Kulturförderung

Die obersten Basler Kulturförderinnen im Clinch: «Die Situation hat sich verschärft»

Sonja Kuhn und Katrin Grögel haben die Co-Leitung des Basler Amts für Kultur inne.

Sonja Kuhn und Katrin Grögel haben die Co-Leitung des Basler Amts für Kultur inne.

Sonja Kuhn und Katrin Grögel von der Abteilung Kultur Basel über Forderungen, Förderung und die Corona-Krise.

Anfangs Jahr wurde die Debatte um Musikförderung an mehreren Fronten geführt: Die IG Musik Basel trat in Erscheinung und forderte die Gleichbehandlung aller Genres, die Trinkgeldinitiative wurde konkret, und die kleineren Klassik-Orchester meldeten Bedarf an. Ein im März geplantes Interview mit Katrin Grögel und Sonja Kuhn fiel dem Lockdown zum Opfer. Beim zweiten Anlauf ist die Themenpalette um die Krise erweitert.

Hat Corona die Debatte um Förderung zum Erliegen gebracht?
Sonja Kuhn: Nein, aber die Ausgangslage hat sich verändert. Wegen Corona rücken Themen wie die soziale Sicherheit stärker in den Fokus. Wer übersteht diese Krise? Wie sieht die Kulturwelt aus, wenn die Krise überstanden ist?
Katrin Grögel: Und die Krise ist überhaupt nicht überstanden. Im März sind wir alle davon ausgegangen, dass wir nach drei Monaten Lockdown zu einer Normalität zurückkehren. Nun zeichnet sich ab, dass das nicht so sein wird.

Sind die längerfristigen Auswirkungen schon abschätzbar?
Kuhn: Corona hat vor allem offen gelegt, wie verletzlich die Kulturszene ist, und in welch ungesicherten Verhältnissen viele Kulturschaffende arbeiten. Erschwerend kommt dazu, dass in der Kultur der Planungshorizont ein sehr weiter ist: Viele Kulturschaffende wissen im Moment nicht, ob und wann sie wieder Engagements bekommen.

Das ist an sich nichts Neues.
Kuhn: Ja, aber die Situation hat sich verschärft. So konnte man sich in der Musik vor einigen Jahren noch mit Tonträgern ein Einkommen erwirtschaften. Das ist aber weggefallen. Damit ergibt sich eine enorme Abhängigkeit vom Live-Betrieb. Und der ist in der Krise fast komplett eingebrochen.

Gleichzeitig ist der Bevölkerung in der Krise erst bewusst geworden, was sie an der Kultur haben.
Grögel: Das ist in jedem Fall so. Man sieht das am enormen Zuspruch, den die Veranstalter nun erleben, die noch vor der Sommerpause ein ad-hoc-Programm bieten. Und man spürt die Freude und Erleichterung der Kunstschaffenden, wieder spielen zu können.
Kuhn: Die Kreativität zeigte sich ja auch während der Krise, nun zeigt sich auch die Dankbarkeit des Publikums wieder.


Nun kann man mit Dankbarkeit keine Rechnungen bezahlen. Entsprechend hinterfragt die IG Musik Basel das Ungleichgewicht bei der Musik-Förderung.
Grögel: Die Stossrichtung der IG Musik Basel hat sicherlich diese soziale Komponente, aber ich lese da vor allem einen qualitativen Anspruch, den auch wir wichtig finden. Die IG betont, dass es in allen Genres und Sparten hochwertiges Schaffen gibt. Und das soll entsprechend wahrgenommen, wertgeschätzt und mit den nötigen Rahmenbedingungen versehen werden.

97% der Basler Musikförderung fliessen in die Klassik. Sind die Notleidenden aktuell vor allem Musiker aus den übrigen Genres?
Grögel: Nein, das ist nicht so. Auch die Klassikmusikerinnen sind zum Teil nicht fest angestellt und nun nicht über Kurzarbeit entschädigt. Auch muss man sehen, dass viele Musiker nicht nur in ein Genre fallen. Es kann sein, dass ein Film- oder Theatermusiker nebenher in einer Band spielt. Oder dass ein Jazzer auch mit einem Ensemble für neue Musik unterwegs ist. Diese Trennung nach Sparten, wie sie sich im Finanzplan der Jahresrechnung der Abteilung Kultur abbildet, spiegelt nicht die Realität vieler Musikschaffender.

Das bestätigt dann die Stossrichtung der IG bestätigen. Mit anderen Worten: Die Beatles sind gleich wichtig wie Beethoven...
Kuhn: Das unterschreiben wir übrigens uneingeschränkt.

