Südafrika

Die Politik reist mit: Auf den Besuch im spektakulären neuen Kunstmuseum folgt die Safari

Das neue Museum in Kapstadt ist spektakulär. Eingeprägt haben sich unserer Kulturredaktorin auf ihrer Reise durch Südafrika auch aktuelle Diskussionen – und die Begegnung mit den jungen Löwen.

Steigt man vor diesem Bau aus dem Auto, muss man erst mal auf Distanz gehen, um ihn zu sehen. 42 runde Betonsilos bilden ein Geviert, ein Turm ragt in die Höhe. Darüber glänzt ein Kranz von riesigen, gewölbten Scheiben blau in der Sonne Kapstadts. Eine spektakuläre Mischung aus Industrieromantik und moderner Architektur. Dieser Bau an Kapstadts Waterfront soll für Kunst- und Architektur-Enthusiasten die neue Adresse auf der Weltkarte werden.

Letzten Herbst wurde das MOCAA, das Zeitz Museum of Contemporary Art Africa, eröffnet. Es rühmt sich, das erste und grösste Museum für aktuellste Kunst des afrikanischen Kontinents zu sein. Oben im verglasten, eckigen Turm befindet sich das Silo-Hotel. Hier herrscht Luxus pur. Mein «Zimmer», eine zweistöckige Suite, überfordert mich fast, aber die Aussicht auf den Tafelberg und das Hafenviertel ist überwältigend.

Rundum locken in den putzig restaurierten Hafenanlagen Läden, Restaurants und Ausflüge nach Robben Island, zur Gefängnisinsel, wo Nelson Mandela über 20 Jahre einsass. Der erste schwarze Präsident ist auch vier Jahre nach seinem Tod präsent. Unser Fahrer Jack erzählt mit Hochachtung von ihm, nicht nur weil Mandela vom Kap stammte.

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Wie es in Südafrika politisch weitergeht, ist ungewisser denn je. Die Erleichterung war gross, als im Februar Präsident Jacob Zuma Platz machte für Cyril Ramaphosa. Doch der weckt mit der Ankündigung, weisse Farmer zu enteignen, neue Ängste. Unter Zuma verlor die Wirtschaft, dafür blühte die Korruption. In Kapstadt wartet man seit Jahren auf Entsalzungsanlagen. Die Wasserknappheit ist das Thema der Stunde. Man spart jeden Tropfen – und bleibt doch erstaunlich entspannt.

Die aktuelle Politik und die Frage, wie sich das Erbe der Apartheid, das zählebige Ungleichgewicht zwischen Weiss und Schwarz, ausgleichen lässt, begleiten uns auf der ganzen Reise. Selbst beim MOCAA sorgte das für Diskussionsstoff: Ausgerechnet das Museum für afrikanische Kunst werde von einem Briten (Architekt Thomas Heatherwick) gebaut, von einem deutschen Sammler (Ex-Puma-Chef Jochen Zeitz) bestückt und von einem weissen Südafrikaner (Mark Coetzee) kuratiert, monieren Kritiker.

Dass Zeitz seinen Namen dem Museum voranstellt, obwohl er ihm seine Sammlung für maximal 20 Jahre überlässt, trübt den spendablen Eindruck.

Kathedrale und White Cubes

Aber gehen wir rein ins MOCAA. Die aufgeschnittenen Silotürme bilden eine mächtige Halle. Architekt Heatherwick formte das Innere nach einem Maiskorn, das er hier gefunden hatte. Form, Höhe und Lichteinfall sind beeindruckend – eine Kathedrale der Kunst. Rohre und rostige Schieber sorgen für den industriell-romantischen Kontrapunkt zum perfekten Weiss-Grau der neuen Innenausbauten und den runden Glasliften. Rund 36 Millionen Franken hat der Bau gekostet: eine stolze Summe für Südafrika.

Auf 6000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, in 100 White Cubes, werden Wechselausstellungen und Teile der Sammlung präsentiert. Sich eine Übersicht zu verschaffen, ein Ordnungsprinzip zu finden: schwierig bis unmöglich. Aber es gibt hervorragende Werke zu entdecken.

Die bunten fotografischen Inszenierungen mit Zebra, Ballons und südafrikanischen Mythen von Ahti-Patra Ruga sind Augenfänger wie die fotografischen Masken aus Elektrobauteilchen von Cyrus Kabiru (Kenia) und der Weltkarten-Wandteppich aus goldigen Etiketten von El Anatsui (Ghana). Sie bringen Traditionen und westliche Vorstellung von Kunst spannungsvoll zusammen. Von Unterdrückung handelt Mary Sibandes vielfigurige Kriegerinstallation, von Emigration die Zeichnungen von Julien Sinzogen (Benin).

