Sie wirkt, als sei sie der letzte nicht gehetzte Mensch auf der westlichen Hemisphäre. Ihr vorderer Hirnlappen ist entspannt. «So what.» Sie klappt den Deckel ihres bunt beklebten Laptops auf und rappt dieses Lied. Darin fahren die Züge zwar pünktlich, aber nirgendwo hin. Vielleicht werde die nächste EP, dieses Plattenformat mit einer Handvoll Lieder, vor der Geburt ihres dritten Kindes, Mitte März, fertig, vielleicht nicht. «Ich mache mir da keinen Stress.» In letzter Zeit habe sie «mehr Kinder gemacht als Musik».

Big Zis: «Niil» vom Album «Und jetzt ... was hät das mit mir z tue?»

Big Zis: «Niil» vom Album «Und jetzt ... was hät das mit mir z tue?»

12.45 Uhr in der Aula des Gymnasiums Oberwil, Big Zis öffnet eine Pizzaschachtel. Die Zürcher Rapperin, die eigentlich Franziska Schläpfer heisst, ist diesen Monat öfter hergereist, um mit 14 Schülerinnen und Schülern an einem Workshop Texte für die Eröffnung des Lyrikfestivals in Basel zu erarbeiten. Jetzt stellt sie sich weiteren Jugendlichen vor, die meisten stehen elf Wochen vor der Matura.

Häuser besetzt, Lieder gerappt

Als sie selbst noch Gymnasiastin war, ist Franziska Schläpfer drei Jahre vor der Matura «herausgefault». Sie nahm einen zweiten Anlauf, 10. Schuljahr, selbstfinanziert. Irgendetwas lief schief, sie mag nicht ins Detail gehen, «es war nicht ok». Noch ein Schulabbruch. Sie lebte auf dem Zürcher Wohlgroth-Areal, «das grösste besetzte Gebiet Europas»; als es aufgelöst wurde, zog sie durch die Stadt, von besetztem Haus zu besetztem Haus. «Ich habe dabei viel gelernt.»

Dann doch so etwas wie Zukunftsängste. Sie lernte Zimmerin. Aber schon vor dem Abschluss wusste sie, dass diese Arbeit ihren Körper zu sehr strapazieren würde. Wieder zurück in die Schule, dann endlich die Matura – «natürlich mit Bestnoten», sagt sie augenzwinkernd. Sie begann zu studieren, Philosophie und Filmwissenschaften. Und wurde schwanger. «Schön blöd.» Sie lacht. «Aber man kann auch mit 60 zurück an die Uni, mal sehen.»

Nur an einer Sache ist Big Zis immer drangeblieben, seit sie 14 Jahre alt ist: An der Musik. Damit verbunden: Am Texte schreiben. Sie könne nicht singen, so habe sie gerappt. Am Anfang war sie eine der ersten Frauen, die sich das trauten. Sie spielte mit dem Genre, parodierte das Machogehabe, verkehrte Rollenbilder, warf sich als Mackerin in Pose. Und erntete viel Hass. «Die Leute haben mir bei den Konzerten den Finger gezeigt und Sachen raufgeschmissen.» Offenbar kannten die Hip-Hopper keinen Spass, wenn es um ihre Streetcredibility ging. Inzwischen habe ihr Publikum sie gefunden. Der Ruhm auch. Als «beste Rapperin der Schweiz» wurde sie 2009 bezeichnet, als ihr drittes Album herauskam: «Und jetz . . . was hät das mit mir z tue?».

Big Zis trägt eine lindgrüne Trainerhose zum hellroten Sweatshirt, drunter lugt etwas Hellblaues hervor, in den Turnschuhen stecken pinkfarbene Socken. Eine kleine, sehr schwangere, sehr bunte Frau. Sie hat sich noch nie vormachen lassen, was passt und was nicht, wann man was wie macht, in welchem Alter, als welches Geschlecht. «Dörf alles», hiess ihr zweites Album. Es gibt keine Regeln, nicht im Leben, nicht in der Kunst, erst recht nicht in der Sprache der Kunst. «Vieles bei ihr könne «im völligen Dilettantismus anfangen», sagt sie den Schülern. Und manchmal auch darin enden. «Ich habe überhaupt nichts gegen Fehler und unfertige Sachen.»

13 Clips in 13 Wochen

In der Pizzaschachtel liegen gar keine Pizzas, sondern die bisherigen zwei EPs. Von einer befreundeten Künstlerin, Tika, gestaltet; eine aus Holz, die zweite aus Glas. Manchmal kann Big Zis auch perfektionistisch sein. Und sehr schnell. Für die letzte CD drehte sie zu jedem Lied einen Videoclip: 13 Clips, in 13 Wochen, für 8000 Franken. Sie und ihr Team seien fast draufgegangen dabei. Doch der Einsatz ihres Lebens hat sich gelohnt: Verspielt, verquer und lustig sind die Clips geworden.

Mit ihrem runden Bauch erinnert Big Zis nun an den Clip, in dem sie im Kreisssaal hochschwanger auf einem Rollstuhl rotiert, das Telefon verzweifelt ans Ohr gedrückt. Doch da will einer partout nicht abnehmen, obwohl: «Ich han nie es probleem ghaa mit dinere schwöschter, Ich han nie es probleem ghaa mit dine töchtre, ich han nie es Problem gha....» Usw. die ganze Verwandt- und Bekanntschaft, zählt sie auf, inklusive Hamlet, der nun, einen Schädel in der Hand, um die Gebärende schweift und den Arzt erdolcht. Sie gebiert einen Biber.

Sie wird hoffentlich noch manches gebären, auch wenn sie vor 20 Jahren dachte, sie würde schön nach 10 weiteren mit dem Rappen aufhören müssen, altershalber. Jetzt, mit 38, sagt sie: «Ich befinde mich noch in der Entwicklung.»