55 Jahre lang hat sich Paul McCartney nicht mehr an die 20 Forthlin Road getraut. In die ehemalige Sozialwohnung, wo er von 1956 bis 1963 mit seinem Bruder Michael und seinem Vater Jim in bescheidenen Verhältnissen lebte. Für die britische TV-Sendung «Carpool Karaoke» des Moderators James Corden kehrte er zurück in die Vergangenheit. Zu den Ursprüngen der Beatles.

Die Reise führte ihn auch in das Philharmonic Pub, wo Paul und John Lennon oft einkehrten und spielten. Noch am selben Tag gab er dort ein Überraschungskonzert, das hohe Wellen warf. Über 130 Millionen Mal wurde der ebenso berührende wie witzige, 23-minütige Clip aufgerufen und löste im Netz eine veritable Macca-Mania aus. Oldie Paul wurde zum Youtube-Star des Sommers. Den Hype befeuert er zusätzlich mit der Veröffentlichung «Egypt Station», seinem neuen Album voll von frischen, lebendigen Songs.

«Fuh You» vom Album «Egypt Station»:

Youtube/Paul McCartney

Beatles-Mekka Mathew Street

In Liverpool ist es leicht, den Spuren des Hypes zu folgen. Die Beatles verfolgen den Besucher in der nordenglischen Hafenstadt auf Schritt und Tritt. Aus den Pubs erklingen rund um die Uhr Hits der Fab Four. Wir residieren im «Hard Days Night», einem Hotel, das sich voll und ganz den Beatles verschrieben hat: Geschichten, Zeitungsartikel, Utensilien an den Wänden und Sound in der Lobby und im Restaurant erinnern an die berühmtesten Söhne von Liverpool.

Gleich nebenan liegt die Mathew Street, wo uns eine lebensgrosse Lennon-Statue empfängt. Die Mathew Street ist das Herz der Liverpooler Musikszene. Eine Musikstrasse, eine britische Version der Beale Street in Memphis, mit Beatles-Laden, Pubs mit Live-Musik und dem berühmten Cavern Club («Most Famous Club in the World») gleich vis-à-vis der Lennon-Statue. Die neueste Attraktion der Strasse ist das «Magical History Museum», ein fünfstöckiges Beatles-Museum, das in diesem Jahr von Raog Best, dem Bruder von Ex-Beatle Pete Best, eröffnet wurde. Unter den über 1200 Erinnerungsstücken findet man auch eine Mundharmonika von John Lennon und die Kriegsmedaille, die er auf dem Cover des «Sergeant Pepper»-Albums trug.

Der Hafen von Liverpool gehörte im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten des Landes. Der industrielle Niedergang setzte ihm nach dem Zweiten Weltkrieg zu. Die Albert Docks präsentieren sich heute aber von ihrer besten Seite. Von der lang anhaltenden Krise ist hier nichts mehr zu spüren. Moderne Architektur kontrastiert mit historischen Bauten. Mit Cafés, Souvenirshops und Museen ist das Gebiet heute auch touristisch ausgerichtet. Das grosse Museum «The Beatles Story» lädt jährlich viereinhalb Millionen Besucher zu einer Zeitreise und im Museum of Liverpool lockt aktuell die empfehlenswerte Gratisausstellung «Imagine Peace» über das Leben und Wirken von John Lennon und Yoko Ono.

Auf unserer Tour durch Liverpool spüren wir den Geburtszellen der Beatles nach. Wegweisend war sicher die 20 Forthlin Road. Hier hat Pauls Vater Jim, ein Hobby-Jazzmusiker, seinem talentierten Filius Harmonielehre, Harmoniesingen und Komponieren beigebracht. Hier hat Paul schon im Alter von 16 Jahren den Song «When I’m Sixty-Four» geschrieben und hier hat er mit seinem Kumpel John Lennon Beatles-Songs wie «Love Me Do» und «She Loves You» komponiert.

Die Urzelle der Band

Doch wo haben sich die Beatles gefunden? Wo sind sie zum ersten Mal aufgetreten? Der Cavern Club bezeichnet sich als «Geburtsort der Beatles». Das ist aber höchstens die halbe Wahrheit. Fast 300-mal sind die Fab Four vor ihrem grossen Durchbruch hier aufgetreten, aber bis 1960 war Cavern ein strikter Jazzclub, wo Rock ’n’ Roll nicht geduldet wurde. Ihren ersten Auftritt hatten die Beatles deshalb erst am 9. Februar 1961, nachdem sie von ihrem erfolgreichen Engagement im Hamburger Start-Club zurückgekehrt waren.

Noch vor dem Cavern war die Lathom Hall in Nord-Liverpool eine wichtige Station auf dem Weg zum Ruhm. Der Club galt als Zentrum des sogenannten Mersey-Beat, des Vorläufers der Beat-Musik, und John, Paul, George (alle noch an der Gitarre) traten hier am 14. Mai 1960 mit dem Bassisten Stuart Sutcliffe unter dem Namen Silver Beats auf. Der Auftritt war kurz und wurde kontrovers aufgenommen. Es kam sogar zu einer Schlägerei, in die Sutcliffe verwickelt war. Erst danach änderten sie den Bandnamen zu Silver Beatles und The Beatles.

Silver Beats: In der Lathom Hall sind John, Paul, George und Stuart Sutcliffe am 14. Mai 1960 aufgetreten.

Silver Beats: In der Lathom Hall sind John, Paul, George und Stuart Sutcliffe am 14. Mai 1960 aufgetreten.

Paul McCartney ortet die Urzelle der Beatles noch früher: Im Casbah Coffee Club, einem Kellerlokal im Wohnhaus der Familie Best. Hier, knapp sechs Kilometer vom Zentrum entfernt, haben The Quarrymen mit John, Paul, George sowie Ken Brown, einem weiteren Gitarristen, den Club am 29. August 1959 eröffnet. Und hier haben sie auch den ersten Schlagzeuger und fünften Beatle, Pete Best, kennen gelernt, der 1962 durch Ringo Starr ersetzt wurde. «Der Casbah Coffee Club ist der Ort, wo alles begann», sagt McCartney. Den Auftritt musste sich die Band aber durch Malerarbeiten verdienen. Noch heute zieren Spinnen, Sterne und eine Silhouette von Lennon die Wände und Decke des Clubs. Es ist die Handschrift von Paul, John und George.

Liverpool ist ein einziges Beatles-Museum. Die Fab Four sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, eine Industrie, die pro Jahr mehr als 100 Millionen Pfund umsetzt. Die Beatles gehören zum Alltag und prägen ihn, sie sind gegenwärtig. Es ist die ewige Beatles-Mania.