Also ist der Gap in der Finanzierung doch umso eklatanter. Gibt es von Seiten der Kulturpolitik einen Willen und eine Strategie, um ihn zu schliessen?
Kuhn: Unser Auftrag ist, zeitgemäss zu fördern. Die Herausforderung liegt darin, historisch Gewachsenes verantwortungsvoll in neue Förderformate zu überführen. Dieses Ziel haben wir uns klar gesetzt.

Aber?
Kuhn: Wir können und wollen nicht ­ignorieren, dass wir in einer Stadt leben, die als Musikstadt eine Tradition hat. Und diese ist etwa an die Musikakademie oder an die Paul-Sacher-Stiftung geknüpft. Das wollen wir weiterführen, ohne die anderen Bereiche zu vernachlässigen.

Viele Musikgenres fühlen sich aber vernachlässigt.
Kuhn: Wir müssen und wollen uns ­weiter öffnen. Der Jazzcampus etwa ist eine neuere Errungenschaft, die entsprechende Szene blüht gerade auf. Für den Bereich Jazz sieht das Kulturleitbild bereits ein neues Fördergefäss vor. Ich erkenne aber Unterschiede in der Wahrnehmung der Stile: Das verbreitete Klischee besagt, dass ein Klassikmusiker auf ein Konservatorium geht, ein Popmusiker dagegen seine Kunst eher so nebenbei macht. Dieses Bild gilt es auf jeden Fall zu hinter­fragen.
Grögel: Man muss auch sagen, dass nicht alles, was in den Bereich der «Alten Musik» fällt, eine lange Fördertradition hat. Ensembles für Barockmusik etwa werden in Basel noch nicht lange explizit gefördert. Wir sehen es als Teil unseres Jobs, solch positive Dynamiken zu erkennen und die Förderung entsprechend weiterzuentwickeln.


Sie sprechen die unlängst erweiterte Förderung der kleineren Orchester an. Als Betrachter bekommt man das Gefühl, das es für solche Anliegen eine politische Lobby gibt, die im Pop jedoch fehlt.
Kuhn: Was hier in der Klassikförderung passiert ist, war ein Umbesinnen, dass man nicht über Tradition sondern über Qualität Mittel spricht und gegebenenfalls aufstockt. So geht es heute allen geförderten Orchestern nicht nur finanziell besser, sondern sie haben sich auch alle sehr positiv entwickelt. Was wir aus diesem Modell mitnehmen für die anderen Bereiche, ist, dass eine ­Beurteilung nur über die Qualität funktionieren kann.

Im Grossen Rat hat sich das Ungleichgewicht aber deutlich gezeigt: Im März wurde eine Budgeterhöhung in der Klassik um 370 000 Franken jährlich deutlich angenommen. Bei den zusätzlichen 25 000 Franken für den RFV brauchte es jedoch zwei Anläufe.
Grögel: Diese Fixierung auf Zahlen im Verteilkampf ist verständlich, bringt uns aber nicht weiter. Je nachdem, welches Tortenstück man wählt, sieht die Situation ganz anders aus: So bekommt beispielsweise die Populärmusik viel mehr als die Literatur.

Aber der Vergleich von Klassik und Pop liegt näher.
Grögel: Dennoch glaube ich nicht, dass eine Debatte, die sich nur um Zahlen dreht, zielführend ist. Ein Fördersystem, das in einem Genre wirkt, muss nicht zwingend im anderen auch funktionieren. Unser Anliegen ist – und das entspricht auch unserem Auftrag und dem neuen Kulturleitbild –, die Rahmenbedingen für das professionelle Musikschaffen in allen Genres zu sichern und weiterzuentwickeln.

Die IG Musik wünscht sich unter anderem eine vereinheitlichte Anlaufstelle für alle Genres.
Grögel: Das muss diskutiert werden. Indem wir Förderlücken thematisiert haben, haben wir einen Ball in die Runde geworfen, der mit grossem Echo zurückgekommen ist. Nun nehmen wir den Ball wieder auf und sind davon überzeugt, ihn ins Ziel zu bringen.

Konkret hiesse eine Vereinheitlichung, dass der RFV in der jetzigen Form ausgedient hätte. Ein gang­bares Szenario?
Grögel: Man muss schauen, was Sinn macht. Und dafür muss nun zuerst eine Auslegeordnung gemacht werden und eine Debatte über die Zielsetzungen stattfinden.

Aber verstehen Sie, dass die Kulturschaffenden ungeduldig werden, genau wegen Sätzen wie diesem?
Kuhn: In der Kulturförderung geht es nicht nur um Geld. Es geht auch darum, was am effizientesten wo eingesetzt werden kann. Wir wissen, dass einige lieber eine schnellere Veränderung hätten, aber das macht keinen Sinn. Gemeinsam mit der Kulturförderung Basel-­Land haben wir bereits Anpassungen vorgesehen – aber eben nicht die Revolution, sondern die Evolution.

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