor den einmarschierenden Russen kollektiven Selbstmord. Niemand sprach darüber. Bis Zora del Buono diesen Roman schrieb, der mit einer Wasserleiche seinen Lauf nimmt und an einer Lesung in Demmin die gehemmten Zungen der Menschen lockerte. Vor den Augen der Autorin fingen die Überlebenden an, sich zum ersten Mal über das Erlebte auszutauschen. «Das Buch hat sich zwar nicht gut verkauft, aber ich fand dann trotzdem: Allein für diese Lesung hat es sich gelohnt», so del Buono Urprünglich hatte sie eine Kulturgeschichte der Wasserleiche schreiben wollen. «Doch ich hatte beim Schreiben schnell so einen süffisanten Tonfall drauf, der wurde dem Thema nicht gerecht.» Zu sehr war es ihr auf den Keks gegangen, dass schreibende Männer zu allen Zeiten Frauen ins Wasser schickten, um sich von ihren Sünden reinzuwaschen.

Uralten Bäumen
ihre Geschichten abgelauscht

Dunkle Geheimnisse drängen sich bei der Autorin, die vielleicht auch deshalb so ein befreites Naturell hat, auch in ihren späteren Texten geradezu auf. Im Südstaatenroman «Big Sue» ebenso wie in ihrer «Gotthard»-Novelle, die minutiös wie ein getakteter Zugfahrplan und hoch erotisiert Einzelschicksale an der Neat-Baustelle miteinander verknüpft. Selbst das 2015 erschienene Reisebuch «Das Leben der Mächtigen – Reisen zu alten Bäumen» war von einem düsteren Kapitel der Menschheitsgeschichte inspiriert. «Auf einer historischen Plantage im US-Bundesstaat Georgia sah ich diese uralte Eiche, die schon vor Kolumbus da stand. Wir Menschen erfinden die Sklaverei und schaffen sie wieder ab, und diese Eiche steht immer noch da, das hat mich fasziniert», so del Buono». Jetzt, nach etlichen Umwegen durch den Untergrund der Menschheitsgeschichte, hat sie sich mit «Die Marschallin» endlich an den Kern des familiären Traumas herangewagt.

Und Zürich? Nach vielen Jahren Berliner Luft, die durch Finanzspekulanten dicker geworden ist, hat sich die Autorin mit Zürich ausgesöhnt. Seit zweieinhalb Jahren lebt sie vermehrt hier, kümmert sich um ihre alte Mutter, eine gebürtige Aargauerin. Die Chinawiese am See ist das Revier ihres Hundes Mica, eines neapolitanischen Strassenhundes. Seine drei Vorgänger und zwei Katzen stehen eingeäschert auf del Buonos Bücherregal.

Als anfangs Jahr die Coronapandemie ausbrach, habe sie Berlin in einem Mietwagen fluchtartig in Richtung Zürich verlassen. «Ich fühlte mich wie eine alte Maus, die zum Sterben nach Hause möchte», sagt sie heute. Nur mit dem Gestus vieler Reichen hier, gar keine gerechtere Welt zu wollen, hadert die Frau, die familienlose Hunde rettet und während der Flüchtlingskrise einen Syrer bei sich aufnahm. «Ich kann nicht verstehen, dass man die Welt nicht verändern will.» Ihre Grossmutter hätte ihr bestimmt mit einem energischen «Sì» zugestimmt.

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Autor

Julia Stephan

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