Lyrik

«Die Lyrik folgt ganz eigenen Gesetzen»

Schriftsteller Christian Haller ist heute und morgen amLyrikfestival Neonfischeim Aargauer Literaturhauszu Gast. ho

Schriftsteller Christian Haller ist heute und morgen amLyrikfestival Neonfischeim Aargauer Literaturhauszu Gast. ho

«Neonfische» heisst das junge Lyrikfestival Lenzburg im Aargauer Literaturhaus,das an diesem Wochenende zur zweiten Ausgabe einlädt. Der Aargauer Autor Christian Haller wird auch mit dabei sein.

Lyrik – Königsdisziplin der Literatur oder Nischengattung für Liebhaber? Für den Schriftsteller Christian Haller ist sie beides: «Bezogen auf den Markt ist die Lyrik ein Nischenprodukt», erklärt er. «Jedoch literarisch betrachtet, ist sie die höchste der Ausdrucksformen.»

Haller hat seit den 1980er-Jahren neben zahlreichen Prosawerken auch einige Gedichtbände veröffentlicht, und noch heute schreibt er regelmässig Gedichte – «wenn die Lyrik nach ihrem Recht verlangt», wie er erklärt. Natürlich gebe es auch längere und kürzere Unterbrüche, während derer er nicht an Gedichten arbeite. «Aber die Lyrik begleitet mich in meinem Schaffen, seit ich zu schreiben begonnen habe.»

Der 73-jährige Aargauer gehört zu jenen zwanzig deutschsprachigen Autorinnen und Autoren, die heute und morgen am Lyrikfestival Neonfische im Aargauer Literaturhaus zu Gast sind. In Lesungen und Werkstattgesprächen können Schreibende und Publikum vertiefte Reflexionen über die Texte anstellen und sich gegenseitig austauschen. Voriges Jahr wurde «Neonfische» zum ersten Mal durchgeführt und fand grossen Anklang. Das passt zu Hallers persönlicher Einschätzung: «Die Lyrik hat in den letzten Jahren wieder an Bedeutung gewonnen. Viele jüngere Autoren haben sich dem Schreiben von Gedichten zugewendet und ihre Arbeit auch in guten Verlagen publizieren können.» Ihm gefällt die rege Lyriklandschaft der Schweiz: «Wir haben ein hohes Niveau und eine Anzahl hervorragender Lyriker.»

«Nie eine Gattung des Mainstreams»

Das Internet hat nicht wenig dazu beigetragen, lyrische Gattungen wieder mehr zu verbreiten und den Austausch zwischen Autoren und Autorinnen zu fördern. Auf Portalen wie «Lyrikwelt» und «Pro Lyrica» können junge Dichter ihre Texte veröffentlichen und einem ersten Publikum präsentieren. «Das Internet ist ein Ort, an dem Experimente möglich sind. Neue Formen wie Kettengedichte werden ausprobiert», erklärt Haller. Diese sogenannten «Renshi» haben ihren Ursprung in Japan und sind eine Form von kollaborativer Poesie, die aus der Zusammenarbeit einer Gruppe von Autorinnen und Autoren entsteht.

Trotz wachsender Beliebtheit ist die Präsenz in traditionellen Medien wie Zeitung, Radio und Fernsehen gering. Haller sieht die Gründe in der veränderten Medienlandschaft: In den immer schmaler werdenden Feuilletons würden oftmals Bücher besprochen, die bereits ein grosses Echo hätten. «Lyrik war nie eine Gattung des Mainstreams», findet er. «Sie ist kein marktorientiertes Produkt, sondern sucht stets widerständig ihre eigene Sprache und Form.»

Darin liegt für ihn auch der Reiz dieser Gattung. «Lyrik folgt ganz eigenen Gesetzen», erklärt er. Sie sei eine von Handlung und Absicht gelöste Form, die die Sprache zum eigenen Ausdruck bringe – sie zur Kunstform mache. «Und das macht das Gedicht zu etwas, das sich immer wieder an der Sprache reibt», erklärt Haller. Für den erfahrenen Autor entsteht Lyrik aus einem komplexen Hintergrund schriftstellerischer Tätigkeit. «An Gedichten muss man sehr hart arbeiten, und manchmal auch sehr lange. Die romantische Vorstellung des Schreibens ‹aus dem Bauch heraus› gibt es meiner Meinung nach nicht», sagt er.

Grenzen der Sprache ausloten

Was ist für ihn ein gutes Gedicht? «Diese Frage ist unbeantwortbar», antwortet Haller sofort. Es gebe keinen Kriterienkatalog für Lyrik: «Gelingt ein Gedicht, drückt sich das in seiner Ganzheit aus. Verschiedene Einzelteile wie Klang, Rhythmus und Sinnhaftigkeit finden zu einem Ganzen zusammen.» Das Fehlen fester Kriterien will er aber nicht als Freipass für Beliebigkeit verstanden wissen: «Man spürt sofort, ob ein Gedicht gelungen ist oder konstruiert wirkt. Ein geglücktes Gedicht zu schreiben ist etwas Schwieriges und Seltenes – und fast genauso schwierig ist die Beschreibung, warum es geglückt ist.» Genau dieser Schwierigkeit wollen sich die geladenen Autoren und Autorinnen am Lyrikfestival Neonfische widmen, wenn sie in diesen Tagen mit dem Publikum die Grenzen der Sprache ausloten.

Lyrikfestival Neonfische: Aargauer Literaturhaus Lenzburg, heute Sa und morgen So, jeweils 10.15–18 Uhr.

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