Austern und Chakalaka

Auf einer Food-Tour durch Kapstadt erzählt Guide Pamela vom Aufschwung der Stadt seit dem Ende der Apartheid 1994. Im gefragten Quartier an der Bree Street herrschten vor 20 Jahren «Ratten so gross wie Katzen». Erst nach einer Amnestie durch Mandela holten die Reichen ihr Geld aus dem Ausland zurück («wir kennen die Schweiz gut!») und investierten wieder im eigenen Land.

Heute verlustiert man sich hier bei exklusivem Käse und Speck, biologischem Kaffee, an Austern und Bubbles (Champagner). Auffällig ist die Herkunft der innovativen Food-Unternehmer: Europa. Welch ein Unterschied zu Sandile’s Imbissbude am Busbahnhof. Dort verpflegt man sich günstig und gut mit dem Brei Samp & Beans und dem Gemüse-Eintopf Chakalaka oder kauft bei den Rasta-Men Medizin aus Wurzeln, bevor man die Reisen ins Umland antritt.

Immigration der Tiere

Unsere Reise führt ins Weingebiet und nordwärts per Flugzeug und Kleinbus in den Nationalpark Madikwe. Der Park an der Grenze zu Botswana wie die Buffalo Ridge Safari Lodge sind Entwicklungsprojekte: Das übernutzte, aber ertragsarme Farmland wurde in den 1990er-Jahren renaturiert. Im Rahmen der Operation Phoenix wurden seither mehr als 8000 Tiere, darunter ganze Elefantenherden, hierher umgesiedelt.

Die Lodge, erklärt ihr Leiter Godfrey, gehört dem benachbarten Dorf der Balete. Sie bietet Arbeitsplätze und vor allem Ausbildung. Dass wir in einem Entwicklungsprojekt übernachten, merken wir nicht: Essen wie Einrichtung sind hervorragend. Jeder schläft in seinem gediegenen Bungalow, aber nicht bei allen steht am Morgen um halb fünf Uhr ein Büffel als Hindernis vor der Tür.

Impressionen von der Safari in Südafrika

Impressionen unserer Kultur-Redaktorin von ihrer Safari in Südafrika

Werden wir die «Big Five» sehen? Elefant, Nashorn, Löwe, Büffel und Leopard? Er könne nichts garantieren, erklärt Ranger Franco, und staunt selber, als nach wenigen Kurven schon eine Giraffe über die Büsche grüsst und eine Gruppe Zebras unseren Weg kreuzt. Wir fahren im offenen Safari-Wagen über Kieswege und Holperpisten, spähen über die Dornenbüsche und Hecken ins mal grüne, mal braune Grasland. Da Elefanten! Und dort zwei Nashörner! Wohin den Fotoapparat richten?

Man muss sich schnell entscheiden, denn Mutter und Kind Elefant wie auch das Nashornpaar drehen uns bald den Hintern zu. Das wird zur Standard-Foto-Ansicht. Denn auch die zierlichen Impalas und die zotteligen Blauböcke finden, ihre Rückseite reiche als Sujet für Safari-Touristen.

Weitere Bilder von der Safari in Südafrika: 

Anders die grosse Herde Büffel: Sie lässt sich durch unseren Wagen nicht aus der Ruhe bringen. Erst kommt das Fressen, dann die Flucht, ist man versucht zu frotzeln. Und liegt bei den Löwen mit dem Motto ziemlich daneben. Denn weder die Löwenmamas noch ihre Kinder oder die zwei mächtigen Männchen, die ausgiebig gähnend zwischen den Büschen auftauchen, sich ein Schattenplätzchen suchen, denken an Flucht. «Sie haben einen ganzen Büffel gefressen», erklärt Franco, «zur Flucht sind sie zu müde.»

Unser Glück. Sie spazieren am Wagen vorbei zum Wasserloch, die Kleinen purzeln fast rein, die Mütter schauen besorgt, die Väter schlafen. Nach drei Game Drives, Touren, kann ich bilanzieren: Ausser einem Leoparden sah ich alles inklusive Geier, Schakale, Hyänen, Adler… Politik und Probleme sind hier weit weg.

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